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Im Jahr des Wildschweins setzte das Hurricane Festival komplett auf bargeldloses Bezahlen. Zwar gab es erhebliche Anlaufschwierigkeiten; pünktlich zum offiziellen Festivalbeginn am Freitag waren sämtliche Probleme jedoch wieder behoben, sodass die rund 65.000 Festivalbesucher sorglos bis Sonntagnacht durchfeiern konnten.

Nahezu zeitgleich zwischen 15:00 und 16:00 Uhr wurden alle vier Bühnen des diesjährigen Festivalgeländes eingeweiht. Mit den Indie-Acts The Districts und Counting Crows, die zwar nicht unbedingt abwechslungsreich, aber dafür überaus authentisch waren, hatte die „Blue Stage“ anfangs die Nase vorn. Je später der Nachmittag, desto größer jedoch die Konkurrenz seitens der größten Festivalbühne: Auf der „Green Stage“ hatten Danko Jones um 17:15 Uhr ihren fast schon obligatorischen Auftritt.

Am frühen Abend trat dann erstmalig die Situation ein, die ein gutes Festival auszeichnet: Das Programm ist auf allen Bühnen zu gut, als dass man sich für einen der Acts entscheiden möchte. Entgegen aller Erwartungen an „Pretty in Noise“-Autoren machten Frittenbude das Rennen, die kurz nach dem ersten Regenschauer des Tages das Glück hatten, mit der Sonne im Rücken auf der Blue performen zu dürfen. Mit ihrer Mischung aus Hip-Hop und Electro sowie guten, sehr politischen Ansagen und Texten („Deutschland 500“) wusste das Vorzeigeschild von Audiolith Records mal wieder zu überzeugen – dass der Sound etwas dünn wirkte und sich in den Weiten des Scheeßeler Eichenrings verlief, störte dabei auch nicht so recht.

Chillen

Nach kurzer Verschnaufpause, die leider gleichbedeutend mit dem Verpassen von NoFX war, ging es zu den ersten Headlinern des Wochenendes: The Gaslight Anthem. Klar, überraschen werden sie mit ihren Live-Shows wohl niemanden mehr, nichtsdestotrotz gelten sie noch immer zu Recht als eine der besten Bands ihres Genres. Mit allen Hits und Hymnen („Handwritten“, „American Slang“, „The ‘59 Sound“) konnten Brian Fallon und seine Mitstreiter wie immer vollends überzeugen; für die pure Punk-Romantik sorgte der inzwischen wieder eingesetzte Nieselregen, der dem Auftritt ungewollt den letzten Schliff gab.

Anschließend wurde es magisch: Es goss wie aus Eimern, als alt-J aus dem englischen Leeds die Blue Stage betraten. Mit einer atemberaubenden Lichtshow, die stark an die Deutschland-Konzerte zu Beginn des Jahres erinnerte, hätten die Jungs wahrscheinlich nicht einmal die gut 70 Minuten ausschöpfen müssen, um sich als derzeit beste Band des Genres zu beweisen. Dennoch taten sie dem Publikum genau diesen Gefallen und präsentierten das Beste ihrer beiden Alben „An Awesome Wave“ und „This Is All Yours“. Jeder Song ein neues Highlight, jeder Regentropfen das ungewollte Stimmungs-i-Tüpfelchen. Auch wenn sich der ein oder andere Besucher im Endeffekt über besseres Wetter gefreut hätte, fiel es selbst Placebo mit ihrer anderthalbstündigen Show auf der Green Stage schwer, diesen Auftritt zu übertreffen. Was jedoch unter keinen Umständen gegen die aus London stammenden Rocker spricht: Mit den Top-Songs der letzten Jahre („Every You Every Me“, „Song To Say Goodbye“) machten sie deutlich, dass auch für Noch-nicht-Fans kein Weg an den alten Alben vorbeigeht – von denen übrigens die ersten fünf im Rahmen des 20-jährigen Bandjubiläums 2016 innerhalb der nächste 12 Monate als Reissue auf Vinyl erscheinen.

Riesenrad

Wem anschließend nach noch mehr Action zumute war, der hatte die Wahl zwischen den Punkrock-Legenden Suicidal Tendencies sowie den Electro-Produzenten deadmau5 oder Madeon. Für Pretty in Noise war der erste Festivaltag jedoch an dieser Stelle beendet.

In nahezu alter Frische ging es Samstagmittag weiter. Nachdem mit Trümmer, Captain Capa, Kontra K und Weiteren bereits zu früher Stunde ernstzunehmende Newcomer-Acts gespielt hatten, ließ das Lineup am Nachmittag teilweise zu wünschen übrig. Insbesondere die Hip-Hop-Gruppe 257ers, die zwischen den sich ebenfalls nicht mit Ruhm bekleckernden SDP und Alligatoah auftrat, wirkte mit ihrem, nun ja, Teenie-Humor sowie politisch äußerst fragwürdigen Texten etwas fehl am Platz.

Doch genug gelästert, immerhin lieferten Public Service Broadcasting mit ihrem Auftritt auf der einzigen Indoor-Bühne („White Stage“) mindestens genauso viele Gründe für positive Kritik. Drückender Post-Rock trifft kraftvolle Dance-Beats, stimmverzerrte Zitate treffen rauschende Video-Einspieler: Musikalisch wie atmosphärisch boten die sympathischen Engländer eine der besten Leistungen des gesamten Wochenendes. Zwar sind in naher Zukunft bisher nur UK-Termine geplant; potenzielle Deutschland-Shows darf sich jedoch kein Fan von schleppender Instrumentalmusik entgehen lassen.

Mit den anschließenden Acts verschob sich das Programm wieder zeitweise in Richtung elektronische Musik. Die Antwoord aus Südafrika schienen auf der Green Stage komplett auszurasten, während es bei Chet Faker auf der Zeltbühne eher ruhig und gesittet zuging. Kurz zuvor hatte dessen Landsmann Dub FX, bekannt für sein Beatboxing und Live-Looping, mit seinem einstündigen Set, das er geschickt in ruhigen Dub und schnellen Drum’n’Bass unterteilte, die Red Stage zum Tanzen gebracht.

Bier

Sobald der Abend anbrach, kamen die wirklich großen Namen. Über das Talent oder die Innovativität gewisser Künstler ließe sich zwar streiten, doch das ist an dieser Stelle vielleicht nicht das richtige Thema. Wichtig ist, dass – abgesehen von dem wie immer einwandfreien, humorvollen Auftritt vom Farin Urlaub Racing Team – mit Cro („Easy“, „Hey Girl“), K.I.Z. („Hahnenkampf“) und Marteria deutscher Rap an diesem fast schon sommerlichen Samstagabend im Vordergrund stand. Insbesondere Letzterer wusste sein Publikum konsequent zu animieren; nicht nur die Performance aller seiner Hits („OMG!“, „Lila Wolken“), sondern auch die Transformation zu seinem Alter Ego Marsimoto sorgte für mächtig Stimmung. Die Bühnen- und Lichtshow tat natürlich ihr übrigens, sodass der Rostocker keinerlei Probleme hatte, seinen Headliner-Status zu bestätigen. Dass auch Jan Delay, Irie Révoltés und die großartigen Booka Shade anschließend für Top-Stimmung sorgten, bleibt leider nur eine vage Vermutung – nach Mitternacht beginnende Sets sind für Redakteure von Pretty in Noise nur selten angenehm.

Festivaltag Nummer 3 begann hauptsächlich mit kurzen Sets kleinerer Acts (Eagulls, Schmutzki uvm.). Gegen Nachmittag nahm das Programm allmählich Form an, als die US-Emos All Time Low auftraten. Insbesondere ihr „American Idiot“-Cover, im Original von Green Day, schien bei den Besuchern sehr gut anzukommen. Viele pilgerten dennoch schnell zu den anderen Bühnen: Auf der Blue Stage wollte man keinesfalls Milky Chance aus Kassel verpassen, die mit ihrer Mischung aus Folk und Electro trotz fehlender Sonne für Sommerfeeling sorgten. Unterdessen spielten Olli Schulz & Band auf der Red Stage vor abertausenden Menschen – selbst hinter dem letzten Absperrgitter tummelten sich noch Menschen, um an seinem unvergleichlichen Wort- und Sprachwitz teilhaben zu können.

Während die Techno-Beats von Dumme Jungs auch außerhalb des Zeltes noch in den Ohren dröhnten, präsentierten auf der Green Stage die sympathischen Of Monsters And Men ihre neue Platte „Beneath The Skin“. Dass das Hurricane-Publikum trotz der Klasse der großartigen Isländer scheinbar nur den ehemaligen Sommerhit „Little Talks“ kannte, war zwar schade, tat der Atmosphäre insgesamt aber natürlich keinen Abbruch.

Hurricane

Pünktlich zur Tatort-Zeit hätte man sich als Besucher mal wieder gerne aufgeteilt. Als Ersatz für den kurzfristig erkrankten Ben Howard rockten Madsen die Green Stage, während auf der Red Stage The Notwist aus dem bayrischen Weilheim spielten. Letztere lieferten wieder mal ein unbeschreibliches Set gespickt mit einfühlsamem Gesang, melancholischen Melodien und brachialem Noise und bewiesen, dass sie zu den Besten ihres Genres gehören.

Exakt dies konnte Paul Kalkbrenner anschließend auch über sich sagen – seine teils atmosphärischen, teils ballernden Techno-Beats versetzten die Besucher ab 21:30 Uhr nahezu auf dem gesamten Festivalgelände in Tanzlaune. „Cloud Rider“ vom kommenden Album „7“ durfte dabei ebenso wenig fehlen wie die diversen Hits des „Berlin Calling“-Soundtracks. Dennoch hatte auch der Berliner mit der Konkurrenz zu kämpfen: Casper, der bereits am Nachmittag vor der Red Stage gesichtet worden war und fleißig Autogramme gegeben hatte, spielte eine exklusive DJ-Show. So sehr er seine Fans während des einstündigen Sets mit diversen Remixes (u.a. „So perfekt“ als Trap-Version) überraschte, so sehr dankten sie ihm für „Hinterland“, „Mittelfinger hoch“ und weitere Tracks.
Sobald der letzte Song vorbei war, wurde man sich erstmals des Festival-Endes bewusst. Geradezu passend also, dass ausgerechnet Florence And The Machine der letzte Act war – mit der kraftvollen, aber ruhigen Stimme der Britin konnte man das Wochenende gemischten Gefühls ausklingen lassen.

Es bleibt festzuhalten, dass das Organisations-Team den offiziellen Teil des Festivals trotz aller im Vorfeld aufgetauchten Probleme mit Bravur gemeistert hat. Zeitpläne wurden eingehalten, spontane Ausfälle konnten kompensiert werden und das bargeldlose Zahlen hat sich zumindest auf die Diebstahl-Statistik, zumeist aber auch auf die Wartezeiten und die Laune der Besucher positiv ausgewirkt. Das anfängliche Missgeschick am Donnerstag kann man dabei getrost außen vor lassen; Fehler sind menschlich, und selbst Computersysteme mögen mal versagen. Anhand dieser Stunden sollte man nicht den Gesamtverlauf des Wochenendes bewerten, sondern sich viel eher auf das nächste Jahr freuen – in dem ein solches System sicherlich ebenfalls auf dem hohen Level des übrigen Festivals sein wird.

Zeltplatz

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