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Nach dem Konzert begleitet mich Sophia über das Gelände des Münchner Feierwerks. Aus dem gemütlichen Orangehouse geht es an die kühle Herbstluft und zum Hintereingang des Hauptgebäudes. Sophia streicht sich gelassen ihre schwarzen Haare aus dem Gesicht. Während des Soundchecks tippten ihre Finger noch hektisch über ihr Smartphone-Display, Interviewtermine mussten koordiniert werden. Jetzt naht für die Agentin der Arcane Roots der verdiente Feierabend.


Lediglich zehn Minuten dauert es mit dem Van zum Hotel, nach Graz geht es erst am nächsten Tag weiter. Vor einer massiven Holztür treffen wir auf Jack, der seit 2016 das Schlagzeug bei Arcane Roots bearbeitet. Er wirkt erleichtert, nach fünf Shows mit dem neuen Album scheint er angekommen zu sein: „Das war richtig gut heute. Genau das hab ich gebraucht.“

Bassist Adam öffnet uns die Tür, wir folgen ihm in den engen Backstage-Raum. Auf zwölf Quadratmetern stapeln sich die Gepäckstücke zweier Bands und Teile des Bühnenequipments. Ein abgesägter Esstisch mit leeren Pfandflaschen steht am Fenster, auf der Arbeitsfläche der schmalen Küchenzeile türmen sich Edelstahlbehälter des Caterings.

„Wir konnten erst um fünfzehn Uhr in die Location. Bis alles aufgebaut ist, dauert es drei bis vier Stunden“, erklärt Frontmann Andrew. Weil danach der Soundcheck ansteht, ist das Essen mittlerweile kalt. Auch die Jungs von Toska verschmähen die deftige Hausmannskost und schauen nur rein, um ihre Taschen abzuholen. Das Trio um den sympathischen Lockenkopf Rabea Massaad liefert zuvor progressiven Metal in weitläufigen Acht-Minuten-Songs. Wer das zu lang findet, sollte der zweiten Band der Engländer eine Chance geben – Dorje. Deren Alternative Metal ist kompakter und kommt zusätzlich mit Gesang daher.

„Als wir eine unserer ersten Shows spielten“, meint Rabea, „hat Andrew versprochen, dass er uns mit Arcane Roots mal mit auf‘s Festland nimmt. Zwei Jahre später ist es nun soweit.“

Arcane Roots pflegen ihre Freundschaften. Das merkt man auch, wenn man ihre überschaubare Reisegruppe betrachtet. Zu den drei Musikern gesellen sich ihr langjähriger Tontechniker, eine alte Freundin, die Fotos schießt und Merchandise verkauft, und natürlich Sophia, die sich um die sonstigen Belange der Band kümmert. Sophia ist außerdem mit Andrew verheiratet.Der weiß es zu schätzen, dass er auf Tour den wichtigsten Menschen immer an seiner Seite hat. „Sie ist unglaublich verständnisvoll. Das ist der Grund, weshalb wir verheiratet sind. Unsere Ehe ist die einfachste Sache der Welt. Sie versteht, dass ich gerne arbeite und die ganze Zeit an Musik denke. Dass Musik mich glücklich macht. Ich bin froh, in dieser Situation zu sein.“

Adam dagegen kennt die Schattenseiten des Tourlebens: „Manchmal fragt man sich natürlich schon, ob die Opfer, die man bringt, und die schwierigen Zeiten, die man durchmacht, es wert sind.“

„Wir hatten ein paar sehr, sehr schwierige Jahre“, so Andrew. „Aber mein Gott, was haben wir für großartige Geschichten zu erzählen! Wir standen auf den Gipfeln von Bergen und haben unglaubliche Menschen kennen gelernt.“ Letzten Endes sind sich alle drei einig: „Für nichts auf der Welt würden wir das alles aufgeben.“

Auf der Bühne merkt man, wie ernst sie das meinen. Egal ob im Vorprogramm von Biffy Clyro vor mehreren tausend Leuten, auf der Nebenbühne eines kleinen Festivals in Österreich oder vor Publikum, das nur wegen ihnen hier ist – die Engländer schmeißen alles in die Waagschale. „Ich hab einen gewissen Fetisch entwickelt: Mir gefällt es, die Aufmerksamkeit des Publikums verdienen zu müssen“, so Andrew. Im Orangehouse ist das freilich nicht nötig. Als der Albumopener ‚Before Me‘ langsam vor sich hin wabert, hört man aus dem Publikum keinen Mucks. Das komplette, vorinstallierte Bühnenequipment lassen Arcane Roots außen vor, stattdessen gibt es selbstprogrammierte LED-Leisten in den warmen Blau-, Weiß- und Violetttönen des Albumartworks und mittig zwischen den drei Musikern einen gleißenden Deckenfluter, der die Szenerie von unten in feierliches Licht taucht. Selten machen sich Bands dieser Größenordnung derart viele Gedanken zu ihrer Bühnenshow, dabei steckt die Ausarbeitung laut Andrew erst in den Kinderschuhen: „Da kommt noch mehr. Die andere Hälfte der Ausrüstung müssen wir noch zusammenbasteln. Es ist alles bis ins kleinste Detail durchgeplant. Wir sind gut darin, sehr großen Aufwand zu betreiben.“ Das Ergebnis rechtfertigt sämtliche Mühen: Arcane Roots kredenzen ein Gesamtkunstwerk über elf Songs, das von der stringenten Lichtshow zusammengehalten wird. Dabei wühlen sie sich durch ihre beiden bisherigen Alben und die vier EPs, von der ‚Heaven & Earth‘ spielen sie drei aus fünf Songs. „EPs machen einfach Spaß“, erklärt Andrew. „Sie sind viel einfacher zu bewerkstelligen. Man muss weniger Kompromisse beim Aufbau eingehen. Bei ganzen Alben dagegen ist es schwer, den Überblick zu behalten. Zumindest bei der Art und Weise, wie wir Alben aufnehmen.“

Eben diese Detailversessenheit hievt ‚Melancholia Hymns‘ zwischenzeitlich in die Top 20 der britischen Albumcharts – und auch ihre Liveshow sieht Andrew nach fünf Auftritten allmählich da, wo er sie haben will. „Sagen wir, es wird zunehmend besser! München hat bisher am meisten Spaß gemacht. Die anfänglichen Probleme konnten wir hinter uns lassen und wenn man dann spielen darf, ist alles vergessen. Es ist verdammt befriedigend, zu sehen, wie alles ineinander greift: das warme, goldene Licht auf der Bühne; oder wie der ganze Raum mit der Musik mitschwingt.“

Was Andrew damit meint, wird bei den letzten beiden Songs deutlich. ‚Curtains‘ beginnt spärlich ausgeleuchtet, die einzelnen Lichtstrahlen brechen sich im Nebel auf der Bühne und das Publikum hält den Atem an. Bis sich die Single immer weiter dem Höhepunkt entgegenschraubt und sich schließlich in einem brachialen Blitzlicht- und Riffgewitter entlädt. Zum Glück braucht ‚If Nothing Breaks, Nothing Moves‘ weniger als eine Minute, um auf Betriebstemperatur zu kommen. Die restlichen vier Minuten darf sich das hungrige Menschenknäuel vor der Bühne seine Shirts schwitzig gröhlen. So und nicht anders muss eine Band, die sich ein ausführliches Konzept zu ihren Auftritten überlegt, ein Konzert beenden. Die Zuschauer sehen das genauso: Eine Zugabe traut sich niemand zu fordern.

Nach dem Interview schlendern wir gemeinsam zurück ins Orangehouse. Kalt ist es mittlerweile, Jack mümmelt sich in seinen Parka. Adam stopft Kisten in den Lieferwagen, der viel zu klein wirkt für sechs Personen plus Equipment. Er bemerkt meinen skeptischen Blick und grinst: „Unser alter Van hat pünktlich zum Tourstart den Geist aufgegeben. Der hier ist erst ein paar Jahre alt. Das ist schon ziemlich luxuriös für unsere Verhältnisse.“ Wenn Arcane Roots so weitermachen, packen sie ihr Zeug bald in einen Nightliner.

Titelbild: www.facebook.com/sophiagrovesphotography

Arcane Roots – Melancholia Hymns

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