Ein grauer, etwas trostloser Tag Ende Januar. Es gibt nicht viel, was einem an diesem Tag das Gemüt erhellen könnte. Ein Auftritt von Jens Friebe gehört zweifellos dazu. Gesagt, getan. Ort des Geschehens: die kuschelig-gemütliche Ilses Erika. Zeit: Stilecht um 23 Uhr.

Blöderweise ging der Autor dieser Zeilen davon aus, dass diese offizielle Zeitangabe den Auftritt des Voracts beinhalten würde. Dem war leider nicht so, weshalb Vera Kropf sich schon Mitten in ihrem Set befand, als er in der Erika ankam.

Vera wer? Das Internet hat im Vorhinein leider auch nicht viel Abhilfe leisten können. Einzig die Tatsache, dass sie auch bei Luise Pop und den tollen Half Girl mitwirkt, hat sich nach kurzer kritischer Quellensuche in Erfahrung bringen lassen. Von einem Soloprojekt wusste Google noch nichts. Ich dafür nun schon.

Vera Kropf kommt aus Wien und das hört man ihren tollen Songs respektive ihrem Dialekt auch an. Unterstützt wird sie dabei von einer tight aufspielenden Drummachine und ein paar griffigen Gitarrenakkorden. Vielmehr Erkenntnis lässt sich aus den letzten zwei Songs leider auch nicht mehr ziehen, aber wir wissen es ja alle: man sieht sich immer zwei (oder drei oder vier oder fünf) Mal im Leben. Also ciao Vera, bis hoffentlich ganz bald!

Kurzes durchatmen, Lage auschecken, smalltalken, dann betritt auch schon der schöne Jens Friebe samt Band die Bühne.

Unterstützt wird er von Chris Imler am Schlagzeug, bekannt durch seine Beteiligung an ca. 80 % aller deutschen Musikprojekte der letzten 15 Jahre, die das Prädikat „wertvoll“ verdient haben, Pola Schulten von der Band „Zucker“ an Keyboard und Gitarre und Andi Hudl am Bass. Ihr Set beginnen die vier mit dem Song „Special People Club“ von Friebes aktuellem Album „Fuck Penetration“, welches vergangenen November auf dem Berliner Staatsakt-Label erschienen ist und sein erstes Werk in überwiegend englischer Sprache darstellte. Im Laufe des Sets, so kündigt Friebe es direkt am Anfang des Konzerts an, würden sich Songs des aktuellen Albums und ältere Stücke jeweils abwechseln. Nur eine Ausnahme würde es dabei geben, so fügt er hinzu. Wer diese Ausnahme, nämlich zwei aufeinander folgende Stücke vom aktuellen Album – so viel wird verraten – bemerken würde, könne sich nach dem Konzert ein aktuelles Tourplakat vom Merchandise-Stand abholen, die mittlerweile so demoliert seien, dass man sie ohnehin kaum noch verkaufen könne. Ein echter Gentleman!

Die Band versprüht über den Abend hinweg einen unheimlichen Charme. Sie haben Bock zu spielen, das merkt man den Vieren an.

Für das Titelstück des aktuellen Albums holt Friebe sich mit Vera Kropf und Gwendolin Tägert (ebenfalls bei „Half Girl“) noch Verstärkung für den Backgroundgesang auf die Bühne. Während technische Probleme am zweiten Mikrofon behoben werden müssen, klärt Friebe sein Publikum kurzerhand darüber auf, dass es ein gesellschaftlich weit verbreiteter Irrglaube sei, dass man immerzu nur „ficken“ müsse, um sich sexuell befriedigend auszuleben. Um dieser Vorstellung ein hegemoniales Gegengewicht zu bieten, habe er schließlich dann „Fuck Penetration“ geschrieben. Daran anschließend folgt der Song „Call me queer“, ebenfalls von der aktuellen Platte, womit zugleich die Anspielung Friebes vom Konzertbeginn aufgelöst wurde.

Der Song stellt eine ironische Abrechnung mit postmodernen Gender-Vorstellungen dar: „Früher war ich männlich, heterosexuell/ Das langweiligste Genderstudienobjekt der Welt/ Doch durch ein Wunder, einen Linguistik-Term/ Kann ich jetzt auch zu den schrägen Vögeln dazugehören/ Denn ich bin alles und das Gegenteil davon.“

Das offizielle Set wird mit dem wabernd-schönen „Argonaut“ beendet, bevor die vier Musiker_innen im Anschluss noch mal für 2×2 Zugaben auf die Bühne zurück kommen. Der erste Zugabenblock wird beendet durch „Herr der Ringe“ inklusive einer spektakulären (Gesangs-)„Performance“ (o-Ton Friebe) von Chris Imler. Im zweiten Block darf dann natürlich der zu diesem Zeitpunkt schon vielfach geforderte „Lawinenhund“ nicht fehlen, bevor der Abend mit dem fantastischen „(I Am Not Born) For Plot-Driven Porn“ beendet wird.

Titelbild: Mercedes Schulten, Vera Kropf, Jens Friebe und Chris Imler | (c) Margarete Stokowski

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