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Zum 24. mal findet das Krach am Bach in diesem Jahr statt, das laut eigener Angabe seinen „kirmesverdächtigen und inflationärem Festivalnamen“ gewählt hat, um ein Geheimtipp zu bleiben. Das ist ihm dann auch geglückt, was bei seinem Line-Up und seiner Atmosphäre sehr verwundern mag, aber psst, davon gleich mehr.


„Seid ihr zum ersten Mal hier beim Krach am Bach?“ fragt der nette Herr Parkplatzeinweiser. Wir bejahen und statt einer Einführung in die hiesigen Gebräuchlichkeiten kommt erst einmal eine Gegenfrage durch die heruntergekurbelte Fensterscheibe zurückgefeuert: „Aber warum denn, verdammt? Naja, jetzt seid ihr ja hier.“ Ja, wir sind hier. Beelen, tiefstes Münsterland. Einwohner: 6380. Davon römisch-katholisch: 59,54%. Mitglieder im Schützenverein: 1100. Genaue Ortsangabe: Gelände des Fliesenstudios Hartmann, irgendwo bei den Marmorplatten. Bis wir den besagten Bach finden, dauert es ein wenig, das mit dem Krach ist schon einfacher.

Das Krach am Bach wurde als Benefiz-Festival ins Leben gerufen, um einer im Wachkoma liegenden Freundin der Organisatoren (erfolgreich) ihre Behandlung zu finanzieren und spendet auch heute noch einen Großteil seiner Einnahmen an gemeinnützige Organisationen. Auch ansonsten hat sich seitdem wenig geändert, laut Festivalplanervorwort vor allem (Obacht, liebe_r Leser_in, Ironie), der eigenen Faulheit geschuldet. Wahrscheinlicher: ein erfolgreiches Konzept. Zwei Tage lang feinster Stoner-, Blues- und Psychedelic Rock mitsamt seinen wunderlichsten Nischenerscheinungen auf zwei abwechselnd bespielten Bühnen, zwischen denen sich in friedlicher Eintracht langhaarige Zigaretten-selbst-dreher/schnorrer, weißhäuptige Rollatorenchauffeure in Lederkluft und schlammbespritzte Kinder tummeln, die nur noch aufgrund der Farben ihres neonleuchtenden Gehörschutzes auseinander zu halten sind. Die Dorfjugend legt Kaugummi kauend Festivalbändchen um, im Hintergrund schmieren ihre Muttis schon mal Brötchen für das Frühstück am nächsten Tag.

„Friedliche Eintracht“ beschreibt jenes Phänomen sehr passend, das sich bei der Eröffnung am Freitag Nachmittag durch Samavayo abspielt, als eben geschilderte wunderliche Versammlung synchron, in Zeitlupe und mit seeligem Grinsen zu wabernden Klängen mit den Köpfen nickt. Von Euphorie keine Spur, der erfahrene Stoner-Rocker weiß durch vornehme Zurückhaltung zu beeindrucken. Dennoch vermag Wucan aus Dresden mit bauchfrei Querflöte spielender Frontfrau das eine oder andere Blues-beschwingte Bein zum Tanzen zu bewegen. Auf der kleinen Waltzing Wannerup Stage spielen Langtunes aus dem Iran auf, die in ihrer Heimat wegen ihrer „satanistischen“ Musik und einer gemeinsamen Tour mit einer israelischen Band verfolgt werden – obwohl ihr schwelgerischer Elektro-Indie wohl den zahmsten Sound des Festivals liefern dürfte. Die Franzosen Mars Red Sky loten in blutrotem Scheinwerferlicht die Grenzen zwischem verträumt hallenden Melodien und wuchtigen Riffs aus, Mother’s Cake aus Österreich übertreffen alle Erwartungen und bringen den Moshpit mit ihrem explosiven Gemisch aus Red Hot Chili Peppers Groove, Mars Volta Exzentrik und Rage Against The Machine Wumms innerhalb von Sekunden zum Brodeln. Zum Ausruhen bleibt erst nach dem grandiosen Duo Powder for Pigeons Zeit, das mit fuzzig warmem Gitarrensound und schepperndem Desert-Groove eine derartige Energie ins Publikum jagt, dass so manchem erst einmal das Kinn hochgeklappt werden muss, ehe der Befehl „Tanzen, jetzt!“ das sympathische Nervensystem erreicht. Einen kollektiven Kreislaufkollaps verhindern in letzter Minute Electric Moon, die als Headliner des Abends mit hypnotischem Psychedelic die Fledermäuse in die kühlen Abendlüfte locken.

Ein regnerischer Vormittag am kommenden Tag weiß weder den Boden des Krach am Bach Festival-geländes, noch die hartnäckige gute Laune der 2300 Besucher aufzuweichen. Mit dem elektronisch aufgeladenen, hyperaktiven Math-Rock der Luxemburger Mutiny on the Bounty scheinen einige der eher gemütlichere Gangarten gewöhnten Zuschauer zunächst etwas überfordert zu sein, mit ihrer verblüffenden Bühnenpräsenz treiben sie schließlich jedoch erfolgreich jeden noch so dickköpfigen Kater-Dämon aus. Das Trio Glowsun entfalten einen derart famosen Stoner-Breitwand-Sound auf der High Horse Stage, dass es sich selbst Josh Homme mit Zahnstocher-Grinsen liebend gern darin gemütlich gemacht hätte. Die Russen The Grand Astoria zücken anschließend ein Percussion Arsenal und eine Reihe kauziger Anekdoten und wirken wie eine besser gelaunte, jüngere Version von Dinosaur Jr.. Wie ein Trupp manisch-hysterischer Schauspieler bei ihrer Musiktherapie gebärden sich hingegen Wilhelmfreddie aus den Niederlanden, die statt einer Gitarre lieber auf Saxophon und Orgel setzen, denn darauf tanzt es sich zu Spoken Word Tiraden schließlich viel besser. Als Entdeckung des Festivals entpuppt sich für mich das Trio Them Moose Rush aus Kroatien. Wenn ein rasender Elch immer klingt wie At-The-Drive-In in Nirvana-Flanell, ich würde mich ihm jederzeit wieder in den Weg werfen. Schnappatmung dank Colour Haze glücklicherweise wieder in den Griff bekommen. So wunderbar ausufernd, dass Sonntag früh in immer weitere Ferne zu rücken scheint, oder das erste Augustwochenende 2017 in immer größere Nähe, wenn wir endlich behaupten können: „Ja, lieber Herr Parkplatzeinweiser, wir sind fast schon alte Hasen hier. Wir wissen sogar, wo der Bach ist!“

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