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Bereits recht früh gegen 19:30h geht es direkt nach Feierabend an diesem lauen Montag im November in den wunderschönen Postbahnhof am Berliner Ostbahnhof. Das Kurt Vile Konzert an diesem Abend ist restlos ausverkauft.


Irgendetwas vermutet oder viel mehr erwartet man also, wenn sich ein Herr mit langer dunkelbrauner Mähne und Yankee-Akzent hierzulande die Ehre gibt und sich dann auch noch Singer/Songwriter schimpft. Viel gehört hat man schon vom aktuellen und bereits sechsten Studioalbum „b’lieve i’m goin down…“ (erschienen am 25.09.2015 auf Matador) von Kurt Vile, welches wirklich zurzeit auch omnipräsent über die Kanäle flimmert, doch dazu später mehr…

Die Vorband am Konzertabend schimpft sich auf den Namen „Lushes“ und kommt aus ähnlichen Breitenkreisen: New York City, genauer gesagt Brooklyn, das liegt in den Vereinigten Staaten. Genauso klingt das auch, was der Herr an der Gitarre, namentlich James Ardery, und Drummer Joel Myers von sich geben. Das ist wirklich guter Noise Rock, der das Publikum ab der ersten Minute die Ohren spitzen lässt. Aber wer trifft hier auf wen? Bluesig verzerrte, eher verfuzzte Gitarrenlicks mit dem gewissen grungigen Unterton à la J Mascis von Dinosaur Jr. treffen auf variierende Songstrukturen und überlayerte Vocals, die dem Umfeld Neo-Psychedelia, insbesondere Animal Collective, nahe stehen. Der Looper wird intensiv genutzt und steht hier nicht nur zur Zierde, sollte man auf der Uhr haben! Nach knapp einer dreiviertel Stunde ist dieser Appetizer wirklich gut gelungen und die Halle füllt sich genau zum richtigen Zeitpunkt kuschelig warm.

Nach der herkömmlichen Umbaupause, mit einem Getränk überbrückt, steht dann auch schon der Mann vor einem auf der Bühne, der von der Haarpracht her eher zu Toni Iommi oder Johnny Winter passen würde als zum Begriff „Indie-Folk Rock“. Doch genau deswegen sind wir doch eigentlich hier, oder? Es geht hier schließlich um seine Musik und nicht um diese trotzdem mehr als ansehnliche Haarpracht! Vile, der auf der Bühne fast so aussieht wie einer der Gebrüder Kirkwood, nur in mager, beginnt locker aus der Hand mit dem Riff-Rocker „Dust Bunnies“ aus seinem aktuellen Album aufzuheizen. „Don’t know much about history, don’t know much about the shape I’m in“ heißt es da.

Seine Band die Violators und er sind top „in shape“ eingespielt und man merkt, dass die beiden Parteien schon länger miteinander zu tun haben, immer natürlich mit dem gewissen „Auge“ für ihren Leader im Vordergrund. Schon früh folgt der „Hit“ seines neuen Longplayers „Pretty Pimpin“ eine Hymne über den Dämon in sich selbst, sei es nüchtern oder mit Kater. Er steht „Monday, Tuesday, Wednesday“ und sonst auch jeden Tag der Woche vor dem Spiegel und fragt sich, ob er es wirklich ist. „I gotta say pretty pimpin“ – mit der quängeligen Nasalstimme groovt das Ding tight durch und die Kommunikation zur Audienz stimmt allemal. Der zweistimmige Refrain-Teil bringt einen zum Schwelgen. Das sind echte handgeschriebene Songs des Künstlers mit der zu engen Nasenscheidewand.

Zügig und on time geht es weiter mit Kurt Vile, darunter einige ältere Perlen des Songwriters aus seiner bereits amtlichen Diskographie, die sich bis dato hauptsächlich im Underground abgespielt hat: „Jesus Fever“, „KV Crimes“ und „Walking on a Pretty Day“.

Bereits während des dritten Songs fällt mir dann auf, dass der Herr sehr schüchtern ist, beweist aber durch sein Charisma und sein Gitarrenspiel, dass da mehr in ihm steckt, als das Talent Songs zu erzählen. Sein Picking ist exzellent und besitzt einen hohen Wiedererkennungswert, als hätte er sich ziemlich viel alleine mit seinem Instrument beschäftigt. Zu „I’m an outlaw“, Song Nr. 4, beweist er dann auch sein Händchen für das Banjo. Er ist Multiinstrumentalist, der eigentlich in einer Indieband spielt, tritt aber ganz natürlich durch seine authentische Lyrik, seine eigenartige Stimme und seine entspannte Slowhand immer „mehr als ungewollt“ in den Vordergrund. Ein bereits scheinender Stern am Indie/ Folk-Himmel, der jetzt aber angekommen zu sein scheint. Am Ende stellt „Wild Imagination“ den Abschluss des Hauptsets dar: Drumcomputer und Acoustic Gitarre, das genügt, um eine Crowd glücklich und seelenruhig lauschen zu lassen: „Just like I can imagine you can imagine it, can’t you? I got a wild imagination.“

Klingt alles in allem nach einem sehr runden Abend, oder?

Einziger Kritikpunkt an diesem Abend stellt tatsächlich nur die Soundmischung dar, die öfters dann doch mehr als fragwürdig ist. Die Vocals sind teils zu laut, die Gitarren dann doch mehr als einmal zu höhenlastig, das Saxophon bleibt nicht mehr als ein Gag, auch wenn es viel zu laut übertönt hat. Man will es ja immer perfekt haben, aber Fakt ist auch, dass der liebe Tonmensch nicht im Publikum platziert war sondern rechts neben der Bühne. Auch Vile bemerkt das, der zu „Wild Imagination“ mehrmals das Problemchen anzeigt, aber natürlich auch ganz professionell weiter spielt.

Die Zugabe fällt sporadisch aus, Wünsche – ja der Herr nimmt noch Wünsche an, dürfen sogar gewünscht werden: „All in a Daze Work“ aber kein „Girl Called Alex“ und auch kein „Peeping Tomboy“, obwohl dieser angespielt wurden…

Man geht nach Hause mit dem Gefühl, dass es immer noch gute neue Singer/Songwriter gibt, ein neuer Dylan, ein neuer Young, der aber auch den Humor eines Stephen Malkmus mit gefrühstückt hat. Irgendwo müssen sie ja stecken! Einen haben wir hier gefunden und sein Name klingt irgendwie amerikanisch, genau wie das Springsteen Cover „Downbound Train“, das gespielt wurde. Die Musik von Kurt Vile scheint wie aus dem mittleren Westen – bluesig, bluegrassish, hip und dieses mal hat er eines DER Alben für 2015 vorgelegt. Echte handgemachte Songs waren eine ganze Weile weg, doch Vile beweist, dass man auch in dem Bereich immer noch innovativ und ausgefallen positiv auffallen kann, durch geschmissene Vocals z.B.

Freut euch auf mehr Kurt Vile Material, denn der gute alte Bob und dieser Herr hier quängeln ähnlich, zweiterer auch ohne dabei auch irgendetwas von ersterem abzuschauen…

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