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Laibach, die Chefprovokateure der europäischen Avantgarde-Musik, live im Schauspielhaus Leipzig?

Nachdem sie bereits vor knapp 15 Jahren auf dem Bach-Fest in Leipzig gespielt haben, und auch ansonsten seit vielen Jahren zum etablierten Kulturbetrieb gehören, stellt dies natürlich keinen Aufreger mehr dar. Dennoch ist es schön, und mitunter auch amüsant mit anzusehen, wie sich bei einer solchen Gelegenheit die aristokratisch-monumental anmutenden Theaterräumlichkeiten mit Menschen füllen, deren Äußerlichkeiten nicht darauf schließen lassen, dass sie dem Hochkulturbetrieb allzu regelmäßige Besuche abstatten. Doch auch wenn der subkulturelle Dresscode vieler Besucher_innen auf Industrial- und Gothic-Hintergrund schließen lässt, ist doch nicht zu übersehen, dass das Publikum mit Laibach seit 35 Jahren gemeinsam altert. Alles also ein kuschelig-gemütlicher Nostalgie-Abend? Mitnichten.

So wie es sich für eine Veranstaltung in einem deutschen Theater gehört, fängt das Konzert mit minutiöser deutscher Pünktlichkeit an. Acht Uhr heißt (zumindest hier) acht Uhr. Das Licht erlischt, (verzweifelte?) Schreie von Kühen und Schweinen sind zu vernehmen, was unweigerlich Assoziationen an „Meat is Murder“ von The Smiths hervorruft. Nacheinander betreten die Musiker die Band und beginnen zu spielen, danach erscheint die Sängerin Marina Mårtensson, am Ende dann auch Laibach-Sänger Milan Fras. In der ersten Hälfte des Konzerts werden (mit Ausnahme des folkloristischen Abschluss-Stückes „Arirang“) ausschließlich Stücke vom neuen Album „The Sound of Music“ gespielt, das durchaus kontrovers aufgenommen wurde. Die Stücke, die auf dem gleichnamigen Musical basieren, wurden vor vier Jahren erstmals in Nordkorea aufgeführt. Während man dies unter medienwissenschaftlichem Gesichtspunkt als bloßen PR-Coup betrachten könnte, lag das eigentlich faszinierende der Aktion viel eher in der Tatsache, dass den nordkoreanischen Machthabern ganz offensichtlich nicht bewusst gewesen ist, welchen tatsächlichen Hintergrund Laibachs scheinbar affirmative Zurschaustellung von Totalitarismus, Uniformismus und Militarismus in Wahrheit hat.

Doch auch wenn Laibachs Version von „The Sound of Music“ konzeptuell durchaus interessant gestaltet ist und die Idee der Implementierung von popkulturellen Motiven in totalitäre Kontexte in einer langen Traditionslinie Laibachs steht, kann doch gesagt werden, dass das Werk unter rein ästhetischen Gesichtspunkten durchaus ambivalente Assoziationen hervorruft. Zwar wurden die Originalstücke einer musikalischen Radikalkur unterzogen, doch strotzt auch Laibachs Version an allen Ecken und Enden vor Kitsch und Pathos. Vielleicht muss man dies im Sinne der künstlerischen Idee verstehen und ertragen, zu Laibachs Glanzstunden zählt das Werk aber nicht. Dennoch entfaltet das Werk in vielen Momenten seine Wirkung, etwa, wenn Sänger Fras in „Sixteen, going on Seventeen“ als unangenehm lüsterner Mann auftritt, der einer unschuldig wirkenden Mädchenstimme zustöhnt: „You are sixteen going on seventeen, Baby, it’s time to think! (…) You need someone older and wiser, Telling you what to do!“ Nicht erst seit #metoo und Co. werden Szenen wie diese glücklicherweise in einem anderen Licht betrachtet als zur Entstehungszeit des Originalmusicals in den 50er Jahren. Der hervorgerufene Ekel ist nicht zuletzt Ergebnis der gelungenen, weil überaus klischeehaften Interpretation von Fras und Mårtensson.

Nach 45 Minuten ist dann die erste Häfte des Sets beendet. Theatertypisch folgen 20 Minuten Pause, was einerseits dem Konzert-Flow etwas zuwider läuft, andererseits konzeptuell eingebettet ist in die Zweiteilung der Show von Laibach. Nach der Pause erweckt einen nämlich das Gefühl, eine andere Band vor Augen zu haben. Sängerin Mårtensson ist hinter der Bühne geblieben, nun bieten Laibach, ganz im Sinne der Polarisierung und Kontrastierung hauptsächlich Stücke aus der ganz frühen Phase der Band. Ein wahres Industrial-Gewitter bricht über das Publikum herein, Störgeräusche, Lärm und Gewalt bestimmen nun das Bühnenbild. Damit stellen Laibach all jene zufrieden, die in der ersten Hälfte der Show mit der Darbietung möglicherweise etwas gefremdelt haben. Als Zugabe werden noch drei weitere Stücke gespielt, darunter der Laibach-Klassiker „Sympathie for the Devil“, bevor – ganz im Sinne des gewohnten Spiels mit massenkulturellen Elementen – ein Hollywood-typischer Abspann mit gefälliger Countrymusik das Konzert beschließt.

Titelbild: Laibach | (c) Jan Schubert

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