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Marilyn Manson 06. November 2015, Columbiahalle Berlin (Sold Out), Support: TÜSN


Schon im Voraus der ausverkauften Show in der Columbia-Halle war mir bewusst und klar vor Augen, dass ich heute eines der größten Idole meiner Kindheit zum ersten Mal nach so langer Zeit ganz real zu sehen bekomme: Marilyn Manson. Ein Künstler, der um die Jahrhundertwende durch seine Musik und seine Kontroversen zum größten Rockstar des Planeten avancierte, der gefürchtet wurde und nach seinem Zenit nicht schlechter wurde, sondern über die Jahre weiter gereift ist – wie ein guter Wein aus der Pfalz.

Das war damals. – schockierend – 1999 – zum Kopf schüttelnd –angesagt bei Select MTV mit Anastasia – der Teufel im Kostüm des Papstes, wie Marilyn Manson am Anfang im Video zu „Disposable Teens“ vom „Holy Wood“ (2000) Album aus der Hölle empor steigt. Doch heute schreiben wir nicht das Jahr 1999, sondern 2015 und Marilyn Manson ist mit dem neuen Album „The Pale Emperor“ (2014) im Gepäck in der Stadt, um in der ausverkauften Halle auch Songs daraus zum Besten zu geben. Ein Album, das wieder zum ursprünglichen Sound zurück gefunden hat – von Kritikern durchweg gut angenommen. Die Erwartungen waren also hoch und eines kann ich vorwegnehmen: enttäuscht wurde ich nicht. „Disposable Teens“ wurde gleich als zweites in die Runde geworfen und legte die Messlatte dementsprechend ebenso weit oben an.

Doch fangen wir doch, wie es sich gehört, mal ganz vorne an. Pünktlich gegen acht war die C-Halle im Berliner Bezirk Tempelhof schon früh gut gefüllt. Zwei Riesenschlangen links und rechts verraten, wie groß die Fanbase des Schockrockers immer noch ist. Das Konzert ist ausverkauft. Das wissen spätestens zu dem Zeitpunkt auch die leergegangenen Fans vor der Halle sowie die, die vereinzelt dreistellige Beträge für einen Platz locker machen. Das Publikum ist schwarz gespickt: Unter Anhängern der Subkultur „Metal“, herausgeputzten der Art „Gothic“ und den ganz „normalen“ Leuten, die wohl gerade noch Datenbanken gepflegt haben, befinden sich aber auch junge Fans, die vermutlich zu Mansons Hochphase noch nicht einmal die Zahl „6“, ganz zu schweigen die Zahl „666“, buchstabieren konnten. Ähnlich war das damals auch, als der Begriff „New Metal“ noch frisch war und nicht als Beleidigung oder Jugendsünde einer ganzen Generation aufgefasst wurde (die Deftones spielen übrigens in zwei Wochen hier). Die Vorband TÜSN weiß zu überzeugen und das Publikum auf gewissem Level zu unterhalten: fette Gitarrenwände, kreative, durcharrangierte Songstrukturen und brechende Basslines, gepaart mit deutschsprachigen, melancholischen Texten. Das klang interessant, das machte aufmerksam.

Um 20 nach 9 ist es dann soweit für den Mainact. Mit einer wahren Worship-Predigt wird die Herrschaft des Satans „He is in me“ eingeleitet, gefolgt von 3 Minuten Gangster Rap – Überraschung! Erinnerst du dich als Marilyn Manson damals in Eminems Video tanzte? Dann, im Rauch, betritt der Antichrist die Bühne und legt sofort einiges vor – „Deep Six“ vorangesetzt an die Holy Wood Hymne – wir bewegen uns alle hier schon und müssen schon neue Getränke besorgen. Das Set ist voll gespackt mit Klassikern aus der „Antichrist Superstar“ und „Mechanical Animals“ Ära und das Publikum tobt. Manson zieht das volle Programm durch. Die Stelzen kommen bei Sweet Dreams zum Einsatz, welches das wohl einzig anerkannte Cover dieses Songs da draußen ist. Getragen durch die variierenden Drums von Gil Sharone, der Ex Dillinger Escape Plan Drummer macht seinen Job gut, und die leidenden Vocals sind wir hier schon auf einem Peak. Mit „mOBSECNE“ dann auch ein Post-Trilogie Stück, das jeder kennt. Er ist und bleibt ein Entertainer durch und durch.

Dann das Rednerpult – insbesondere in Berlin für immer auch von ganz besonderer Brisanz. Er tobt am Pult. „Antichrist Superstar“ – der Christ hält eine Rede, das funktioniert immer noch nach all den Jahren. In einer roten Jacke stehe ich allein unter schwarz gekleideten Mitmenschen und mein Mund steht offen… was für eine Show! Marilyn Manson und Twiggy, gekleidet als Starchild von Kiss, sind eine Wand, harmonisieren wie eh und je. Twiggy, der ebenfalls im Publikum gefeiert wird, beweist spätestens zu „The Dope Show“ ganz klassisch mit weißem Thunderbird bekleidet und als Manson ihn mit einem Mehl gefüllten Kondom bekleckert, dass er ebenfalls für das Rückgrat dieser Band steht. Mehrmals fliegt Unterwäsche. Das ist nicht Gene Simmons auf der Bühne, aber er ist ihm mittlerweile ebenwürdig.

Spätestens zum höllischen „Angel With The Scabbed Wings“ und „Irresponsible Hate Anthem“ dreht auch der letzte Fan des harten Kernes richtig durch. Diese Trilogie hat Musikgeschichte geschrieben. Manson ist nah am Publikum, überströmt von Flüssigkeiten jeglicher Art und ohrfeigt auch mal eine Frau, für das er sich natürlich gleich im Nachhinein entschuldigt. Das wäre vor 15 Jahren so nicht passiert. Doch der Herr kann nach einer so langen Zeit immer noch auf seine treue Gefolgschaft zählen. Er ist in Form und mit ihm seine Musik. Songs wie „No Reflection“ oder „Cupid Carries a Gun“ können überzeugen und der bleiche Eroberer hat uns längst auf den Knien. Eigentlich sind es Classic Rock Songs, kreativ verpackt, durcharrangiert mit zusätzlichen Licks und einer gehörigen Prise Show. Textlich und visuell wird mit den katholischen und westlich geprägten Werten gespielt. Ich kann mich noch genau an die Zeiten erinnern, als er die personalisierte Furcht in den konservativen Haushalten war. Als die Eltern dem Kleinen die Musik verbaten und das Kind trotzdem nicht aufhören konnte von der Musik und dem perfekten visuellen Konzept abzusehen. 10 Jahre später kaufte sich das „Kind“ abermals die CD, diesmal mit Mami und Papi im Ausverkauf bei Media Markt – ein alter Hut. Zeiten ändern sich aber man erinnert sich daran.

Nach 1,5h ist der Gig auch leider schon zu Ende. Mit „Coma White“ beendet MarilynManson das Konzert ganz hinter einer Wand aus Rosen, wohl einer der schönsten geschriebenen Tracks der Band, ein großartiges Arrangement der einzelnen Instrumente, ein melancholischer Text über die bösen Substanzen und das All. Vieles an diesem Abend ist in „Space“, denn auch „Cruci-Fiction in Space“ wurde gespielt und „Starchild“-Twiggy war ebenfalls von Anfang an da draußen unterwegs. Im Rauch verabschiedet sich der Fürst ins Weite und lässt ein länger hoffendes Publikum ohne Rückkehr zurück. Doch die sind mehr als zufrieden, denn es war ein mehr als gelungener Abend, der gezeigt hat, dass Marilyn Manson nichts an seiner Faszination und Präsenz verloren hat. Er ist als Künstler früh zu einer großartigen Marke geworden, die für etwas steht und starke Reflektionskraft besitzt. An diesem Abend verneigen sich alle anwesenden Anhänger jeglicher Subkultur – in den Armen liegend – vor ihm, dem Dark Prince of Death – dem einzige wahren Antichrist Superstar!



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Roland
Gast
Roland

Hallo! Natürlich über relevante Acts! Mit Kamasi Washington habt ihr ja auch endlich wieder über den Tellerrand geschaut, was meiner Meinung nach zu wenig passiert! Irgendwie bleibt doch immer alles bei Postrock, Indie, Doom, Postpunk, Folk etc Hängen . Schaut einfach mehr über Genregrenzen ! Euren Grundansatz finde ich sehr gut aber auf Dauer muss da mehr passieren! Eines noch an den Redakteur des Manson Artikels: Manson ist mit Sicherheit weder der Antichrist Superstar noch der Dark Prince of Death! Da wird über einen Schmierenkomödianten wie Manson berichtet als wenn er die Innovation mit Löffeln gefressen hat, dabei ist seine… Weiterlesen »

Roland
Gast
Roland

Hallo !
Warum muss in einem Underground Online Musik Magazin ein Bericht über
Den langweiligen Manson stehen?
Das ist Platzverschwendung und interessiert doch keinen wirklichen Musikfan!
Mansons Musik ist so relevant wie das Sparbuch meiner Oma!
Es gibt genug interessantere Bands und Events!
Wirklich lächerlich!

MfG
Roland

Marc Michael Mays

Danke für die Kritik. Über wen dürfen wir für dich berichten?

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