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Nun was erwartet man im Jahr 2016, wenn man zu einem Massive Attack Konzert geht?

Geht es hier um ein 90’s Revival oder etwa um neue Musik der Herren aus Bristol? Nun ja, eigentlich um beides und diese beiden Punkte sind gepickt mit aktuellem, nicht ganz so positiven Zeitgeschehen…

Massive Attack spielen an diesem Abend in Berlin – ein kleines, feines Städtchen im Osten Deutschlands bei dem man früh sein muss mit Ticketkauf und so, insbesondere, wenn man sich etwas kulturell Anspruchsvolles ansehen will… Und so kommt es auch, dass an diesem immer noch kalten Februarabend die schönste Halle der Hauptstadt – das Tempodrom, auch wegen ihrer Dachkonstruktion – gar an zwei aufeinander folgenden Abenden restlos ausverkauft ist (wir reden hier über den zweiten Abend). Eine klare Ansage dafür, was die Relevanz, Kredibilität und Popularität dieser Band immer noch angeht.

Doch los geht es pünktlich um 19:15h mit dem Supportact und Mercury Prize Gewinnern Young Fathers: drei Herren unterschiedlicher Abstammung mit tiefstem schottischen Akzent. Diese nicht konformen Eckpunkte vereinigen die Jungs perfekt auf der Bühne zu einem einheitlichen, faszinierenden Ganzen – nicht etwa an ihren Instrumenten, sondern als reine Stimmcombo – Chorknaben im Hip Hop-, TripHop- und Electronica-Segment. Nur unterstützt von einem Drummer und einem einseitig monoton oszillierenden Synthesizer. Die Männer haben Spaß, bleiben aber ernst ohne Ansagen. Tracks wie „Soon Come Soon“ bleiben im Ohr und werden später auch noch mal zu Ohre geführt. Alleinstellungsmerkmal bleibt die minimale Instrumentierung und der Fokus auf die vokalen, der Weltmusik-anmutenden Unisono.

Nach kurzer Umbaupause füllt sich die Halle dann doch bis auf den letzten Platz und es geht los mit dem Mainact aus Bristol. Und wie! Mit den frühen Klassikern „Paradise Circus“ und „Risingson“ sind passende Warmmacher gewählt, denen aber auch die Stücke der neuen EP wie „Ritual Spirit“ feat. Azekel oder „Psyche“ von Heligoland (2010) die Stirn bieten können. Und am Gastpersonal wird von 3D und Daddy G sowieso nicht gespart. Alle sind sie gekommen. Horace Andy singt immer noch großartig und performed früh „Girl I Love You“ und „Angel“. Ersteres mittlerweile ebenbürtig zu den „Mezzanine“-Evergreens. Die restliche Band ist tight und eingespielt. Del Naja mag es rumzuspielen und im Hintergrund die Fäden zu ziehen, das große Ganze zu steuern. Marshall taucht immer im richtigen Moment wieder auf der Bühne auf. Großartig, wie die beiden, in aller erster Linie Del Naja die Band führen. Keine Spur von Starallüren oder Rampensäuen. Hier zählt das audiovisuelle Werk und wirklich nichts anderes.

Mittig folgen „Jupiter“ und „Teardrop“, beide performed mit Martina Topley-Bird, ganz eigen aber sehr interessant instrumentiert. Als hätten nicht so viele Bands ihrer Generation das gleiche Problem mit dem verhassten, nicht gern zu spielenden Megahit. Spätestens dann beginnt das Publikum sich stärker zu bewegen und es schmiegen sich Leute zum Tanzen aneinander, die sich ansonsten nicht einmal einen Blick auf der Straße zuwerfen würden.

Doch tatsächlich sind wir an diesem Abend dann nicht nur wegen der Musik gekommen. Die Band, die just auch ihre eigene App „Fantom“ veröffentlicht hat, spielt auch mit einer gesellschaftskritischen, antikapitalistischen und antirassistischen Lichtshow und darin versteckten Botschaften. Was wird bei der großen Suchmaschine gesucht in 1 zu 100, 1 zu 1000, 1 zu 1000000. Eine Reizüberflutung an Input für unser ach so zartes Gedächtnis. Die Flüchtlingskrise und das westliche Schlaraffenland. Das Konzept schafft es jedoch diese Geschichte parallel zu erzählen, ohne dass die Musik den Stempel einer politischen Botschaft aufgedrückt bekommt. Dafür sind die meisten Stücke der Band dann doch zu etabliert im Musikrepertoire dieser Erde.

Nach knapp 75 Minuten sind Massive Attack mit dem ersten Set durch. Dann natürlich die Schreie nach mehr. Fast Makaber, was sich dann gezielt in Verbindung mit dem Lichtkonzept abspielt. Während das Publikum Zugabe schreit zeigt die Bühne Bilder der aktuellen Flüchtlingskatastrophe, die etwas bewirken in den Köpfen – plötzlich ist es nachdenklich ruhig. Dann folgt wiederrum konträr „Unfinished Sympathy“ mit der wunderbaren Deborah Miller. So etwas wie eine Hymne passend zu Berlin, wo der Track seit Jahren als Rausschmeißer in sämtlichen Clubs der Stadt durchgeprügelt wird. Zwei Welten sind an diesem Abend unter einem Dach: das entspannt euphorische auf der einen Seite das niedergedrückt depressive auf der anderen. Der Körper ist wach und denkt wieder nach.

Abschließend lässt sich noch sagen, dass die neue Massive Attack EP „Ritual Spirit“, erschienen am 28. Januar über Virgin, auch live sehr überzeugt mit den gewohnt hookigen Signature Klangfarben und Features der Band. Bei „Heligoland“ waren einige Hörer enttäuscht, doch Stücke wie „Babel“, „Girl I love You“ oder „Paradise Circus“ haben sich live mehr als etabliert. Ähnlich werden es auch die neuen Stücke mit Sicherheit tun, allen voran der Titeltrack und das fast als Selbszitat daher kommende Tricky Stück „Takte It There“, das an diesem Abend auch als Zugabe mit dem alten Weggefährten performed wird. Ein Exempel für das was einst für eine gewisse Zeit Trend und als der aktuell heißeste Scheiß der Erdkugel galt, damals Mitte-Ende der 90er. Von ihrer Faszination und Eigenheit hat diese Musik bis zum heutigen Tag in keinster Weiße etwas eingebüßt.

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