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Im vergangenen Herbst gab die britische Post Rock-Band Maybeshewill nach elfjährigem Bestehen ihre Trennung bekannt. Auf ihrer Abschiedstour waren die fünf Musiker seit Februar in ganz Europa unterwegs, um sich von ihren Fans zu verabschieden, wobei sie erstmals und leider auch zum letzten Mal in den USA auftraten. Wir haben uns für euch das finale Konzert im Londoner KOKO angesehen.


Camden Town London, Freitag, 08. April 2016.
Es gießt in Strömen, so wie man das von dieser Stadt erwartet. Das KOKO gibt von außen eine hübsche Figur ab, doch von innen ist es erst richtig pompös. Es wurde im Jahre 1900 erbaut und diente seitdem als Theater, Kino und Diskothek.

Das letzte Konzert von Maybeshewill ist natürlich ausverkauft, was in diesem Fall bedeutet, dass ca. 1400 Tickets verkauft wurden. Dazu kommt eine lange Gästeliste, die vorwiegend aus Freunden und Verwandten der Band besteht, dazu wenige Pressemitarbeiter und Fotografen. Der Innenraum des Konzertsaals besteht aus einer recht überschaubaren Fläche für Stehplätze sowie sehr großen Emporen, die ringsherum verlaufen. Die Running Order für diesen Abend ist klein und straff. Die britische Band You Slut! spielt ein paar Songs und nach einer halbstündigen Umbaupause sind Maybeshewill an der Reihe. Danach werden alle Besucher schnellstmöglich aus dem KOKO entfernt, das sich für die Nacht rüsten muss, in der es wieder als Diskothek fungieren wird.

You Slut! geben eine sehr gute kurze Show im rappelvollen KOKO ab. Mit ihren progressiven, mathigen, teils fröhlichen und teils brachialen Klängen versetzen sie das Publikum in die nötige Schwingung für den Rest des Abends. Persönlich konnte ich der Musik dieser Band bisher nichts abgewinnen, aber fortan gehören sie zu der Kategorie Bands, die deutlich an gefühlter Qualität zunehmen, wenn man sie live sieht. Für dieses aufregende letzte Konzert von Maybeshewill sind You Slut! sicher die optimalen Einheizer.

In der Umbaupause werden einige Songs gespielt, die ich schon auf dem Konzert in Hamburg einen Monat zuvor gehört habe. Es scheint also eine persönliche Playlist der Band oder des Tonmenschen zu sein. Einer der Songs könnte eine Remix-Version eines Arms and Sleepers-Songs sein. Während alle Besucher gebannt vor der Bühne stehen, auf der gerade die letzten technischen Maßnahmen vorgenommen werden, wird das Licht schon etwas gedimmt und es erklingen andere elektronische Klänge. Das Publikum bricht in Jubel aus, doch tatsächlich passiert noch nichts auf der Bühne. Der letzte Song, der in dieser Umbaupause gespielt wird, ist tatsächlich „She Will“ von den Rappern Lil Wayne und Drake. Nicht das, was man erwartet hätte, aber zumindest durch den Titel durchaus passend und unterhaltend für das tanzende und jubelnde Publikum.

Und dann geht es los. Maybeshewill betreten die Bühne zum Opening ihres Albums „I Was Here For A Moment, Then I Was Gone“. Das KOKO bebt. Es herrscht eine unfassbare Spannung aus Freude, Erwartung und einer gewissen Trauer darüber, dass dies der letzte Auftritt sein wird. Man möchte jede einzelne Sekunde in sich aufnehmen und für immer speichern.

Maybeshewill
Auf der Bühne explodieren die fünf Musiker zu „Take This To Heart“, dem Folgesong zu ihrem Intro. Wie gewohnt im weißen T-Shirt springt der kleine Gitarrist Robin über die Bühne, vor und zurück, dreht sich im Kreis und lässt seine Schultern im Rhythmus der Musik spielen. Ebenfalls energetisch wie ein freigesetzter Juggernaut bewegt sich Bassist Jamie über die Bühnenmitte. Dass die Musiker nicht ständig über ihre Kabel stolpern, ist für mich immer wieder überraschend, doch sicher ihrer langen Bühnenerfahrung geschuldet. Eher statisch, was seine Bühnenpräsenz betrifft, ist Gitarrist John am linken Bühnenrand. Er erweckt den Eindruck des konzentrierten Denkers. Zwar bewegt er sich auch einige Schritte von seinem Posten vor und zurück, jedoch ohne diesen beinahe jugendlichen Elan, den seine Kameraden an den Tag legen. Er ist es auch, der zwischen den Liedern sein Wort an das Publikum richtet, sichtlich bewegt von der überwältigenden Besuchermasse im KOKO und von seinem eigenen Abschied.

Insgesamt spielen Maybeshewill eine große Auswahl ihrer Songs aus allen Alben, wobei die meisten standesgemäß sehr energiegeladen sind, und andere wiederum angesichts dieser letzten Show noch deutlich mehr an subjektiv empfundener Tiefe und Schwere gewinnen.

Maybeshewill

Immer wieder tritt John an das Mikrophon und richtet Dankesreden an die Unterstützer und Freunde der Band, an die Fans, die sie jahrelang begleitet haben und an diesem Abend so zahlreich erschienen sind. Als er die Worte ausspricht, dass dies der letzte Auftritt sein wird, ertönen heftige Buh-Rufe aus dem Publikum, die seine Rede förmlich minutenlang unterbrechen. Es sind gut gemeinte Buh-Rufe von Fans, die nicht glauben wollen, dass dies das letzte Mal sein soll, das sie diese Band auf der Bühne sehen; und dann entwickeln sie sich zu einem allgemeinen Jubel und Hunderte Arme strecken sich aus dem Publikum in die Luft, mit vielen Händen, die Herzen formen.

Ihr letzter Song vor der Zugabe ist „Not For Want Of Trying“ – einer der wohl kritischsten und wütendsten Songs ihrer Diskographie und einer der wenigen Songs überhaupt, das über ein Zitat-Sample verfügt, das man so etwas wie mitsingen kann. Die Menge gerät ins Toben und es entsteht ein wahrlicher Moshpit in den vorderen Reihen des Publikums. Die Stimmen erheben sich und am Ende mag es der größte Teil der Besucher sein, der die Worte „I’m as mad as hell and I’m not going to take this anymore!“ der Bühne entgegenschreien.

Maybeshewill

Und dann, schneller als man sich dessen bewusst wird, nach 14 Songs, ist der Moment des Finales erreicht. Keyboarder Matthew und Gitarrist Robin tauschen ihre Instrumente und der geneigte Fan weiß natürlich, was nun geschieht: „He Films The Clouds Pt. 2“, die Zugabe aller Zugaben und das vielleicht phantastischste Lied dieser Band. Das ganze Publikum singt, während die Musiker staunend und hingerissen auf der Bühne stehen. Und am Ende dieses Songs, bei dem die Band sich zum letzten Mal austobt, stehen fünf Musiker Arm in Arm und mit Tränen in den Augen auf dem Bühnenrand und verneigen sich vor ihren jubelnden und erweichten Fans.

Damit hat die bewegende Ära mit Namen Maybeshewill ihr gutes Ende genommen.
Maybeshewill
Man kann hoffen, dass es irgendwann einmal eine Wiedervereinigung geben mag. In jedem Fall wünschen wir den Musikern für ihre zukünftigen Projekte alles Gute und bedanken uns für elf wunderbare Jahre, in denen wir sie begleiten durften.

Setlist:
Opening
Take This To Heart
CoConspirators
Red Paper Lanterns
All Things Transient
In Another Life
Accolades
In Amber
Sanctuary
Critical Distance
In The Blind
To The Skies
Not For Want Of Trying



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