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So viel vorweg: Das New Fall Festival in Düsseldorf ist sicher kein klassisches Festival. Auch wenn die Bezeichnung ‚Festival‘ das vermuten lässt, handelt es sich hier eher um eine Konzertreihe, eine Vielzahl von Konzerten, die in Düsseldorf in zum Teil atemberaubend schönen Locations stattfinden. Die Tonhalle, die schon bei der Betrachtung von außen einen imponierenden Eindruck hinterlässt, ist eine der Locations. Dass auch für jeden Auftritt einzeln ein Ticket gekauft werden muss, lässt das ganze dann doch sehr weit von einem ‚Festival‘ abrücken. Es zeigt sich wieder mal, dass im generellen Kulturbetrieb in Düsseldorf manches irgendwie anders läuft; man will dazugehören zu den hippen Städten mit ihren Kunst- und Musikfestivals, schielt aber in höchster Instanz vor allem auf die Zahlen. Dafür zeichnet sich das Line Up durch eine den Locations in nichts nachstehende Vielfalt und Qualität aus: Neben vielen kleineren Acts, London Grammar und den Kaiser Chiefs spielten Mogwai an diesem Wochenende ihr erstes Konzert in Deutschland seit der Tour im März/April diesen Jahres. Für die Tonhalle, in der sonst eher klassische Konzerte stattfinden, sicher eine interessante Abwechslung.

Die imposante Erscheinung der Tonhalle setzt sich im Inneren fort: In der Mitte der Eingangshalle, welche direkt unter dem eigentlichen Saal liegt, können sich die Zuschauer mit Getränken und Brezeln eindecken. Ein großer Pluspunkt geht außerdem an die kostenlose Garderobe und das insgesamt sehr freundliche Personal. Das ist heutzutage eher die Ausnahme. Auch der Merchstand der Band befindet sich in dieser Vorhalle. Eine seltene Kritik an die Band: Bei aller Liebe für Mogwai und ihre großartige Musik, aber 25 Euro für ein simples T-Shirt oder 15 Euro für einen Jutebeutel sind einfach zu viel. Glücklicherweise gibt es auch kostenlose und vom Design her wirklich schöne Poster des New Fall Festivals, die als Andenken mitgenommen werden können.

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Über eine der vielen Treppen gelangen die Besucher in den komplett bestuhlten Konzertsaal. Für ein Konzert dieser Art ist es auf jeden Fall ein Traum, das Schauspiel entspannt im Sitzen zu verfolgen. Leider wird es an dieser Stelle recht auffällig, dass die Halle vor allem auf den Oberrängen nicht gut gefüllt ist. Das könnte auch daran liegen, dass der Preis im Vergleich zur vorherigen Tour recht happig ist. Was den Veranstalter sicher nicht zu Jubelstürmen animiert, ist für einige Konzertbesucher jedoch ein Glücksfall. Zur Erklärung: Die für den Auftritt aufgebauten Boxen sind so ausgerichtet, dass einige Besucher auf ihren Plätzen im Unterrang hinter den Boxen sitzen, was sicherlich ein soundtechnisches Fiasko zur Folge hätte. Warum diese Plätze überhaupt in den Verkauf gegangen sind, ist unbegreiflich und auch schlichtweg eine Frechheit. Natürlich ergreifen sofort sämtliche Leute auf diesen Plätzen die Gelegenheit beim Schopfe und nehmen einige der freien Plätze auf den Oberrängen ein.

Irgendwann haben es dann alle Leute geschafft, einen Platz zu finden und nach einer kurzen Ankündigung betritt die Band die Bühne. Es gibt diesmal keinen Support, aber auch schon auf der letzten Tour war dieser eher zur netten musikalischen Untermalung der eigenen Wartezeit und Unterhaltungen gut.

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Mogwai beginnen heute die Show, wie sie eigentlich jede Show beginnen: Ein kurze Vorstellung, ein kurzes „Hallo“ und anschließend spricht die Musik für sich. Der Opener ist heute wieder Heard About You Last Night, welches meiner Meinung nach der stärkste Song des aktuellen Albums Rave Tapes (Review) ist. Auch (oder besonders) live entfaltet der Song sofort eine unglaubliche Energie und die erste Gänsehaut lässt nicht lange auf sich warten. Das Keyboard steht hier wie so oft bei neueren Mogwai-Songs im Zentrum der klanglichen Höhepunkte. Die wunderschönen Melodien finden ihren Weg bis in die letzte Ecke des Saals und lassen ihn erbeben, denn wie immer ist es auch heute mogwaitypisch sehr laut. (So laut, dass die Besucher am Eingang mit Hinweisschildern gewarnt werden, aber nicht so laut wie in Köln, dass man ohne Gehörschutz drei Tage lang ein wenig mit den Nachwirkungen zu kämpfen hat.)

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Das Bühnenbild besteht immer noch aus dem aktuellen Albumcover, doch im Gegensatz zum Auftritt in Köln fällt die Lichtshow heute etwas intensiver aus. Es lässt sich sicher darüber streiten, ob das überhaupt nötig ist. Uns hat es allerdings nicht gestört. Was zählt, ist einzig und allein die Musik und an dieser Stelle erfüllen Mogwai alle Erwartungen. Der Klang ist wie auch in Köln wunderbar klar; alles andere wäre bei dem Ticketpreis und einer Location wie der Tonhalle, die für akustische Perfektion gebaut wurde, aber auch eine Frechheit.

Mit dem zweiten Song wird ein Stück präsentiert, das eigentlich einen festen Platz in den Setlisten verdient hätte. Friend oft he Night ist ein ruhiger Song, der sich langsam steigert. Die Spannung steigt, die Atemzüge werden schwerer bis zu dem Punkt, an dem die Keyboardmelodie einsetzt. Eine simple Melodie, aber doch wunderschön. Es laufen einem kalte Schauer über den Rücken, dieser Moment könnte gerne ewig anhalten, aber andere Songs wollen schließlich auch noch gespielt werden. Mogwai spielen sich an diesem Abend erneut und zur Freude der Fans quer durch ihre Discographie, wobei die meisten Songs wie zu erwarten vom aktuellen Album stammen. Leider wurde dafür die Anzahl der Songs von Hardcore Will Never Die, but You Will drastisch gekürzt. Einzig und allein How to Be a Werewolf findet den Weg ins Set. Kein Mexican Grand Prix, kein White Noise, kein Rano Pano, kein San Pedro. Außerdem wird Auto Rock nicht gespielt. Sicher ein Bisschen überraschend, aber die Band hat genug großartiges Material, um auch mal etablierte Songs aus der Setlist zu streichen. Überhaupt versteht die Band wie kaum eine andere, ihre Songs live zu präsentieren. Dabei ist es nicht so, dass die Songs eins zu eins wie auf Platte klingen. Viel mehr werden live immer wieder kleine aber feine Veränderungen vorgenommen. So klingen diesmal einige Songs deutlich elektronischer als auf Platte, ohne, dass zu sehr in die Grundstruktur eingegriffen wird. Zudem werden einige Songs mit drei Gitarren gespielt, andere wiederrum nur mit zwei und einem Keyboard und ab und hat das „sechste Bandmitglied“ Auftritte an Violine und Trommeln.

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Zur Mitte des Auftritts kommt es zu einem weiteren, wenn nicht zu dem absoluten Highlight. Zunächst wird Hunted by a Freak gespielt, welches trotz seiner vergleichsweise kurzen Spieldauer unglaublich intensiv daherkommt. Der elektronisch verzerrte Gesang sorgt für eine wohltuende Abwechslung. Doch das ist alles nur die Ruhe vor dem nun folgenden Sturm. Die Band beginnt ein weiteres Stück, ganz langsam und ruhig, sodass der Applaus und die Jubelschreie der Besucher, die den Song bereits erkannt haben für einen kurzen Moment die Musik übertönt. Allerdings nur kurz, danach herrscht wieder völlig Stille im Publikum, welches der Band den ganzen Abend über durchweg respektvoll und ruhig seine Aufmerksamkeit schenkt. Die bequemen Sitze tun ihr übriges, das Publikum sitzt, schweigt und genießt. Doch zurück zum Song. Mogwai Fears Satan vom Album Young Team ist nicht irgendein Song. Es ist ein 15 minütiges Meisterwerk voller aufs und abs. Allen Zuschauern bleibt dabei vermutlich der große Ausbruch nach langer Stille in Verbindung mit einer deutlichen Steigerung der Laustärke im Gedächtnis. Nicht wenige Leute zucken an dieser Stelle kurz zusammen um anschließend wieder komplett von der Musik gefangen zu werden. Alleine für dieses Stück hat sich der Abend schon doppelt und dreifach gelohnt. Die Band bekommt an dieser Stelle tosenden Applaus. Stuart Braithwaite tut dies wie immer mit einem kurzen „Thank you, dankeschön“ ab und es geht weiter. Nach zwei weiteren Songs, unter Anderem Remurdered, welches live viel besser rüberkommt als auf Platte wird wie auch in Köln mit We’re No Here der vorerst letzte Song gespielt. Es ist ein gut gewählter Song, laut und gewaltig, sodass sich einige Leute nur mit Mühe auf ihren Sitzen halten können. Das Ende besteht dabei aus einem mehrminütigem Effektgewitter, bis einer der Roadies völlige Stille einkehren lässt.

Da im Anschluss direkt Instrumente gestimmt werden, ist klar, dass das noch nicht ganz das Ende war: Die stehenden Ovationen des Publikums haben da sicher ihren Teil dazu beigetragen, aber der Abgang der Band von der Bühne ist hier nicht viel mehr als eine kurze Verschnaufpause vor der Zugabe. Diese beginnt mit einem weiteren Kracher. 2Rights Makes 1Wrong lässt die Zuschauer ein weiteres Mal träumen. Bei manchen gewinnt der Bewegungsdrang, was sich durch exzessives Kopfnicken zeigt, andere wiederrum sitzen mit geschlossenen Augen da, ganz ruhig, was auch völlig verständlich ist. Es ist so, als wäre man ganz alleine mit der Musik, als würde die Band ein Privatkonzert im eigenen Wohnzimmer geben. Der Song ist ganz seicht und schleicht über neun Minuten dahin, neun Minuten Gänsehaut, neun Minuten gefangen zwischen verzerrtem Gesang und ruhigen Akkorden. Einfach ein großartiges Zwischenspiel vor dem großen Finale. Und welcher Song, wenn nicht Batcat, ist dafür besser geeignet? Die Definition eines brachialen Instrumentalsongs. Wie immer ist es an dieser Stelle mittlerweile ohrenbetäubend laut und die drei Gitarren leisten ganze Arbeit. Alle Mitglieder hämmern auf ihre Saiteninstrumente und auf die Drums ein als gäbe es kein Morgen mehr. Lauter, immer lauter, es ist kaum auszuhalten, aber trotzdem möchte man, dass der Song weitergeht. Dann ist es vorbei. Stille, gefolgt vom Applaus.

Die Band bedankt sich kurz und verlässt so leise, wie sie gekommen ist, die Bühne. Keine großen Reden. Das würde auch nicht passen. Mogwai haben ein weiteres Mal die Musik für sich sprechen lassen. Das einzig negative, bezogen auf den Auftritt ist, dass leider wieder nicht Ratts of the Capital gespielt wurde, aber das ist wirklich ganz persönliches Meckern auf hohem Niveau. Abschließend bleibt nur eins zu sagen: Danke für diesen Abend und bis zum nächsten Mal.

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