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Molly Nilsson und das UT Connewitz sind ein eingespieltes Team. Nahezu jährlich tritt die Wahlberlinerin mittlerweile auf Leipzigs ältester Lichtspieltheaterbühne auf. Man könnte ihren Auftritt als routiniert bezeichnen, besser aber als abgeklärt. Das ist Teil ihrer Ästhetik, Nilsson mimt die Unnahbare. Doch der Reihe nach.

Draußen vor dem UT sammelt sich schon gegen 20 Uhr ein Konglomerat aus jungen, hippen, queeren oder einfach nur modebewussten LeipzigerInnen. Einen Voract solle es geben, so heißt es. Niemand weiß genaueres, nur, dass er sich Johannes Bügeleisen nenne. Aha.

Nachdem sich das Publikum vor der Bühne versammelt hat und langsam anfängt, ungeduldig mit den Füßen zu scharen, erlischt gegen 21:15 Uhr schließlich das Licht.

Ein junger, schlaksiger, gut gekleideter Mann aus Berlin (so die Vermutung, die sich im Laufe des Auftritts bestätigen soll) betritt die Bühne, bedankt sich auf äußerst frenetische Weise für den warmen Empfang und drückt ein paar Knöpfe auf seinem Bühnenequipment, bevor die ersten Sounds aus der Konserve erklingen. Dazu nölt er mit bewusst gelangweilt-inszenierter Baritonstimme und greift ein paar Akkorde auf einem billigen Synthesizer. Die Beats klingen so abgeschmackt wie die des einsamen Alleinunterhalters einer traurigen Dorfdisco. Die tiefe sonore Stimme wirkt anfangs noch interessant, spätestens nach dem zweiten Song aber viel zu berechenbar. Vielleicht wäre eine Karriere als Frontmann einer The-Sisters-of-Mercy-Coverband vielversprechender?

Dass seine Musik beim Leipziger Publikum gar nicht mal so schlecht ankommt, scheint niemanden mehr zu überraschen als ihn selbst.

Mehrmals bedankt er sich mit fast überschlagender Stimme, faltet seine Hände und verbeugt sich. Dass er sein Glück nicht fassen kann, vor so vielen Leuten zu spielen, ist fast ein bisschen niedlich und sympathisch mit anzusehen. Sichtbar ist er bemüht, seiner Zuhörerschaft irgendwas zurück zu geben. Wenn es schon mit der Musik hapert, dann wenigstens eine gehörige Portion Freundlichkeit. Das gelingt ihm jedenfalls. Nach ca. 35 Minuten ist sein Auftritt dann beendet.

Fazit: Klar, trash ist gerade schwer angesagt, dennoch muss manchmal die Frage erlaubt sein: Ist das noch retro oder einfach nur noch schäbig?

Molly Nilsson dagegen ist natürlich ein ganz anderes Kaliber. Mit ähnlich bescheidenen Mitteln vermag sie ein ganz anderes Flair zu erzeugen.

Sie betritt die Bühne, spricht einen eingespielten Satz („My name is Molly Nillsson, and I’m gonna play a few songs for you“) und schon hat sie das Publikum ganz auf ihrer Seite. „The only planet“ von ihrem 2015er-Album „Zenith“ ist der erste Song, den sie spielt. Ein düsterer, schleppender Song, der sich nach einigen Augenblicken zu einem bombastischen Refrain hochschraubt.

Molly steht da auf der Bühne, bewegt sich kaum, und ist sich ihrer Wirkung dennoch bewusst. Sie ist ein Sog, in den die über 400 Zuschauer im UT unweigerlich hinein gezogen werden. In ihrem dunklen Samtkleid und den hohen Absätzen versprüht sie vor den monumentalen roten Vorhängen auf der Bühne eine schaurige Ästhetik, die unweigerlich an manche Momente aus „Twin Peaks“ erinnert.

Nilsson spielt ausschließlich Songs aus ihren letzten drei Alben „Zenith“, „Imaginations“ und ihrer aktuellen Platte „2020“.

Der Großteil des Publikums scheint dies zu honorieren, doch nicht alle finden Gefallen daran. Manche beklagen den Bombastsound der aktuellen Alben („Stadion-Pop-Ästhetik“); sie vermissen die düsteren, minimalistischeren Elemente ihrer frühen Alben, die mitunter mit der jungen Nico verglichen wurden. Tatsächlich ist ihr Sound mittlerweile sehr pompös und pathetisch, aber es wird nie unangenehm kitschig. Sie hat einfach ein Händchen für einen guten Song, hat die letzten 15 Jahre manchmal nächtelang durch gegrübelt, was gute Popmusik in ihrer Essenz ausmacht, und präsentiert das Ergebnis nun schon seit Jahren auf verschiedensten Tourneen auf allen Kontinenten rund um den Globus. Mit anderen Worten: Sie ist eine Frau vom Fach.

Wenn es heute Abend eines zu beklagen gibt, dann ist es die Länge des Sets. Ihre Songs sind für sich genommen alle kleine Zuckertüten, geheimnisvoll und unglaublich süß. Dennoch bieten sie aneinander gereiht auf Dauer doch zu wenig Abwechslung. Bei einem Set von einer Stunde würde das nicht groß auffallen, aber sie spielt etwa 80 Minuten, geht dabei angesichts eines Infekts, den sie sich auf der Tour zugezogen hat, also bis an ihre Grenzen. Das ist gut gemeint und auch nicht weiter tragisch, doch noch eindrucksvoller wäre das Konzert womöglich in einer etwas komprimierteren Form. Doch das ist zweifellos Jammern auf höchstem Niveau.

Bis bald, Molly!

Titelbild: Molly Nilsson | (c) Maya Fuhr

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