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Wenn die norwegischen Prog-Rocker von Motorpsycho auf Tour gehen, drängt die Fangemeinde ganz selbstverständlich in die Konzerthallen ohne dass es viel an Werbung und Marketing bedarf.

Genauso am Eingang zur fast ausverkauften Halle im Schlachthof in Wiesbaden. Ein gut aufgelegtes überwiegend schwarzgekleidetes – zu 80 Prozent männliches – Publikum von 20 – bis 65 jährigen Psychonauten mit europäischem Sprachgemisch. Die Vorfreude ist dem Publikum anzumerken und diese wird sich im Laufe des Konzerts in wildem Tanzen, begeistert gereckten Fäusten und einem entrückten Mitsingen der wenigen in Refrain-Form vorhandenen Textpassagen ausdrücken. 

20.03 Uhr: Die Band um Bent Saether, Hans Magnus Ryan und den Schlagzeuger Tomas Järmyr, verstärkt durch einen Gitarristen, der zeitweise auch Keyboards spielte, betritt die einfach gehaltene Bühne und Saether begrüßt das Publikum mit den Worten: „Hallo, wir sind Motorpsycho und ihr seid Wiesbaden!“ Als Antwort schallt ihm ein „Greatest Band on Earth“ entgegen, das von Saether mit einer Verbeugung und einem „Thank you“ beantwortet wird.

Was folgt, dürfte selbst für hartgesottene Stoner eine Offenbarung sein.

Die vier Norweger spielen ein rundum großartiges Konzert, das sich durch eine sanfte, psychedelische und geduldige Stimmung aber auch durch die kraftvoll-hardrockigen Stücke auszeichnet. Die Band widmet sich ruhigen Momenten sowie Details des Spielens und geht dabei bis zur absoluten Ruhe und von dort auf dem Gipfel der Stoner-Kakophonie aus schreienden Gitarren, einem ständig feuernden Schlagzeug sowie heulenden Keyboards.

Das Repertoire der Songs reicht vom aktuellen Album The Crucible bis zurück ins Jahr 1991 und ist geprägt durch die ungemein vielfältige Musik, eine pulsierende Schnittmenge aus Psychedelic und Progressive Rock, aus akustischem Singer/Songwriter-Folk und einer Prise Free-Jazz. Man fühlt sich erinnert an die jazzlastigen King Crimson, die akustischen Camel und natürlich an Led Zeppelin, die Greatful Dead und die Spacerocker von Hawkwind.

An dieser Stelle ist es Zeit die Bühnenproduktion mit Lichteffekten und minimalistischen psychodelischen Hintergrund-Videopräsentation aber insbesondere die klare Soundmischung zu loben.

Was hier geboten wurde war eine Breitbild-Version von Motorpsycho in nahezu Konzert-DVD-Qualität. Dadurch gelang es den Fokus auf die musikalischen Details und das wunderbare Zusammenspiel der vier zu legen. Keiner der ZuhörerInnen musste an diesem Abend mit einer Beeinträchtigung des Gehörs nach Hause gehen auch wenn die Lautstärke zum Teil im Grenzbereich gelegen hat.

Die harten, rauen und hymnischen Songs sowie die Dramaturgie des Konzertes waren angesichts der brillianten Klang-Qualität für die ZuhörerInnen ein unberechenbarer Husarenritt, der das rationale Denken alsbald in pures Entzücken und eine unglaubliche Euphorie überführt. Ganz besonders deutlich wurde dies dort, wo die ohnehin schon sehr langen Musik-Stücke unweigerlich ineinanderfloßen und sich ein 30-minütiger Sound-Lindwurm am Ende des regulären Programms als pulsierende Klanglandschaft aus den Boxen wälzte.

Das Konzert startete mit den akustischen Klängen von Year Zero, einem Stück aus dem 2008er Album  Little Lucid Moments, dem ersten Stück jenseits der 10-Minuten-Marke an diesem Abend.

Es folgen die verhältnismäßig kurzen Hard-Rock-Songs Triggerman aus dem 2006er Album Black Hole/Blank Canvas und The other Fool aus dem 2000er Album Let Them Eat Cake. Dann das monumentale The Tower, das erste Stück aus der Motorpsycho-Neuzeit und dem gleichnamigen Album aus 2017.  Angereichert mit diversen Soli und Jams wird die 10-Minuten-Marke auch hier problemlos geknackt.

Als erster Break des Abends folgen zwei wunderbare akustische Stücke, die von Seather und Ryan in einer unglaublich sanften  Atmosphäre vorgetragen werden. Nach Blueberry Daydream aus der 1994er Another Ugly EP verkündet Bent Saether scherzhaft, dass man heute mehr akustische Songs spielen werde, damit Schlagzeuger Tomas Järmyr nicht so viel arbeiten müsse, da er Geburtstag habe, worauf die Bandmitglieder und das ca. 300 BesucherInnen zählende Publikum ein vielstimmiges „Happy Birthday“ für Järmyr singen. Selbstverständlich gibt es noch den zweiten akustischen Song, das Stück Stardust aus dem The Tower-Album.

Damit ist vorerst die Zeit der stillen Töne vorbei und es folgt das stampfende 10-Minuten-Stück The Crucible aus dem gleichnamigen aktuellen Album, gespickt mit Soli und Jams bevor es richtig episch wird.

A Pacific Sonata, ein reguläres 16-Minuten-Stück ebenfalls aus dem The Tower-Album, mit seinen akustischen, elegischen und rockigen Teilen ist der zentrale Song des Abends und überspringt locker die 20-Minuten-Marke bevor es mit dem Track Greener aus dem 1996er Album Blissard einen echten Mitsing-Song gibt.

Mit Eagle’s Son von The Pretty Things, das in der Version von Motorpsycho sehr stark an Led Zeppelin erinnert und Spin, Spin, Spin von Terry Callier folgen zwei flotte Rock-Cover-Songs.  Gleich darauf lassen die Psychonauten wieder die Gitarren brüllen und Psychotzar aus dem The Crucible-Album wabert schlingernd mit breiter Brust inklusive einer Voodoo Child-Überführung in den finalen Track Hogwash aus dem 1991er Album Lobotomizer. Schrille, mäandernde breitbeinige Gitarren, dumpfe Keyboard-Klänge und ein hyperaktives Schlagzeug prägen das vorläufige Konzertfinale.

Um 22.17 Uhr geht die Band nach zwei Verbeugungen von der Bühne, um ca. 5 Minuten später den unbeirrten Rufen nach Mehr nachzugeben.

Im Rahmen der über 30-minütigen Zugabe werden Ship of Fools aus dem The Tower-Album mit über 15 Minuten reguläre Spielzeit, Feel aus dem 1994er Album  Timothy’s Monster und der letzte Song mit mehr als 10-Minuten nämlich Lux Aeterna aus dem The Crucible-Album zu einer fast schon körperlichen Herausforderung für das Publikum, den es gibt einen ständigen Wechsel aus ruhigen Teilen und fulminanten Psychedelic-Rock-Passagen, die an die Substanz gehen.  

Als Motorpsycho um 22.54 Uhr nach rund 165 Minuten reiner Spielzeit die Bühne final verlassen, hat fast jeder im erschöpft-verschwitzten Publikum ein glückseliges Lächeln im Gesicht, das mindestens zwei Tage anhalten sollte.

Titelbild: Motorpsycho | (c) Richard Kilian

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