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Genauso, wie ich noch nie beim MS Dockville Festival gewesen bin, habe ich auch noch nie einen rückblickenden Bericht in der ersten Person verfasst. Vergangenes Wochenende schien es an der Zeit, Ersteres zu ändern – Letzteres ändert sich in dieser Sekunde. Ein vermutlich viel zu subjektives Festival-Review.

Freitagnachmittag. Sämtliche Klischees widerlegend, prallt die Sonne seit geraumer Zeit auf die Hansestadt an der Elbe. Nur wenige Kilometer trennen das neunte Dockville-Festival von der Hamburger Innenstadt, sodass sowohl S-Bahn als auch sämtliche Linien- und Shuttlebusse in den Ortsteil Wilhelmsburg konstant überfüllt sind. Eignet sich aber natürlich super zur Einstimmung; ins Schwitzen kommen wird man an diesem heißen Sommertag eh über kurz oder lang.

Einen kleinen Fußmarsch später stehen wir direkt vor den Toren des Festivalgeländes. Der Hamburg-Faktor macht sich direkt bemerkbar: Die Schlange vor dem „Ohne Camping“-Einlass ist von schätzungsweise achtfacher Länge wie das Pendant für Übernachtungsgäste. Kurzzeitig gibt es sogar einen Einlassstopp für Neuankömmlinge, insgesamt scheint das Organisationsteam jedoch bereits hier erfrischend kompetent und unaufgeregt.

Wenige Minuten später spaziere ich gemütlich über den Wilhelmsburger Deich. Zu meiner Linken die Elbe, zu meiner Rechten die erste Bühne. Ich lasse mir erklären, dass es sich um die „Vorschot“ handelt, die zweitgrößte Bühne des Festivals. Dieser Einschätzung sehe ich eher skeptisch entgegen, gibt es doch gerade mal einen Wellenbrecher und zwei Bierstände. Da ich allerdings eh gerade eine Umbaupause erwischt zu haben scheine, führe ich meinen Rundgang erst einmal fort.

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Die „Großschot“ stellt, wie der Name schon ankündigt, die Main Stage dar. Getrennt durch eine Bar, das Infozelt und diverse Stände, befindet sich im Anschluss der „Maschinenraum“. Die Bühne selbst ist etwa so groß wie die Vorschot, der Platz davor ist jedoch deutlich reduziert. Auch Wellenbrecher gibt es nicht; man hat mir also scheinbar doch die Wahrheit erzählt.

An der äußersten Spitze des Festivalgeländes finde ich auf einer leichten Erhöhung verdächtig aussehende Container und Zelte vor. Zugegebenermaßen leicht verwirrt schaue ich auf den Geländeplan und stelle fest, dass es sich hierbei um die „Klüse“ handelt: Ein DJ-Pult, ein überschaubares Soundsystem und ein paar Quadratmeter Kiesbett. Schnell zeichnet sich jedoch ab, dass das eigentliche Highlight für Viele ein anderes ist – die anliegenden Treppenstufen mit Blick auf die Elbe sind schon jetzt nahezu bis auf den letzten Platz belegt.

Ich vervollständige meine Erkundungstour, indem ich mich wieder am Maschinenraum und der Großschot vorbeibewege und in deren Rücken die Straße überquere. Als sei ebendiese eine imaginäre Grenze gewesen, fühle ich mich nun wie in einer anderen Welt. Beleuchtete Bäume, Wiesen und Kunstinstallationen geben hier ein einladendes Bild ab, das in dieser Form auf keinem Festival als selbstverständlich betrachtet werden kann. Die beiden verbleibenden Bühnen, das „Nest“ und das „Butterland“, beide wohlgemerkt komplett aus Holz erbaut, gliedern sich in ihrer gesamten Form perfekt in dieses Bild ein. Zwischendurch gibt es zusätzlich noch Musik aus der Dose (bspw. in der „Vierzigfußdisco“), Schmink- und Verkaufsstände und jede Menge Essensmöglichkeiten. Ich bin ob der Szenerie zwar durchaus überrascht, freue mich aber natürlich, dass selbst ein konstant wachsendes Festival wie das Dockville noch ein solch sympathisches Herz hat.

Doch nun genug des Begutachtens, es wird Zeit für Bands. Mein musikalisches Abenteuer beginnt um 18.50 Uhr mit den Lokalmatadoren von Findus. Deren Auftritt entpuppt sich leider wirklich als ein regelrechtes Abenteuer, haben sie doch arg mit Soundproblemen zu kämpfen. Trotz ihrer für die nahe Zukunft angekündigten Bandpause will der Funke nicht so recht auf das Publikum überspringen, sodass selbst alte Hits wie „Erdbebenwarnung“ eher bedingt zur Wirkung kommen. Schade, gerade diesen sympathischen Jungs hätte ich ein perfektes Fast-Abschieds-Konzert in Hamburg gewünscht.

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Ein deutlich erfolgreicheres Heimspiel liefert jedoch anschließend das Trouble Orchestra ab, das mit ihrem politischen Hip-Hop den Maschinenraum bespielt. Rapper Johnny Mauser und seine Band machen dabei auch unmissverständlich klar, was sie über den für den 12. September geplanten „Tag der Patrioten“ in der Hansestadt denken.

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Währenddessen laufen im Nest die Mischpulte heiß: Mit Sascha Braemer und Felix Jaehn legen nacheinander zwei Größen der deutschen Electro-Szene auf. Vor allem bei Letzterem ist der Dancefloor dann entsprechend voll – es scheint, als wolle sich einfach niemand den Auftritt des Hamburger Chartstürmers (sein Remix von „Cheerleader“ erreichte sogar in den USA Platz 1) entgehen lassen. Die logische Konsequenz ist leider, dass es ein dichtes Drängen gibt, auf das ich an dieser Stelle lieber verzichte.

Ich verbringe meine Zeit viel lieber in der Klüse, wo zwei absolut überzeugende, aber komplett unterschiedliche Acts aufspielen. Vom bayrischen Duo Occupanther hatte ich bis dato zwar noch nie gehört, umso mehr zieht mich ihr Downtempo-Electro aber in seinen Bann. DJ und Gitarre sind zwar eine außergewöhnliche Kombination, wissen am heutigen Abend aber umso mehr zu beeindrucken. Ähnliches lässt sich auch über den Düsseldorfer Suff Daddy sagen, der zwar wieder ein „klassisches“ DJ-Set abliefert, mit langsamen Dub-Beats und hartem Bass jedoch keine Probleme hat, das Publikum zum Tanzen zu bringen.

Von Tom Odell sowie den elektronischen Künstlern Son Lux (Maschinenraum) und FM Belfast (Vorschot) kriege ich dementsprechend leider wenig mit, alle drei machen aber einen äußerst guten Eindruck. Ein kleiner Trost dabei ist immerhin, dass Ryan Lott, so Son Lux bürgerlich, Ende Oktober schon wieder in Hamburg spielt. Vielleicht klappt es ja wenigstens dann, ihm die Aufmerksamkeit zu schenken, die er als Multiinstrumentalist verdient hat.

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Obwohl Interpol die größte Band des Tages sind, muss ich gestehen, nur deren 2014 erschienenes Album „El Pintor“ zu kennen. Dass mir dieses immerhin ausgesprochen gut gefällt, macht sich schon früh bezahlt: Ich erkenne „Anywhere“, den dritten Track der Platte. Mit jedem anschließenden Song festigt sich der Eindruck, dass ich mich mit den New Yorkern hätte genauer befassen sollen – die Instrumente sind perfekt abgemischt und Sänger Paul Banks erinnert mich an den eigentlich unvergleichlichen Matt Berninger von The National. Nichtsdestotrotz wechsle ich des Gesamteindrucks halber kurze Zeit später die Bühne, da die Kölner Band Annenmaykantereit zwar nicht gerade den kreativsten Bandnamen, mit Henning May (zu einem Drittel verantwortlich für eben diesen) jedoch einen der stimmgewaltigsten Sänger im aktuellen Pop-Geschäft hat. Gepaart mit der Melancholie aus Songs wie „Barfuß am Klavier“, sorgen die erfolgreichen Newcomer so für die vermutlich emotionalsten Lieder des Nachts.

Das Programm auf den beiden Hauptbühnen ist nun zwar beendet, eine Überraschung darf ich dennoch miterleben: Odesza, ein mir vollkommen fremdes Downtempo-Duo aus den Vereinigten Staaten, liefert im Maschinenraum ein wahnsinniges Set ab. Ich bin vollständig eingenommen von der Atmosphäre und der Intensität, den Melodien und den tanzbaren Beats, die die Männer in ihren Songs aufbauen. Ein großes Kompliment dabei auch an das Timetable-Team des Dockvilles: Einen anstrengenden ersten Festivaltag hinter mir, ist diese Musik exakt das, was ich mir gegen Mitternacht wünsche. Die Menschenmasse vor und hinter mir scheint mir an dieser Stelle zuzustimmen.

Samstagabend. Ich bin spät dran. Zugezogen Maskulin und Sizarr habe ich leider verpasst, entnehme dem Merchandise-Anteil im Publikum jedoch, dass vor allem die Berliner Rapper ordentlich abgerissen haben müssen. Mit deren Genre-Kollegen von der Antilopen Gang beginne ich meinen Tag – die Ruhrpottler bieten jedoch wenig Überraschendes. Klar, die Hits ihres Debüt-Albums „Aversion“ finden im Publikum nach wie vor Anklang; dass bei der nunmehr sechsten Hamburg-Show seit Anfang 2014 nichts mehr Weltbewegendes passiert, war leider abzusehen. Erwähnenswert bleiben trotzdem die blechernen Müllcontainer, die DJ Müllmann Moses Cool seinem Namen entsprechend als Live-Drums fungieren lässt.

Blomqvist im Maschinenraum und The Glitz im Nest gefallen mir ganz gut, schaffen es aber beide nicht wirklich, mich in ihren Bann zu ziehen. Erstmals begebe ich mich also auf die Suche nach Nahrung – und werde geradezu erschlagen von diesem gewaltigen Angebot. Sowohl gegenüber dem Nest als auch an beiden Seiten des Maschinenraums wimmelt es nur so von Essensständen. Hot Dogs, Burger, Pasta, Käsespätzle, Steak, Gyros, Handbrot. Die Liste könnte noch ein gutes Stück weiter geführt werden; viele der Optionen waren sogar sowohl vegan als auch nicht-vegan verfügbar. Die Preise sind zwar leider relativ gesalzen, angesichts der Größe und Dauer des Festivals möchte ich diesbezüglich jedoch niemandem einen Vorwurf machen.

Mit vollem Magen geht es nun erneut in Richtung Vorschot: Prinz Pi löst die Antilopen, von denen er zumindest bis zur Ankündigung der Acts des Splash! 2014 scheinbar noch nie etwas gehört hatte, ab. Mit imposanter Lightshow stellt Friedrich Kautz, so Pi bürgerlich, seine langjährige Erfahrung unter Beweis und bewegt das Publikum munter zum Tanzen und Mitklatschen. Dieses lässt sich nicht lange bitten und feiert ausgelassen zu Hits wie „Du bist“ und „Kompass ohne Norden“. Ebenso ausgelassen wird im Nest gefeiert, wo Klangtherapeuten die Ehre haben, ganze 2,5 Stunden aufzulegen. Das Rad erfinden zwar auch sie nicht neu, dennoch bieten sie zweifelsohne eins der besseren DJ-Sets dieses Wochenende.

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Um 22:40 ist dann endlich der Moment gekommen, auf den ich mich seit Wochen gefreut habe: Caribou und seine Band treten auf der Main Stage auf. Zwar ist ihre Spielzeit mit nur einer Stunde etwas kurz bemessen, diese eine Stunde reicht jedoch vollkommen aus, um sich von anderen elektronischen Acts abzuheben – was hauptsächlich an der einfachen Tatsache liegt, dass sie auf echten Instrumenten spielen. Sie präsentieren vorrangig Material des im Oktober letzten Jahres erschienenen Longplayers „Our Love“, als Zugabe gibt es eine schier nicht enden wollende Version des Tracks „Sun“ vom hochgelobten Album „Swim“ aus dem Jahr 2011. Besonders in Kombination zur Lichtshow lässt sich nach diesen 60 viel zu kurzen Minuten sagen, dass sich das lange Warten meinerseits definitiv gelohnt hat.

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Sonntagnachmittag. Dem Spielplan des FC St. Pauli geschuldet, komme ich erneut später als geplant auf dem Festivalgelände an. Trotzdem schaffe ich es rechtzeitig zu einem meiner persönlichen Highlights: HVOB (kurz für „Her Voice Over Boys“). Mit ihrem langsamen, melodischen Minimal-Techno und der sanften Stimme von Anna Müller konnten die Österreicher vor gut drei Jahren schon Oliver Koletzki für sich gewinnen, der sie umgehend unter Vertrag nahm – heute bringen sie auf dem Dockville hunderte Menschen in der Hamburger Sommersonne zum Tanzen.

Direkt anschließend geht es im Maschinenraum mit hochwertigem Programm weiter: Die Britin Shura, die zumindest auf der Insel bereits in aller Munde ist, tritt mit ihrer Band erstmals in Norddeutschland auf. Ihr leicht elektronisch angehauchter Pop wirkt zwar schon fast ein wenig kitschig („Touch“), lebt aber von einprägsamen Melodien und natürlich ihrer unverwechselbaren Stimme. Währenddessen widmet sich Frans Zimmer, besser bekannt als Alle Farben, wieder den tanzbaren Dance-Beats. Trotz seiner regelmäßigen Hamburg-Shows ist die Vorschot prall gefüllt, sodass auch die kurzzeitigen technischen Probleme der Stimmung keinen Abbruch tun.

Um kurz nach halb acht lassen mich Die Orsons ein komplett anderes Bild von ihnen bekommen. Was ich bisher als die unlustigste Rap-Crew Deutschlands empfunden hatte, entpuppt sich als grandiose Live-Entertainer mit sattem Sound. Den Songs („Vodka Apfel Z“) kann ich zwar nach wie vor nicht viel abgewinnen; was Maeckes, Tua, Kaas und Bartek für Action auf der Bühne bieten, lässt allerdings auch mich nicht kalt. Besonders schön wird es, als die Kinder des lokalen Lüttville-Tanzworkshops zusammen mit den Orsons ihre einstudierte Choreografie auf der Bühne performen: Die Jungen und Mädchen im Alter von vier bis 14 Jahren sind allesamt Teilnehmer eines kostenlosen Sommercamps, das der Verein Lüttville e.V. „zur Förderung der kulturellen Vernetzung und Bildung“ anbietet.

So langsam nähert sich das Ende des Festivals, jede der drei Hauptbühnen hat nur noch einen Act vor sich. Four Tet bekommt dabei auf der Vorschot die längste Spielzeit zugewiesen; zwei Stunden lang legt der aus London stammende DJ tanzbare Electro-Beats auf. Einerseits hat er sich natürlich schon längst einen gewissen Ruf in der Szene erspielt, andererseits hat er das Glück, dem letzten Sonnenuntergang des Wochenendes entgegenzublicken. Viel besser hätte er es kaum treffen können – das Publikum ist ihm dankbar.

Auf der Großschot geht es deutlich ruhiger zu, spielt doch der begabte José González mit Band und seiner Akustikgitarre. Seine beruhigende Stimme ist immer wieder faszinierend, ich merke jedoch schnell, dass ein Festival-Auftritt nicht ansatzweise das Feeling einer Clubshow übermittelt. Auch wenn der Schwede ein ähnliches Set wie zu Beginn des Jahres im Uebel & Gefährlich spielt, will der Funke dieses Mal nicht so recht auf mich überspringen. Ähnliches muss ich leider über Hayden James sagen, der mit seinem doch eher eintönigen Electro das Programm im Maschinenraum ausklingen lässt.

Doch das ist alles Meckern auf höchstem Niveau: Was nicht nur die Künstler, sondern vor allem auch die Booker und Veranstalter dieses Wochenende geleistet haben, ist allererste Sahne. Selten habe ich mich auf einer mehrtägigen Veranstaltung wohler gefühlt, selten haben mich so viele bekannte und unbekannte Acts mitgerissen. Das Wetter hat natürlich nicht unwesentlich zum Erlebnis beigetragen; unabhängig davon bin ich zuversichtlich, dass ich im kommenden Jahr beim ersten Jubiläums-Dockville wieder dabei sein werde.

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