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Wie wichtig das passende Ambiente für einen gelungenen Konzertabend ist, wird einem oft dann auf schmerzhafte Weise bewusst, wenn man mal wieder eine alte Lieblingsband in einem – aus welchem Grund auch immer – ganz und gar unpassenden Rahmen live gesehen hat.

Düstere, schleppende Musik bei strahlendem Sonnenschein auf einem überlaufenen Festivalgelände kann man sich zumeist von vorne herein sparen – ganz unabhängig davon, wie sehr die Musik einem auch gefallen mag.

Andersherum kann ohnehin schon tolle Musik natürlich auch durch den speziellen Ort, an dem sie aufgeführt wird, noch mal zusätzlich aufgewertet werden. Wenn – wie vergangene Woche geschehen – mit Múm die Meister_innen der schwebenden Musik einen Doppelauftritt im Zeiss-Planetarium in Berlin absolvieren, dann ist daher eine gewisse Hellhörigkeit angebracht.

Anlass für den Auftritt war das 20-jährige Jubiläum ihres Erstlingswerkes Yesterday was dramatic, today is okay. Ein Album, das durch jugendliche Naivität und Scheuklappenlosigkeit in gleicher Weise besticht wie durch erstaunliche Soundtüfteleien und eine Konzepthaftigkeit, die sich durch Text und Ton gleichermaßen hindurchzieht. Computergenerierte Geräuschkulissen trafen dabei auf schwere, träge Cellomelodien, eine kindlich anmutende Melodica brach sich inmitten schwelgerischer, entrückter Elfengesänge ihren Bann: Mit der Symbiotisierung von Geräusch und Melodie, analoger und digitaler Technik brachten Múm im Jahr 1999 gewissermaßen den perfekten Soundtrack des sich zu Ende neigenden Jahrhunderts heraus, das in den vorangegangenen Jahren durch eine immer stärker werdende Polarisierung eben genannter Pole gekennzeichnet war.

Nun, 20 Jahre und viele Epigonen später, ist die Musik natürlich nicht mehr ganz so unkonventionell und bahnbrechend, wie sie das mal gewesen ist, hat aber immerhin nichts von seiner Eindrücklichkeit verloren. So bleiben auch an diesem Donnerstagabend so gut wie keine Plätze unbesetzt, als Múm um kurz nach 9 die Bühne des Planetariums betreten. Den ersten Tönen wird die Proklamation We love the poetry of space vorausgeschickt, bevor das Licht erlischt und die ersten Geräusche ihres Stückes The Land Between Solar Systems erklingen. Lange, elegische Soundkulissen werden umrahmt von einer minimalistischen, immer wieder kehrenden Melodica-Melodie, im Hintergrund ein vertrackter, in seiner Polyrhythmik nur schwer zu fassender Drumbeat, dazu der grazile Gesang von Ólöf Arnalds. Dieses knapp 12-minütige Stück bietet in seiner Komplexität schon so etwas wie die Quintessenz dessen, was Múm insgesamt ausmacht. Die fünf anwesenden Musiker_innen oszillieren dabei zwischen verschiedenen Instrumenten. Neben einer Reihe von Synthesizern und jener bereits erwähnten Melodica kommen ein Cello, Gitarren, Bass und Drums zum Einsatz.

Zum Glück hat sich die Band auf der Tour nicht wie wie diverse andere Bands auf Jubiläumstourneen dafür entschieden, das Jubiläumsalbum Song für Song, Note für Note detailgetreu wiederzugeben, wenngleich der Schwerpunkt des Auftritts natürlich auf Stücken von Yesterday was dramatic, today is okay liegt. Doch Songs wie der eben erwähnte The Land Between Solar Systems, Slow Down oder Blow Your Nose umrahmen die zu erwartenden Stücke wie Asleep on a Train, Awake on a Train oder The Ballad Of The Broken Birdie Record. Die dazu an die Planetariumskuppel projizierten Space-Visuals lassen einen zwischendrin ganz und gar das Gefühl für Zeit und Raum verlieren. Der einzelne Mensch oder die Zivilisation als Ganze finden in dem völlig zurückgenommenen Blick von oben auf die Erde keinen Platz mehr, und doch steckt genau darin das humanistische Potenzial, den Blick für die gewöhnlichen, durch die fortwährende Wiederkehr fast natürlich erscheinenden Grenzziehungen des Alltags für einen Moment zu vergessen. Frei (und pathetisch) nach Ja-Paniks Libertatia: „One world, one love, Libertatia.“

Titelbild: (c) Luca Glenzer

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