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Mutter waren immer eine latente Überforderung (manche würden sagen: eine Zumutung) für das Gros jener, die es mal wagten, ihnen ein Ohr schenken, und erst recht für jene, die darüber schreiben wollten.

Ihre Musik tat weh. Also ja, es ist Lärm. Aber nein, so einfach ist es nicht, denn manchmal ist ihre Musik auch das glatte Gegenteil dessen: Zärtlich, intim, nahbar. Aber gut, irgendwas mit Diskurs-Rock, könnte man vielleicht schreiben. Aber sind sie nicht gänzlich anders als all die Bands, die ein paar Jahre nach ihnen vor allem in Hamburg aus dem Boden sprießten, und diesen Begriff prägten? Ja, ihre Texte wirken irgendwie schlau, und ja, sie beschränken sich weitestgehend darauf, soziale Interaktionen zu beschreiben, aber zugleich ist kein Verweis auf gesellschaftlich-intellektuelle, gar akademische Diskurse wahrzunehmen.

Dieses hier suggerierte journalistische Dilemma ist natürlich keines, denn was gibt es schöneres als Bands, die so kompliziert – oder wahlweise spannend – sind wie Mutter? Auch knapp 35 Jahre nach ihrer Gründung sind sie noch aktiv. Alle paar Jahre veröffentlichen sie ein Album (zuletzt vor 3 Jahren Der Traum vom Anderssein).

Darüber hinaus spielen sie jedes Jahr eine Handvoll Gigs, was aber auch keine wirkliche Reduzierung im Vergleich etwa zu den 90er Jahren darstellt, denn eine klassische Live-Band waren Mutter nie. Es ließe sich auch nur schwer vorstellen, das auf der Bühne praktizierte Energielevel Abend für Abend über 2,3,4 Wochen zu reproduzieren. Irgendwo stößt der menschliche Körper ja auch an seine Grenzen. Doch gibt es auch einen ganz anderen, und vielleicht noch viel banaleren Grund: Fernab der großen Metropolen (insbesondere Berlin und Hamburg) gibt es schnell auch nur noch einen sehr überschaubaren Kreis an potenziellen Zuhörer_innen. Das jedenfalls hat die Band vor einiger Zeit in einem Interview mal zu Protokoll gegeben, und man mag es ihr durchaus glauben.

Ihre Alben hat die Band zumeist in sehr kleiner Stückzahl auf dem Bandeigenen Label Die eigene Gesellschaft veröffentlicht. Das 1994 veröffentlichte, überaus schöne und eingängige Hauptsache Musik gilt etwa bis heute mit 2000 verkauften Einheiten als das am besten verkaufte Album der Band.

Da bis auf die Alben der letzten 10 Jahre alle anderen seit langem ausverkauft und zum Teil rare Sammlerstücke sind, veröffentlicht die Band seit letztem Jahr ihren kompletten Backkatalog der Jahre 1989-2001. Letzte Woche wurde das 1993er Album Du bist nicht mein Bruder neu aufgelegt.

Ein Album, randvoll mit fuzzigen, fast schon doomigen Stücken, das vor allem eines transportiert: Hass. Es ist ein Spiegel seiner Zeit – diverse rassistische Brandanschläge, die darauf folgende Asylrechtsdebatte samt faktischer Abschaffung des Asylrechts, wahnhafter Nationalismus und damit einhergehender Chauvinismus beschäftigten die Band zu der Zeit, wie alle anderen Menschen dieser Zeit, die sich ein letztes Stück Menschlichkeit bewahrt hatten, und mit dem Wissen darum lässt sich das Album gleich ein wenig besser einordnen. Wer lieben will, muss auch bereit sein zu hassen.

Dass die Wiederveröffentlichung des Albums kaum besser hätte getimed werden können, muss an dieser Stelle wohl nicht noch extra heraus gestrichen werden.

Am Dienstag nun absolvierte die Band im Roten Salon in Berlin das erste von insgesamt drei angesetzten Konzerten zur Promotion des Albums, das erwartungsgemäß ausverkauft war.

Den Auftritt begann die Band mit einigen Stücken vom besagten Album, darunter den Albumopener Lachen ist billig, der den Zynismus der damaligen wie gegenwärtigen Spaßgesellschaft auf wunderbare Weise offenlegt. Kurz darauf folgte Michael, das an den 1991 an Aids gestorbenen Neonazi Michael Kühnen angelehnt ist. Das Stück beleuchtet die inneren Widersprüche eines schwulen Mannes, der durch übersteigerte Brutalität zu einer Galionsfigur der deutschen Neonaziszene der 1980er Jahre wurde. Die Band spielt laut, aber zum Glück nicht zu laut, wie man es etwa 2017 im Berliner Monarch während der Performance des ersten Mutter-Albums Ich schäme mich Gedanken zu haben die andere Menschen in ihrer Würde verletzen erleben konnte.

Wenngleich erwartungsgemäß der Schwerpunkt auf Stücken von Du bist nicht mein Bruder lag, spielte die Band zwischendurch auch Songs, die im Mutter-Kontext in all den Jahren zu so etwas wie Klassikern mutiert sind. Etwa die Stücke Ich weiß ja wer du bist vom Album Europa gegen Amerika, Bökhstr. 26 von Hauptsache Musik oder Wer hat schon Lust so zu leben von Text und Musik, wodurch am Ende dann eine ausgewogene Mischung aus lärmigeren und eingängigeren Stücken entstand.

Titelbild: Mutter | (c) Luca Glenzer

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