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Wie funktioniert eigentlich experimentelle Musik vor einem Publikum, das mehrheitlich wohl auf oldschooligen Asselpunk fixiert ist? Ein Experiment in 4 Akten.

Ort des Experiments waren die Räume des Wuppertaler Autonomen Zentrums (AZ) in der Markomannenstraße. Das letzte Mal war ich im AZ, da war dieses noch in einem Nebengebäude der alten Feuerwache beheimatet. Seit einigen Jahren ist dieses Gebäude und seine komplette Nachbarschaft planiert und es entstand dort ein Neubau, der der reinste Schandfleck für die ganze Gegend ist. Umso angenehmer, daß es das AZ eine Seitenstraße weiter noch gibt. Von innen hat das ganze dann auch den typischen AZ Charme. Alles bunt zugekleistert mit Plakaten, Graffitis etc. Leider gibts keine Möglichkeit, sich vor dem AZ aufzuhalten, wie das damals noch in der Wiesenstraße war. Das autonome Jungvolk, welches sich nicht im eigentlichen AZ also im Veranstaltungsraum im 1. Stock aufhielt, saß dann in einem Gang im Parterre vor den Herrenklos. Nun denn, wenns Spaß macht…

Eintritt waren geschmeidige 5 Euro. Für 4 Bands ist das schon sehr günstig. In dem recht großen Raum stand dann natürlich auch der obligatorische Kicker, der rege genutzt wurde. Um die (O-Ton eines der Autorin bekannten Musikers) „normierten DIN-Punks“ nicht gleich mit dem Harsh Noise von Moloch zu überfordern und zu vergraulen, entschloss man sich entgegen der ursprünglichen Planung den Abend mit N zu beginnen. Hellmut alias N fragte die Kicker-Fraktion kurz noch, ob diese während des Gigs weiter spielen würden. Erst wurde diese Frage bejaht, aber auf höfliches Bitten hin wurde dann doch davon Abstand genommen. Soviel Respekt vor der Musik besitzen die „DIN-Punks“ dann doch noch. Gut so. Sicherheitshalber hat Hellmut dann aber noch für die Zeit seines Gigs den Kickerball einkassiert.

Zumindest von den Kickergeräuschen ungestört gings dann los. Zu den improvisierten Visuals von VJ Pathfinder legte N dann einen fantastischen Auftritt hin. Wie immer nur mit Gitarre und diversen Effektgeräten ausgestattet rauschten erst einmal mehrere akustische Sturmfluten heran. Das klang wirklich wie am Meer, wenn das Meeresrauschen während eines Herbststurms auf breiter Front auf einen zu rollt. Die Intervalle wurden immer kürzer und irgendwann setzte dann eine wunderschöne, spacige, typische N Gitarre ein. Ein Drone, der eigentlich Melodie sein will. Durch den Kontrast mit dem nun rhytmischen Rauschen ergab sich ein wunderschöner Kontrast. Das ganze steigerte sich, Layer wurden aufgeschichtet, die Wellen rissen einen nun mit über den Rand des Meeres, dem Ende der Welt,.bis tief ins Universum. Der Kopf wurde frei und alles fühlte sich irgendwie sehr warm an. Wo N sonst durch seine langen Gitarrendrones manchmal etwas unterkühlt wirkte, hat er es mit diesem Set geschafft, eine sehr emotionale Klanglandschaft zu schaffen. Pure Begeisterung.

Störend waren leider während des gesamten Auftrittes die sich permanent in unangenehm hoher Lautstärke unterhaltenden vermeintlichen Stammbesucher des AZs. Das war manchmal sogar lauter als die Musik.

Positiv erwähnenswert waren aber die Visuals von Pathfinder. Er hats geschafft, die Musik optisch hervorragend umzusetzen. Komplett in schwarz/weiß gehalten, war zunächst alles sehr duster, passend zum bedrohlich wirkenden Sound. Das Einsetzen der harmonischeren Sounds brachte das Gefühl hervor, daß sich irgendwie etwas öffnet. Wunderbar wurde das umgesetzt durch sehr helle/weiße Flächen, die dann von der Mitte her das Dunkle an den Rand drückten, also auch quasi den Raum auf der Leinwand öffneten. Ich bin gespannt auf weitere Projekte der beiden. Das passt sehr gut zusammen.

Weiter gings dann mit dem Augsburger Duo Deep. Die hatte ich bereits vor 15 Jahren mal im alten AZ gesehen. Sie waren damals Support von Bohren & der Club of Gore! Bohren spielten damals einen absolut verstörenden Auftritt in kompletter Dunkelheit, die nur durch das Blitzen eines Stroboskops durchbrochen wurde. Dazu dann der damals noch weniger kühle, jazzige Sound von heute, sondern mehr ein dreckiger, bluesiger Sound ähnlich quälend langsam gespielt wie heute. Das war die reinste Psychofolter, aber halt so beeindruckend, daß sich neben mir auch Deep noch sehr gut an den Abend erinnern konnten.

Ebenso wie Bohren haben auch Deep ihren Sound verändert. Damals klang das alles noch irgendwie wie eine Mischung aus alten Scorn, Godflesh usw. und Ambient. Heute klingen Deep passend zu N viel wärmer, sehr dronig, mit tollen, einzigartigen Sounds und kleinen rhytmischen Einsprengseln. Das hat mir sehr gut gefallen, auch wenn ich dem leider nicht die gebührende Aufmerksamkeit schenken konnte.

Dritter Akt im lustigen Spiel „Wie überfordere ich den DIN-Punk“ waren dann Transport, ein Trio, das sich dem Krautrock verschrieben hat. Eine klassische Rhytmussektion aus Schlagzeug und Bass bestehend wird bei Transport nicht durch Gitarren sondern durch allerlei elektronisches Gerät ergänzt. Schnell fühlte man sich in einen 70er-Jahre Kellerclub incl. Nebelschwaden versetzt. Die monotonen Rhythmen trieben die wabernde Elektronik locker vor sich her und ein ums andere Mal gewann man das Gefühl, daß die Musiker schon mehrfach diverse Can Platten gehört haben. In spacigeren Passagen gelang es Transport, auch ein wenig wie Tangerine Dream zu Zeiten von Atem und von Zeit zu klingen. Dankenswerterweise aber ohne wie eine Kopie zu klingen oder in sentimentaler Art und Weise alten Zeiten hinterher zu trauern. Trotz des krautigen Ansatzes in ihrer Musik wirkte alles sehr frisch.

Wurde bisher der gemeine DIN-Punk durchaus schon gefordert, gaben Moloch ihm nun den Rest. Oder kam er mit dem Sound sogar besser klar als mit den vorherigen Bands? Immerhin fabrizierten Moloch Harsh Noise ebenfalls nach DIN-Norm. Da war nichts Überraschendes, nichts, was einen aufhorchen ließ. Immer wieder die selben Standard-Sounds, die man schon von Tausenden anderen Noise-Projekten kennt. Dazu war es noch zu leise, daß es nicht einmal eine physische Komponente besaß und den Rock’n’Roll eines Zbigniew Karkowski konnten Moloch erst recht nicht rüberbringen. Langweilig und verzichtbar.

Kaum, daß Moloch mit ihrem Set durch waren, setzte dann auch schon Musik aus der Konserve ein. Und wer hätte es für möglich gehalten, es gab DIN-Asselpunk auf die Ohren. Nach einem in weiten Teilen sehr guten Abend mit experimenteller Musik war das umso mehr ein Kulturschock, den ich mir gerne erspart hätte.

Deep: www.deepdeepdeep.de

N: www.n-1511.com

Moloch: www.fuckedover.de

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