Hochinnovativ, nein, das waren Nada Surf nie, aber haben es geschafft, wie kaum eine andere Band mit den einfachsten Mitteln der Rockmusik eigenständig zu klingen.


Dies war auch an diesem Donnerstagabend im November 2016 in Bremen so. Der Nada Surf Bassist Daniel Lorca verkörperte auch in Bremen wieder den Alt-Rocker, der seine Zigarette nicht einmal für den Background-Gesang aus dem Mund nimmt, während Bandleader Matthew Caws sich wieder in seiner Rolle als früh ergrauter, aber jugendlicher Charmebolzen sichtbar wohl fühlte. Und Ira Elliot spulte von den rockigsten Stellen bis zur simpelsten Begleitung von Blonde on Blonde ’solide‘ ab.

Doch First Things First: vorher war noch die Schweizer Band YOKKO als Support dran. Während zu Beginn auf beiden Seiten, Publikum wie Band, etwas Zurückhaltung herrschte. In 30 Minuten spulte die Band gefühlt ein ganzes Set ab, wo auch die Akustik-Ballade nicht fehlen sollte. Das Publikum hörte dabei soliden Alternative Rock, gespickt mit Pop und Indie-Elementen, der Erinnerungen an 30 Seconds to Mars abrief. Das wirkte bisweilen etwas zu routiniert und glatt, gerade in der zweiten Sethälfte schaffte es die Band aber auch immer wieder, schöne Spannungsbögen in die Musik einzubauen. Nach und nach wärmten sich dann Band und Publikum auf.

Vermarktungstechnisch macht die Band dagegen aber jetzt schon alles richtig: Neben der konsequenten Umsetzung des Wortwitzes „YOKKOlade“ teilte die Band nach dem Auftritt von Nada Surf Karten mit freien Downloadcodes für ihr Album aus. Während die Band in der Schweiz schon Chartstürmer sind, sind sie sich hier nicht zu schade, hohes Engagement zu zeigen.

Danach schmierten Nada Surf ihren im Durchschnitt eher langjährig wirkenden Fans mit einem 23-Song starken Set ordentlich Honig ums Maul, denn neben den altbewährten Hits und rund der Hälfte des neuen Albums wartete die Band auch mit einigen besonderen Liedern aus dem Klassiker der Band Let Go. Den Auftakt machte dabei Cold to See Clear aus ihrem neuen Album You Know Who You Are. Daraufhin folgten einige Lieder von Let Go, wie Weightless, Happy Kid oder Rushing. Die Reaktion des Publikums machte da schon klar: Die meistens kennen sich hier aus. Auch in der Mitte des Sets wurde es nicht langweilig: Perlen wie Kilian’s Red, The Fox, Blonde on Blonde oder auch das neue Out of the Dark machten die Show zu keiner Zeit langweilig. Der Zugabenblock, u.a. mit Popular, Always Love und zuletzt Blizzard of ’77 verdeutlichte zuletzt, auf welchen großen Katalog die Band zurückgreifen kann. So wurden lediglich Songs des 2014er-Albums „Stars Are Indifferent to Astronomy“ vermisst.

Auch sparte Matthew nicht mit Ansagen – manche waren dabei eher spontane Witze und Sprüche in Reaktion auf Rufe aus dem Publikum, manche gewährten Einblick in die Familiengeschichte und die Gefühlswelten, die jeweils zu den Songs geführt haben. So freute er sich über seinen ersten Besuch in Bremen, wo seine Großmutter her kam, erzählte, dass sein Vater als Kind von religiösen Fundamentalisten aufgezogen wurde und fliehen musste oder dass die New Yorker Band angesichts der Geschehnisse in Amerika „genauso verwirrt sind, wie wohl alle in dem Raum“.

Wer schon einmal Nada Surf live sehen konnte, bemerkt zudem eines: Die klingen ja ganz schön hart. Gut, natürlich sehen wir hier keine Metal-Band, doch die Live-Situation beschert so manchem Nada-Surf-Songs einen kräftigen Schub und ließ auch hier in Bremen das zunächst sehr zögerliche Publikum nach und nach mitgehen. Letztendlich machte das Publikum auch die von Matthew Caws instruierten Schunkel-Bewegungen mit und entgegnete das obligatorische „Fuck It!“ beim Schlussakkord Blankest Year.

Man könnte viele Fragen stellen, die sich vor, nach und während des Auftritts von Nada Surf am vergangenen Donnerstag aufgetan haben. Man könnte verzweifeln an der weltpolitischen Lage, rätseln, warum die Welt den Rückwärtsgang in Richtung Hass eingeschlagen hat, wie es auch die Band an diesem Abend tat. Man könnte sich fragen, wo ihr erst jüngst offiziell gemachtes 4. Bandmitglied Doug Gillard geblieben ist und sich an dem dünnen Live-Sound der neuen Lieder ärgern. Oder auch fragen, warum nicht alle Nachwuchsbands so konsequent in ihrer Vermarktung sind wie YOKKO.

Ebenso gut kann man aber auch alle Fragen und Sorgen vorbeiziehen lassen, denn auch 2016 schaffen es Nada Surf immer noch, jede Venue, die sie betreten, zu einem musikalisch-wohligem Wohnzimmer umzufunktionieren. Manch‘ einer wäre wohl auch gerne lang nach dem eigentlichem Auftritt in diesem Wohnzimmer geblieben. Wo über die Deckenausstattung des Klubs Witze gemacht werden. Wo am Ende auf die Technik gepfiffen wird und alle zusammen unplugged Blizzard of ’77 singen. Wo die Band immer ein offenes Ohr am Merchstand hat. Wo Always Love ist.

Schreibfehler gefunden? Sag uns Bescheid, indem Du den Fehler markierst und Strg + Enter drückst.