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Das OFF Festival in Katttowitz existiert seit dem Jahr 2006 und hat sich innerhalb von wenigen Jahren zu einem namhaften Indie-Festival in Europa gemausert.

In den letzten Jahren sind Künstler_innen wie PJ Harvey, Patti Smith, The Smashing Pumpkins, Mogwai und viele andere dort aufgetreten – die Liste ließe sich beinahe beliebig weit fortsetzen. So lässt sich der Besuch des Festivals für alle Menschen, die nicht zufällig in Kattowitz selbst wohnen, mit einem Besuch in einer, wie man landläufig sagt, „geschichtsträchtigen“, schönen und dennoch häufig übersehenen Stadt in Polen verbinden.

Kattowitz hat sich von einer ehemals stark industriell geprägten Stadt zu einem der polnischen Epizentren der sogenannten „New Economy“ entwickelt – Informationstechnik, Kultur und Wissenschaft sind heute die wesentlichen ökonomischen Eckpfeiler der Stadt.

Dementsprechend jung wirkt auch das Stadtbild – zumal an diesem Freitagmorgen, als erkennbar viele voll bepackte Leute neugierig durch die Innenstadt schlendern, die man nur wenige Stunden später auf dem Festivalgelände im Kattowitzer Süden wiedersehen wird.

Das Festival beginnt dann am frühen Abend mit einer Band namens Trio Jazzowe Marcina Maseckiego, die praktischerweise qua Bandnamen den Genrehinweis gleich mitliefern, was man sich angesichts vieler unbekannter Bands im Festival-Line-Up gelegentlich auch von anderen Acts wünschen würde. Der Jazzhinweis jedenfalls ist Grund genug, dem Trio einen Besuch abzustatten, verheißt doch Jazz an diesem schwülen, von der üblichen Pein der Festivalankunft geprägten Freitagnachmittag einen gut erträglichen Rutsch ins Wochenende. Tatsächlich geht das Dargebotene noch weit über die ursprüngliche Erwartung hinaus, bietet das Trio doch einen bisweilen schon fast psychedelisch rockigen, in jedem Fall aber hochnervösen wie hochvirtuosen Sound, der das anfangs eher träge Publikum innerhalb kurzer Zeit aus seinem Dämmerschlaf entreißt. So kann die Festival-Odyssee munter weiter gehen.

Nach Jazz folgt dann – im Übergang ein bisschen holprig, aber dem vollen Festival-Timer geschuldet – Dark Wave, genauer gesagt: Lebanon Hanover.

Das Berliner Duo hat sich in den vergangenen Jahren durch ihren Retro-treuen, Experimente-scheuen Sound einen Namen gemacht, und das nicht zu unrecht. Das, was sie machen, machen sie wirklich gut. Zu Beginn ihres Auftritts in Kattowitz will der Sound aber nicht so richtig zünden, was auch an dem Sonnenlicht liegen kann, das trotz des Zelts nicht ganz außen vor gehalten werden kann. Doch mit der Abnahme des äußeren Lichtes nimmt zugleich die Dynamik ihrer düsteren Musik zu, und allmählich kommen auch die mitgereisten, mitunter teenie-like kreischenden Fans in Fahrt, sodass nach dem letzten Stück, dem etwas klischeehaften Totally Tot, zugleich tosende Zugabe-Rufe durchs Zelt donnern, denen natürlich aufgrund des eng getakteten Festival-Timer nicht nachgekommen werden kann.

Um kurz nach halb zwölf steht dann der erste richtige Hochkaräter der diesjährigen Ausgabe in den Startlöchern – Jarvis Cocker, oder genauer gesagt: Jarvis Cocker introducing JARV IS.

Einer der wenigen Künstler der Brit-Pop-Ära, der auch nach dem Ableben der Stammband würdig musikalisch gealtert ist. Diese Würde zeigt sich unter Anderem darin, dass es, bis auf einen, zur Unkenntlichkeit verfremdeten Song, keinen einzigen seiner übermächtigen Pulp-Zeit spielt, was auf der einen Seite einen kleinen Schluchzer des Bedauerns, auf der anderen Seite aber Respekt für die konsequente Negierung jeglichen Revival-Kitsches auslöst. Begleitet wird Jarvis von einer fünf-köpfigen Band, die unter Anderem mit einer tollen, verzerrten Geige und einer Harfe besetzt ist. Jarvis dazu ist ein großartiger Entertainer und Sänger, der das charmante Spiel mit dem Publikum beherrscht, inklusive einer kleinen Crowdsurfing-Einlage, bevor er das Publikum gegen 1 Uhr in die Nacht entlässt.

Jarvis Cocker
Jarvis Cocker | (c) SpontanProductions

Der Samstag beginnt dann musikalisch etwas verspätet mit Jakuzi aus der Türkei. Eine Band, musikalisch irgendwo angesiedelt zwischen Depeche Mode, New Order und türkischer Popmusik (meine mangelnde Kenntnis der türkischen Popmusiklandschaft lässt leider keine weitergehende Differenzierung zu). Das Duo besteht aus einem Sänger und einem Gitarristen, der zugleich Synthesizer und Drum-Machine bedient. Die Band fasziniert ungeheuerlich, nicht zuletzt, weil die türkisch-sprachigen Texte für Menschen ohne Türkischkenntnisse keinerlei Sinn vermitteln und dadurch zu einer großen Projektionsfläche ungestillter Sehnsüchte werden. Eine knappe Stunde spielt die Band, und dabei unter Anderem auch das schöne Koca Bir Saçmalık, das im Internet bereits zu einem kleinen Hit geworden ist.

Danach geht es dann weiter mit Electric Wizard, der britischen Stoner-Doom Band. Eine Band, die in den vergangenen 25 Jahren zu so etwas wie einer Genre-Definition des Doom-Metal geworden ist. Ihre schweren, schleppenden Gitarren wirken wie eine Black-Sabbath-Reinkarnation des 21. Jahrhunderts, und tatsächlich wimmelt es auch im Backkatalog der Band nur so von Sabbath-Reminiszenzen (ihr letztes Album aus dem Jahr 2017 etwa heißt Wizard Bloody Wizard). Im Bühnenhintergrund werden dazu Videos von 70er-Jahre Horrorfilmen an die Wand geworfen, die im wesentlichen männlich-sexuelle Demütigungsfantasien gegenüber Frauen bedienen. Das, bei einem gleichzeitigen Männeranteil im Publikum von annähernd 99%, hinterlässt dann aber irgendwie kein so gutes Gefühl.

Am Sonntag stehen dann am frühen Abend mit Trupa Trupa aus dem nördlichen Danzig so etwas wie die Indie-Heroes Polens auf dem Programm, zumindest, wenn man die offensichtliche Begeisterung und Text-Sicherheit vieler Anwesender zum Maßstab nimmt. Sänger und Gitarrist Grzegorz Kwiatkowski sieht dabei nicht nur aus wie Pete Doherty, sondern klingt mit seiner schnoddrig, etwas abgefuckten Stimme auch gleich noch so. Die Musik der Band insgesamt dann aber eher nicht. Sie erinnert durch ihre schwelgerischen, oft bis zur Unkenntlichkeit verzerrten Gitarren eher an Shoegaze-Epigonen wie Ride oder Slowdive. Dazu gibt es auch einige Songs, in denen Bassist Wojciech Juchniewicz den Gesang übernimmt, und dabei mit Black-Metal-Shouts ein eher untypisches Element in das Soundgerüst mit einbaut, das zugleich zu überzeugen weiß.

Trupa Trupa
Trupa Trupa | (c) Spontan Productions

Als nächstes stehen dann Stereolab auf dem Plan, die sich Anfang der 90er Jahre in London gründeten und in ihren ersten Jahren gleich mehrere Klassiker ihres Genres veröffentlichten.

Im Mai diesen Jahres sind zwei ihrer Alben aus Anfang der 90er Jahre neu aufgelegt worden, im September werden die nächsten drei folgen. Passend dazu spielen sie seit kurzem auch wieder live, nachdem sie in den letzten knapp 10 Jahren auf unbestimmte Zeit pausiert hatten. Entsprechend hoch ist die Erwartungshaltung vieler Anwesender hier, und diese wird keineswegs enttäuscht. Charmant führt Sängerin Lætitia Sadier durch den Abend, die Band spielt viele ihrer frühen Stücke, von denen jeder einzelne bereits nach Anschlag des ersten Akkords frenetisch bejubelt wird. Der Auftritt beginnt mit Perculator vom Album Emperor Tomato Ketchup und in der Folgezeit werden sowohl straightere Nummern wie ihr Überhit French Disko als auch verspieltere, „krautigere“ Stücke wie Rainbo Conversation gespielt. Es bleibt zu hoffen, dass es nicht bei einigen Revival-Auftritten bleiben wird, sondern früher oder später auch neues Material erscheinen wird.

Stereolab
Stereolab | (c) Spontan Productions

Als großen, pompösen Schlusspunkt haben sich die Festival-Organisatoren in diesem Jahr die Brit-Pop-Legenden von Suede ausgesucht, die Anfang der 90er Jahre mit ihrem glamig-androgynen Auftreten und homophilen Anspielungen ein zu begrüßendes Gegengewicht zum Testosteron-Rock von Oasis & Co. lieferten.

Doch wirkt ihr Auftritt auf dem OFF Festival gut 25 Jahre nach Erscheinen ihres vielbeachteten Debüts reichlich glatt und steril. Passend dazu geht Sänger Brett Anderson schon nach wenigen Minuten den zuständigen Sound-Techniker handgreiflich an (so wirkt es zumindest aus dem Zuschauerbereich), nachdem dieser nach 1-2 nervös-gereizten Handbewegungen des Sängers die Soundprobleme des selbigen nicht in den Griff bekam. Die ganze Szenerie wirkt irgendwie peinlich, sodass ich dem Geschehen beim 6. Song, der schmalzig-pathetischen Piano-Ballade The 2 of us schließlich entnervt den Rücken kehre und diesen letzten Festivalabend beim zwar nicht musikalisch, dafür aber performativ deutlich spannenderen Act Lotic: Endless Power ausklingen lasse.

Lotic Endless Power
Lotic: Endless Power | (c) Spontan Productions

Titelbild: OFF Festival Impressionen | (c) Spontan Productions

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