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Für fünf Tage im August war Eschwege, eine idyllisch gelegene und sonst recht verschlafene Stadt im Werratal, zum 35. Mal Veranstaltungsort für das Open Flair Festival und Gastgeber für etwa 20 000 BesucherInnen.

Das Auto vollgeladen mit der Familie und allerlei Zeugs um für alle Wetterlagen gerüstet zu sein, fuhr ich nun schon das vierte Mal in Folge ins Hessische. Die Vorfreude war riesig, das Line-up versprach neben Lieblingsbands, bekannten KünstlerInnen, die ich noch nicht live erlebt hatte auch einige für mich unbekannte Variablen. Um auf insgesamt zehn in der Stadt verteilten Locations für Musik und Kleinkunst einen Überblick zu kriegen, vermisste ich in diesem Jahr das übliche Programmheftchen. Eine geringe Auflage kursierte aber dennoch und wurde gern weitergegeben. Darüber hinaus gibt es in jeder Gruppe ja immer ExpertInnen für dieses und jene Genre und man tauscht Empfehlungen aus und fachsimpelt. Planung hin oder her, letzten Endes ist es immer dann am schönsten, wenn man sich treiben lassen kann. Und das geht in Eschwege besonders gut. Auf dem Weg zwischen den Bühnen rund um Mangelgasse und Brückenstraße wurden wie in jedem Jahr Haustüren, Erdgeschossfenster und Hofeinfahrten zu Theken, Begegnungsstätten, Grillparadiesen, Ganztagesspätis und Veggi-Oasen, die mit kreativer Deko und gutgelaunter Bedienung aufwarteten – das ist gelebte Gastfreundlichkeit.

Für ein musikalisches Warmup am Mittwoch lieferten The Subways und Alex Mofa Gang solide ab. Skamusik und Polkabeats von Russkaja brachte den Platz vor der Seebühne dann endgültig zum kochen und spätestens ab da war klar, es wird wieder eine großartige Zeit in Eschwege. Den Abend beendete Muff Potter.

Ruskaya
Russkaya | (c) Stephan Lindner @hcpix.com

Der Donnerstagabend stand ganz im Zeichen der Eschweger Peitsche (leider noch immer ohne Wikipedia-Eintrag) der Donots – eine Mega-Abrissparty vom Allerfeinsten mit den fünf Silberherren aus Ibbenbüren, deren Energie und Begeisterung von der ersten Sekunde auf die Menge überschwappte und das brechend volle Gelände vor der Seebühne zum Kochen brachte. Das Jubiläumsalbum Silverhochzeit ist völlig zurecht Platz 1 der deutschen Vinyl-Charts und die Band live kaum zu toppen. Nur fragte ich mich, wer war der Typ mit rotem Karoschlapphut, der am Ende auf der Bühne rumwuselte 😉.

Vorab begeisterten The Intersphere mit ihrem energetischen Gitarrenrock sowie City Kids feel the Beat mit frischem Pop-Punk und ein sympathischer Megaloh.

Donots
Donots | (c) Stephan Lindner @hcpix.com

Nach ihrem Open Flair-Debüt 2016 gab es am Freitag nun endlich eine Wiederholung für KAFVKA, meiner persönlichen Herzensband. Wie kaum eine andere Band repräsentieren die Crossover-Punk-Rapper aus Berlin eine klare Haltung gegen Rassismus, Fremdenhass, Homophobie, für Toleranz, Integration und Nachhaltigkeit. Mit Songs wie Batikhose und Geiler Punk halten sie uns ironisch und ohne zu moralisieren den Spiegel vor. Das textsichere und lautstarke Publikum vor der Freibühne bewies, dass nicht nur Fick dein Volk und Alle hassen Nazis Hymnenpotential haben. KAFVKA stehen definitiv für Texte, die unter die Haut gehen und die trotz aller Feierlaune innehalten und nachdenken lassen und so wurde es zwischendurch auch mal ganz ruhig am Baumkreis in Eschwege.

Anschließend wieder Zeit sich treiben zu lassen – ein Bierchen auf der Bordsteinkante in der Mangelgasse, etwas snacken bei Natascha in der Fußgängerzone und rumulken mit den WalkActs. Dann ging es weiter im Regen mit Nothing but thieves, Rockmusik aus Great Britain und Wingenfelder, eigentlich keine Festivalband, die aber dennoch funktioniert und mit bekannten Fury In The Slautherhouse-Songs immer auf der sicheren Seite sein kann. Ein trockenes Plätzchen fand sich dann im E-Werk mit der bezaubernden Sookee. Alle mit Erstkontakt waren schockverliebt in die Quing of Berlin, die über jegliche Formen von Ausgrenzung rappt und wie beiläufig ganz nahbar und eloquent Beobachtungen aus ihrem Großstadtalltag und Episoden aus ihrer Biographie erzählt – dabei immer politisch und selbstironisch.

KAFVKA
KAFVKA | (c) Stephan Lindner @hcpix.com

Der Samstag brachte eine gut gelaunte Sondaschule bei Sonnenschein, einen smarten Dave House mit Clubatmosphäre, eine krass eskalierte Symbiose aus Metalcore und Popelementen von Annisokay, Kapelle Petra, viel mehr als eine Spaßtruppe mit Animationstalent, überzeugte mit Tiefgang und Feingeist, und The Hirsch Effekt, selbstbezeichnete „Krawallkunst“ optisch und musikalisch imposant und atmosphärisch dicht.

The Hirsch Effekt
The Hirsch Effekt | (c) Stephan Lindner @hcpix.com

Spätestens am Sonntag fühlst du körperlich, dass du schon vier unfassbare Tage auf den Beinen bist. Da hilft Bewegung – also kleine Wanderung und Einkehr im „Felsenkeller“. Musikalisch ging es dann los mit ZSK – quirlig, kritisch und präsent mit direkten und klaren Aufrufen zu politischem Engagement und Übernahme von Verantwortung für Gesellschaft und Umwelt.

Direkt im Anschluss wartete auf der Freibühne ein Erlebnis der ganz besonderen Art: Yungblud, ein junger Brite in rosa Socken und schwarzem Minikleid, eine ab der ersten Sekunde eskalierende Naturgewalt, spielte wie ein Wilder mit gebrochener Hand Gitarre. Seine Füße schienen mehr in der Luft zu sein als Bodenkontakt zu haben. Er provozierte und imponierte mit Körpersprache, Mimik und Gestik, ein absoluter Charmingboy. Musikalisch rockig-poppig alternativ mit Ska- und Hip-Hop-Elementen. Was für ein Typ – unfassbar!

Ohne Pause ging es auf der großen Radio-BOB-Bühne weiter mit Swiss & Die Andern, schnoddrige, schnörkellose Punkmusik aus Hamburg mit eingängigen Rhythmen und Botschaften. Sonntagnachmittag in Eschwege – „Zeit für bisschen Pogo“ und die Verlosung eines dreiminütiger Urlaubs für einen „Punker auf  Sri Lanka“ namens Mona.

Yungblud
Yungblud | (c) Stephan Lindner @hcpix.com

Der Tag brachte dann noch ein wenig Regen, das obligatorischen Versacken im griechischen Stammlokal und fröhliche Gespräche auf dem Festivalplatz, auch über die besonderen Momente der letzten Tage.

Tina und Markus
Tina und Markus | (c) Luzie Gebhardt

Tina aus Bochum: „Mein Flair-Moment war die Love-Wall bei den Leoniden, es war einfach irre schön.“ 

Markus aus Bochum: „Für mich waren es die offenen Menschen im Ort, die uns willkommen heißen und die sagen, wir haben auch viel Spaß an diesem Festival. Das hat mich total begeistert.“

Frank
Frank | (c) Luzie Gebhardt

Frank aus Hannover: „Das Open Flair ist immer Entspannung und Ekstase. Es gibt ganz viele Gänsehautmomente. Ich habs endlich mal ins E-Werk geschafft. Das Konzert mit Sookee gehört eindeutig zu meinen Highlights. Ebenso die Polonaise mit tausenden Leuten zwischen 6 und 60 bei Kapelle Petra. Es ist einfach schön, dass alles so friedlich bleibt und dass die Leute so offen aufeinander zu gehen. Ich werde wiederkommen, solange bis dass der Rollator uns scheidet.“

Tanya
Tanya | (c) Luzie Gebhardt

Tanya aus Köln: „Mein Flair-Moment war, als wir bei Madsen alle zusammen, mit allen Freunden, im Regen getanzt haben und immer wieder in die Pfützen gesprungen sind. Das war einfach megaschön. Da hab ich mich voll frei und happy gefühlt.

Meine persönlichen Flairmomente waren die Begegnungen mit neuen und alten Freunden auf Bordsteinkanten, Treppenstufen am Bierstand und vor den Bühnen. Man begegnet sich erwartungsfrei, darf offen und neugierig sein. Die Basis dafür ist die Musik. Sie ist es, die uns auf dem Open Flair verbindet und lässt das, was uns im Alltag trennt, verschwinden. Hier feiern CamperInnen und BankerInnen, Punks und Nerds, Hippies und Püppies, Jung und Alt. Ich hab ein wenig Hoffnung, dass wir davon etwas mit in den Alltag nehmen können, ebenso die Statements von Nora (Sookee), Jonas (KAFVKA) und Joshi (ZSK).

Es war wieder ein geiles Festival, trotz geschwänzter Headliner wie Madsen, Fanta Vier, Die Toten Hosen und The Offspring oder vielleicht gerade deshalb. Ich freue mich auf 2020, Tickets sind schon in Sack und Tüten, Urlaub ist eingereicht!

Titelbild: Russkaya | (c) Stephan Lindner @hcpix.com

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