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Stell dir vor du gehst auf ein Label-Festival und kennst keine einzige Band – Rückblick eines Genrefremden auf ein nennenswertes Festival.


Es war irgendwann zwischen Ostern und Pfingsten. „Hättest du Zeit und Lust aufs Pelagic Fest zu gehen und was zu schreiben?”

Und so fand ich mich kurz danach für das 3. Pelagic Fest des Berliner Labels Pelagic Records akkreditiert. Ohne Pausenbrot aber mit gutem Zuspruch wie: „Ach du machst das bestimmt gut“, gab ich über das Pfingst-Wochenende den netten Fachidioten vor Ort.

Wer hier nun den Bericht eines eingefleischten Post-Rock Fans sucht, klickt am besten schleunigst weg. Hinter mir liegen drei eindrucksvolle Konzerttage- und Abende fernab meiner musikalischen Wohlfühlzone. Und so wars:

TAG 1 | 18.05.2018 | Bi Nuu, Berlin

Gegen 17:00 komme ich am Freitag, den 18.05. am Berliner Club Bi Nuu an. Hier spielen oft Bands und auch oft gute Bands: Aus der Reihe fällt trotzdem sofort, dass nicht wie sonst nur ein oder zwei Transporter um den Club stehen. Umzingelt von gefühlt acht mittelgroßen Bussen, samt Anhängern, wird mir die Tragweite meiner Akkreditierung langsam bewusst.

Mit meinem Promo-Partner fix als Pressefuzzi an der Tür gemeldet, konnte ich noch das Ende des letzten Soundchecks sehen. Angeblich lief der erste Soundcheck schon um 13:30!

BRIQUEVILLE

Briqueville
(c) Johnathan Strange

Fünf Figuren betreten die Bühne. Fünf schwarze Umhänge und fünf Masken wie sie „Schnabeldoktoren“ getragen haben, als die Pest Mitte des 12. Jahrhunderts die europäische Population auf 2/3 reduziert hat.

Ab dem ersten Anschlag wird 3/3 der Population im Berliner Bi Nuu aber sofort klar, dass die fünf Belgier hier nicht zum Spaß sind. In Windeseile hat sich da auf der Bühne ein Superzellengewitter (Wikipedia: Bei Superzellen handelt es sich um eine Sonderform von Einzelzellen, die durch ihren hohen Grad an organisierter Struktur ausgezeichnet sind.) zusammen gebraut.
Kenner mögen mich dafür auslachen aber BRIQUEVILLE waren musikalisch durchgehend konsequent auf eine Art, die ich weiterhin als bitterböse beschreibe. „Ja, das sind auf jeden Fall starke Doom-Elemente“, war der Konsens der Leute, die ich nach dem Konzert gefragt habe.

Bei BRIQUEVILLE war ich auch das erste mal im Rahmen dieses Wochenendes Zeuge und Mittäter von dem was so mancher als mantraartig wankende Masse beschreibt.

CASPIAN

Caspian
(c) Johnathan Strange

Kurz danach war es auch schon soweit und ich hatte gelinde gesagt massive Probleme von hinten durch den Konzertsaal nach vorne in irgendeine gute Position für Fotos zu kommen. Schon 15 Minuten bevor der Headliner aus Massachusetts anfing, gab es eigentlich nirgends keinen Platz mehr. Kein Wunder, denn die Gruppe Caspian hat sich geraume Zeit nicht mehr blicken lassen aber beendete ihre erste Europa-Tour seit langem auf dem Pelagic Fest.

Musikalisch lässt sich das Quintett in Sachen Lautstärke und Bühnenpräsenz absolut keine Butter vom Brot nehmen.Jeder auch noch so Branchenfremde merkt natürlich sofort was diese Truppe aus Neu-England da für Energien ins Publikum schickt und geballt zurückbekommt.

Fans der Band haben auf Nachfrage nach dem Konzert mit einer Träne im Auge aber doch den Sound beklagt. Vor BRIQUEVILLE fällt mir aber auch kein hier direkt unter der U-Bahn Station Schlesisches Tor, bei dem es nichts über den Sound zu meckern gab. Eigentlich schade denn die Räumlichkeiten und Technik sollten das hergeben.

So gesehen: Tag 1
Wegen Schabernack und Interview-Slots konnte ich leider nur zwei von vier Bands sehen. Zwischen den Bands wurde zügig und strukturiert umgebaut und die genannten Spielzeiten der Bands wurden ungewöhnlich genau eingehalten.

Mein eigener Spider-Sense und die 15-20 Leute, die ich nach den Konzerten genervt habe, waren sich, ohne viel zu überlegen, überraschend sicher: Die beste Gruppe war an diesem Freitag BRIQUEVILLE.

TAG 2 | 19.05.2018 | Badehaus Szimpla & Cassiopeia, Berlin

Ein Blick auf das Programm für Tag 2 verrät: es gibt Samstags und Sonntags statt einer Bühne drei und statt vier Bands ganze acht. Aber dafür geht’s auch schon um 17:00 los.

SHRIVEL

Shrivel
(c) Anton Kostudis

SHRIVEL hat den Anfang im Cassiopeia gemacht. Als Anti- Fachbesucher hab ich mit einer Band gerechnet, aber einen einzelnen Kapuzen-Pulli samt diverser Tasteninstrumente vorgefunden. Unwissenheit schützt ja aber bekanntlich vor Spaße nicht und so hat mir SHRIVEL auch tatsächlich gut gefallen.

Via nicht zu wenigen Musik-Eingabegeräten und unter deinem einzelnen Spotlight geht es hier vor allem um Geduld. Steter Tropfen höhlte hier dein Stein und wer Zeit genug hatte konnte hören wie SHRIVEL langsam aber sicher aus eine tonalen Mücke einen beladenen Elefanten machte. Ein schlauer Einstieg in den Festival-Samstag.

RADARE

Radare
(c) Johnathan Strange

Ungefähr um 2 Minuten verpasste ich den den Start der Gruppe RADARE aber bekam noch einen Platz an der Bar neben der Bühne. Nach weiteren 2-6 Minuten waren gefühlt die Hälfte der Leute an denen ich mich just vorbei drängelte nicht mehr im Raum. Genau so viele sind aber nachgekommen denn Saal 2 im Cassiopeia war stets gut gefüllt. Es war schon ein Erlebnis für sich zu sehen wie kleinere und größere Gruppen den Raum betraten und ausnahmslos von Radare und deren Musik geteilt wurden.

RADARE fluten fast pathologisch den Raum mit Musik. Aber vor allem mit Atmosphäre. Ich würde meinen selbst als Superfan der Pelagic-Band-Brandbeite erwartet man wohl kaum irgendwas das mit Klarinette anfängt und mit Saxophon aufhört. Langsam aber sicher klingt es von der Bühne

Radare fand man entweder sehr gut und blieb, oder gar nicht gut und ging. Am besten muss man sich die Musik einfach mal anhören um zu ahnen was da zu 4. auf der Bühne lief.

Nachdem deren Technik und Instrumente verstaut waren habe ich noch 2 „Radaristen“ auf dem Parkplatz erwischt und gefragt was das eigentlich soll. Lest selbst!

So gesehen: Tag 2
Acht Bands haben sich 3 Räume in 2 Clubs auf dem Berliner RAW-Gelände geteilt, doppelt so viele wie am Tag zuvor. Alle Gruppen zu sehen wäre in Stress ausgeartet, vor allem weil der Zeitplan auch am 2. Tag wieder sehr strikt durchgezogen wurde. Finde ich gut. Die Besucher bei denen ich mich zwischen und nach den Gigs erkundigt habe wirkten im großen und ganzen ungefährlich bis sehr nett, und vor allem zufrieden. Generell war in den Biergärten und Vorhöfen der Venues trotz oder vielleicht wegen der Hitze eine warme Stimmung.

TAG 3 | 19.05.2018 | Badehaus Szimpla & Cassiopeia Berlin

EARTHSHIP

Earthship
(c) Anton Kostudis

EARTHSHIP war mein Start in den 3. und letzten Tag des Festivals. Im Cassiopeia wurde von den 3 Musikern und dem restlos gefüllten Raum eine kompromisslose Gegendemonstration zum Modell „ruhiger Sonntag“ veranstaltet.

Von den Konzerten die ich gesehen habe war dieses mit Abstand das „härteste“ und vor allem lauteste. Nicht die wenigsten Leute haben sich im Hof nach dem Konzert die Ohren gerieben. Aber die meisten davon sahen dabei gut gelaunt aus.

ROSETTA

Rosetta
(c) Anton Kostudis

Schon bevor ich überhaupt den kleinen Hof vor dem Cassiopeia wirklich betreten habe, sind mir von kreuz und quer Menschen in allen Formen, Farben und Geschlechtern mit ROSETTA-Shirts über den Weg gelaufen. Und siehe da, auf Nachfrage im Hof, den Gängen und an der Bar wurde mir auch dementsprechend glaubhaft vermittelt das man sich heute auch vor allem auf das 5-Gespann aus Philadelphia freut.

Dementsprechend waren die Räumlichkeiten im Badehaus dann auch berstend voll. Auf aussichtslosem Weg durch die Menge um ein halbwegs gutes Foto zu bekommen (keine Chance!) hatte ich den starken Eindruck, dass sich die Leute doch sehr einig sind, wie gut dieses Konzert gerade ist. Nach Aufforderung von der Bühne doch jetzt mal technische Geräte einzupacken hab ich die Kamera dann auch mal verschwinden lassen.

Von den Konzerten dich ich gesehen habe war die Menge hier sicherlich am begeisterten. Im Saunadampf könnte ich schwören, dass man sich hier all zu oft im Rhytmus grinsend zugeprostet hat.

PG.LOST

pg.lost
(c) Anton Kostudis

Ich hab mich dann schon kurz nach 10 in den großen Saal des Cassiopeias gestellt um die Gruppe PG.LOST zu sehen. Zum einen konnte ich 1-2 von denen am Nachmittag für ein Interview gewinnen, zum anderen haben mir viele generell übers Wochenende, aber auch viele an diesem Sonntag gesagt, dass man sich ruhig besonders auf PG.LOST freuen darf.

So haben sich über die gesamte Spielzeit des Abschluss-Gigs eine absolut volle Haupthalle, und eine Hand voll Musiker auf der Bühne sichtlich gefreut. Eine klassische Win-Win Situation. Was ich mir zu Interview-Zwecken im voraus von den Schweden anhörte, wurde hier einfach saugut live abgebildet.

Da war dann auch zum letztes mal wieder dieses Wellenhafte das sich von vorn nach hinten durch einen 30m langen Raum zieht und auch mich wieder ins wanken bringt.

So gesehen: Tag 3
Der dritte Tag war eigentlich fast haargenau so wie der 2., nur ein bisschen anders eben. Die Orga schien mir wieder Tiptop und die Räume waren voll. Die Leute waren verschwitzt und gut gelaunt. Das Programm war abwechslungsreich und Prall gefüllt. Was soll man da groß meckern?!

S0 gesehen: Pelagic Fest 2018

„Stell dir vor du gehst auf ein Label Festival und kennst keine einzige Band“ habe ich nicht aus Jux und Tollerei als Titel gewählt. Ich habe mich einzig und bewusst nur auf die Gruppen vorbereitet, für die Interviews angesetzt waren.

Sonntagnacht bin ich nicht als wundersam bekehrter Post-Rock-Jünger nach Hause gegangen. Aber eine schlecht Band hab ich an diesem Pfingstwochenende nicht gesehen. Und unverhofft oft haben mich Gruppen für meine Ignoranz gegenüber dieser Facette der Gitarrenmusik abgestraft und von Hockern gehauen.

Das Festival an sich war mit Ansage etwas kleiner angelegt, was dem ganzen aber generell keinen Abbruch bereitet hat. Erstaunt war ich, dass alle Bands auch zu den angegebenen Zeiten wirklich angefangen haben.

Das Bi Nuu war eine sehr gute Wahl für den Eröffnungsabend. Für das Restwochenende war die Kombination aus Badehaus und Cassiopeia auch generell gut, denn die beiden Schuppen trennen im schlimmsten Fall 48 Sekunden Fußweg. Für meinen Geschmack war die ganze Sache vielleicht etwas überbucht. Klar will man als Veranstalter und Band, dass die Räume voll sind, aber all zu oft war es wirklich einfach brechend voll in den Räumen und zum Teil auch in den Gängen, die zu den Räumen führten.

Gekommen bin ich auf das Pelagic Fest 2018 als Genre-Fremder. Gegangen bin ich am Schluss ungern aber mit gutem Gefühl drei Tage und Nächte mit guter Musik und guten Menschen verbracht zu haben. Derweil sehe ich keinen Grund nächstes Jahr nicht wieder zu gehen und kann das jedem Genre-Fremden auch empfehlen. Punkt!

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