Denkt man an die norddeutsche Musikszene oder Norddeutschland im Allgemeinen, mag einem vermutlich am ehesten Hamburg einfallen. Die Millionenstadt mit den vielen Bands, vielen Clubs, vielen Konzerten an jeder Ecke. Doch langsam aber sicher macht sich auch die schleswig-holsteinische Landeshauptstadt Kiel mit Spiral of Noise einen Namen in der Szene rund um Post-Rock, Stoner, Sludge und andere Subgenres alternativer Rockmusik.


Kiel bietet dabei nicht nur einige kleinere Clubs, sondern auch Bunkeranlagen und autonome Kulturzentren, wie zum Beispiel die Alte Meierei, in der am 17. Oktober zum sechsten Mal das Spiral of Noise stattgefunden hat – ein eintägiges Konzertevent mit sieben Bands aus dem überregionalen Raum. Das Festival findet einmal im Jahr statt, doch weil sich zu diesem Termin viel mehr Bands gemeldet hatten, als man hätte im Programm unterbringen können, wird es eine zweite Episode im Frühjahr 2016 geben.

Das Spiral of Noise Fest wurde an diesem Tag von der Berliner Band Die Atombomben eingeläutet, die sich selbst als „dreckigen 90er Garage-Rock“ bezeichnen – völlig zurecht, wie ich finde. Punkig und dreckig singen sie deutschsprachige Songs in typischer Berliner Manier und versetzen die Besucher in die Rockmusik der 90er zurück. Schade nur, dass zu diesem Zeitpunkt die Location noch nicht sehr stark besucht war.

Die Atombomben

Die zweite Band des Abends war Hyne aus Hamburg, die sich dem Stoner verschrieben haben, der jedoch im Vergleich zu anderen Bands wesentlich offener und fröhlicher erscheint. Selten habe ich so gut gelaunte Musiker auf einer Bühne gesehen! Es ist nicht unüblich, dass eine Band aus fünf Personen besteht, doch diese Jungs haben den Eindruck erweckt, die Bühne zu sprengen. Der charismatische Sänger Koschelski grinste überwiegend freudig und untermalte die Musik mit dem Schellenkranz. Man konnte nicht anders als ebenfalls ins Lachen einzustimmen, wenngleich alles ein wenig wunderlich wirkte, wenn man sich doch auf ein Konzert mit schwerer und melancholischer Grundlage eingestimmt hatte.

Hyne

„Hallo, wir sind As Giants Fail und wir machen instrumentale Rockmusik“, kündigte alsbald Rico, Drummer der Kieler Band, ihren Auftritt beim Spiral of Noise an. As Giants Fail, die zu meinen Lieblingen des instrumentalen Post-Rocks gehören, sind noch relativ neu in der Szene und es ist mit jedem weiteren Auftritt schön anzusehen, wie sehr sie sich verändern und wachsen. Aus den vier Songs ihrer ersten EP „Era of the Stars“ ist eine Palette an bislang leider unveröffentlichten Stücken geworden, die sich weiterhin mit astronomischen und Themen der Natur befassen, sowie auch mit dem allgegenwärtigen Thema „Mensch gegen Maschine“, wobei Rico eine schöne Anekdote über den EC-Karten-fressenden Geldautomaten zum Besten gab. Mit diesen neuen Stücken haben die Kieler es geschafft, ihr Set wundervoll lang auszugestalten und ich möchte jedem Post-Rock-Enthusiasten ans Herz legen, sich einmal mit dieser Band zu befassen.

As Giants Fail

Ebenfalls nicht zu verachten war die Show der Kölner Post-Rock-Band Shipwrecks, deren Show ich auch lange ersehnt habe. Auch diese Band hat bisher nur eine veröffentlichte EP mit drei Stücken, dennoch spielten sie einige neue Songs und trieben mir mit ihrem größartigen letzten Stück „El Rumpelstilzo“ ein paar Tränen in die Augen. Ich würde mich sehr freuen, diese Band schon bald auf den großen Bühnen zu sehen, denn dazu haben sie in jedem Fall das nötige Potential.

Shipwrecks

Das Programm wurde durch Deaf Flow aus Berlin fortgeführt. Deaf Flow spielen catchigen Stoner Rock, der an manchen Stellen – gerade während der Songs ihrer aktuellen EP „The Tesla Complex“ – an die Truckfighters erinnert und viel Spaß bringt. Die Alte Meierei füllte sich langsam aber sicher mit Besuchern, die sich vor der Bühne tummelten und Köpfe sowie Füße zu den Rhythmen bewegten.

Deaf Flow

Nach Deaf Flow wurde es mit Shakhtyor aus Hamburg noch ein bisschen schwerer. Ihre Musik ist geprägt durch harte Riffs und langsame Rhythmen, wofür Post-Metal und Sludge als Genrebezeichnungen schon längst nicht mehr ausreichend sind. Wenigstens einen Zuschauer zog es an dieser Stelle zum Headbangen vor die Bühne, während der Rest sich nordisch kühl zurückhielt oder sich am Ofen wärmte. Nichts desto weniger lieferten Shakhtyor eine bombastische Show ab, die sich gern wiederholen darf.

Shakhtyor

Als letzten Act des Spiral of Noise Festival Abends traten Snöhamn auf, eine schwedische Band, die somit die einzigen außerdeutschen Musiker ausmachten. Die Band, die eigentlich aus mehreren Musikern besteht, kam nur zu zweit – ein Gitarrist und eine Schlagzeugerin – doch auf der Bühne legten diese zwei jungen Menschen so eine Show hin, dass es an nichts fehlen musste. Nach ein paar technischen Problemen zu Beginn, begannen sie ihren Auftritt, indem der Gitarrist zuerst ein paar Kerzen und Weihrauch in der Mitte der Bühne entzündete. Musikalisch befinden sich Snöhamn irgendwo zwischen instrumentalem Post-Rock, Ambient und Shoegaze, skandinavisch anmutend, finster und dennoch liebevoll. Die Bühne war schwach durch blaue Scheinwerfer beleuchtet und allenthalben unterbrach die Schlagzeugerin ihr energisches Spiel, um mit den Drumsticks über die Becken zu streichen oder mit einer Kette aus Metallplättchen zu spielen wie ein kleines Mädchen, das eine ihr bislang unbekannte Gesetzmäßigkeit entdeckt hat und sie nun erkundet. Diese Headlinershow war ein Auftritt erster Klasse, ein Vergnügen für Augen und Ohren und zuletzt lagen sich einige Zuschauer bloß noch in den Armen und träumten sich, verloren in der Musik, an einen anderen Ort.

Snöhamn

Der Dank für diese schöne sechste Auflage des Spiral of Noise geht an Veranstalter Henning. Der nächste Termin wird ist also vermutlich schon im nächsten Frühjahr und wird einen Besuch sicher wieder Wert sein.

Mehr Spiral of Noise Fotos könnt ihr hier auf unserer Facebookseite ansehen.

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