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Marius Lauber, besser bekannt als Roosevelt, hat den Absprung geschafft, vom rheinländischen Viersen in die Welt.


Seit Joe Gobbard von Hot Chip Roosevelt 2013 bei seinem Label Greco-Roman unter Vertrag nahm, scheint dem Mittzwanziger alles zu gelingen: jeder möchte ein Stück vom Chill-Wave-Kuchen abhaben. Der junge Multiinstrumentalist tourt derzeit mit seinem Debütalbum und kommt dabei ganz schön herum. Zuletzt war er in den USA, am 17.Oktober stattete er seiner Wahlheimat Köln einen Besuch ab. Jetzt geht es weiter für ihn – nach Paris, Brüssel, London.

Der Kölner Stadtgarten am Montagabend: der Eingangsraum des kleinen Konzertsaals füllt sich langsam mit Menschen. Pferdemädchen stehen neben Snapback-Träger und Konzerte-Senior. Wie klingt Musik, die es jedem recht macht? Kann das mehr sein als nichtssagender Pop-Brei? Gute Frage. Vor dem Hauptact versucht jedoch zunächst ein anderer sein Glück.

„Bayonne“ nennt sich der Texaner Roger Sellers, der da ganz allein die Bühne betritt und alles, seien es Drumsticks oder eigene Gliedmaße, im Takt der Musik herumwirbeln lässt. Auch wenn das Publikum für seinen Ausdruckstanz anfangs nur Verwirrung übrig hat, kann es der Experimentalmusiker nach und nach mit seinen hypnotisierenden Loop- und Synthie-Sounds für sich gewinnen. Immer faszinierter lauscht man seinem komplexen Mix aus Akustik-Percussion und Electronica und nickt sich warm. Das Publikum ist noch zögerlich, viele haben den ausverkauften Raum noch nicht betreten. Am Ende erntet Roger Sellers dennoch seinen wohlverdienten Applaus und kündigt gewissenhaft denjenigen an, der die Erwartungen der bunten Masse schürt.

Doch Roosevelt lässt auf sich warten. Die routinierte Ruhe vor dem Sturm – das trifft es mehr als genau, denn als Marius Lauber mitsamt Bassist und Schlagzeuger nach einer halben Stunde Wartezeit die Bühne betritt und das Intro seines selbstbetitelten Albums spielt, legt er die Schalter des Publikums um. Alles wippt, tanzt und jubelt ohne viel Zutun der drei Musiker, die adrett in weißen Hemden gekleidet ihrem Musikgeschäft nachgehen. Laubers Worte sind anfangs spärlich gesät. Ein kleines „Hallo“ hier, ein nettes „Danke“ da, mehr gibt er seinen Hörern nicht. Stattdessen folgt eine mitreißende Nummer nach der anderen. „Colours“ lässt die letzten müden Beine gestehen, dass Roosevelts Konzept mal wieder voll aufgeht. Dafür braucht es das fast schon obligatorische Konfetti, das bei dieser Sommer-Single in die Luft geschossen wird, eigentlich nicht. Mit seinen melancholischen Texten und einer melodischen Mischung aus Elektropop und Chill-Wave überzeugt er Indie-Mädchen und gestandene Caribou-Freunde gleichermaßen.

So begeistert, wie sich sein Publikum ihm zeigt, kann auch ein zurückhaltender Marius Lauber auftauen. „Vor viereinhalb Jahren bin ich das erste Mal hier aufgetreten – und jetzt stehe ich wieder hier, vor euch“, erzählt er und kündigt im gleichen Atemzug an, im März wieder in Köln auftreten zu dürfen, diesmal im Gloria. Da möchte man doch kurz auf die Bühne gehen und ihm ins Ohr flüstern, die Tourdaten kurz links liegen zu lassen und den Moment zu genießen.

Seit 2013 ist Laubers Leben ein einziger Jetlag. Ob Brasilien, Deutschland oder die USA – überall erntet der junge Künstler Bewunderung für seine tanzbare Mischung aus Shoegaze und Synthie-Pop. So sympathisch und schüchtern, wie Roosevelt an diesem Abend auf der Bühne des Kölner Stadtgartens steht, gönnt man ihm seinen Erfolg auch weiterhin. Doch wenn die bunten Scheinwerfer die Augen müde machen und ein erneuter Konfetti-Schauer keine überraschten Blicke mehr erntet, versiegen die großen Emotionen im Konzertsaal des Stadtgartens. Roosevelts Musik reißt durchaus mit, ja. Er spielt und die Menschen tanzen – das ist die ehrlichste Reaktion, die man sich wünschen kann. Der Auftritt des Multiinstrumentalisten zeugt von Ambitionen und Spielfreude – sein weißes Hemd von der Geschliffenheit und melodischen Reinheit seiner Songs. Und genau dieses Saubere, Glatte, verhindert, dass sich Roosevelt am Ende dieses Abends endgültig in das Gedächtnis des Publikums gräbt. Daran ändert auch seine Zugabe, das Womack&Womack-Cover „Teardrops“, nichts. Der Achtziger-Song, den er in seiner Version am 21.Oktober veröffentlicht hat, ist wie für Lauber gemacht: Groove, Funk, Melancholie – fertig ist der Roosevelt-Song mit Tanz-Garantie. Er ist ein gelungener Abschluss für einen schönen, makel-, aber letztlich auch kantenlosen, Abend.

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