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Am Wochenende fand zum 8. Mal das Maifeld Derby Festival auf dem Mannheimer Maimarktgelände statt.


An drei Tagen versammelten sich über 70 Acts auf vier Bühnen verschiedener Größen. Das Wetter war bestens: es blieb trocken und die Sonne schien fast permanent. Es folgt der Bericht über ein wiederholt gelungenes Festival.

Veranstalter Timo Kumpf ist „superhappy mit der diesjährigen Ausgabe“, auch wenn sich die Besucherzahlen im Vergleich zum Vorjahr nicht steigerten, immerhin aber auch nicht weniger wurden. Mit jeweils knapp 5000 Besuchern waren Samstag und Sonntag fast ausverkauft, am Freitag erschienen etwa 4500 Menschen auf dem Festival. Kumpf spricht von einer „Stagnation auf verdammt hohem Niveau“, da man derzeit mit einem massiven Überangebot an Festivals zu kämpfen habe. Womöglich ist auf diese Konkurrenten auch zurückzuführen, dass nach preisgekrönten Jahren das Booking zunächst etwas schleppender zu laufen schien. Der Adventskalender mit Lineup-Ankündigungen im Dezember 2017 musste bereits mit dem 20. Türchen beendet werden, da man offenbar noch nicht weit genug mit den Zusagen fortgeschritten war. Umso erstaunlicher, dass man final ein durchaus überzeugendes Lineup zu präsentieren hatte.

Die große Bandbreite, für die das Maifeld Derby mittlerweile bekannt sein dürfte, schien diesmal etwa mit ihren Außengrenzen NEUROSIS und THE WOMBATS nochmals erweitert. Dazwischen tummelte sich ein breiter Fächer aus Indie, Pop, Elektronik, DJs, Hip-Hop, Jazz, Noise-Rock, Punk und Metal. Und doch muss ich rückblickend leider feststellen, dass die Dichte an für mich interessante Acts nicht ganz so ausgeprägt war wie in den letzten Jahren. Größen wie THE KILLS, BLACK REBEL MOTORCYCLE CLUB, EELS, EDITORS oder THE WOMBATS waren zwar schön anzusehen, hätten mich vor zehn Jahren tatsächlich aber mehr begeistert als heute. Dennoch war ich letzten Endes sehr zufrieden, wie in den folgenden Ausführungen hoffentlich deutlich wird.

Steckenpferddressur | (c) Florian Trykowski

Freitag, Tag 1:
Zu den Highlights am Freitag gehörten definitiv DIE RAUCHENDEN SPIEGEL, die an dem Abend ihr erstes Konzert spielten. Leider war das Set recht kurz und ich hätte gerne mehr von ihrem repetitiven, von Synthie-Sequenzen geprägten instrumentalen Kraut-Rock gehört. Danach ging es zu AUSTROFRED, der auf dem Parcours d’Amour sehr kurzweilig seine wienerischen Queen-Interpretationen performte. KLANGSTOF holten anschließend ihr bereits für letztes Jahr geplantes Konzert endlich nach. Im vorigen Jahr mussten sie leider absagen, da sie lieber mit den Flaming Lips auf US-Tour gingen, was man ihnen natürlich nicht verübeln kann. Darauf folgten DEERHUNTER, die bei mittlerweile erträglichen Temperaturen draußen spielten. Der Auftritt ist mittlerweile in der Arte-Mediathek zu finden und es lohnt sich, den Mitschnitt anzusehen. Um 23 Uhr überschnitten sich leider die Slots von KREISKY und NILS FRAHM. Als großer Fan von Kreisky entschied ich mich, zunächst dort hinzugehen. Franz Adrian Wenzl, der ja bereits am Nachmittag als Austrofred auf der Bühne stand, war hier als Sänger seiner Band zu sehen. Sie brachten Songs ihres erst vor wenigen Monaten erschienenen neuen Albums „Blitz“ auf die Bühne, aber auch ältere Hits wie „Bitte bitte“ oder „Scheisse, Schauspieler“ wurden gespielt. Da fällt es natürlich schwer, sich loszureißen, und ich habe mir das Set bis zum Ende angeschaut, weshalb leider nur noch die letzte halbe Stunde des Konzerts von Nils Frahm für mich zu sehen war. Dieser befüllte die gesamte Bühne mit seiner Studio-Ausstattung. Neben diversen Mischpulten und Effektgeräten war dort gefühlt jedes im Laufe der Musikgeschichte entwickelte Tasteninstrument zu finden. Noch beeindruckender als das daraus resultierende Bühnenbild war die Atmosphäre, die ihm gelungen ist als Einzelperson zu erschaffen.

Nils Frahm | (c) Florian Trykowski

Samstag, Tag 2:
Der Samstag startete für mich mit den niederländischen BAWRENCE OF ARALIA, deren unaufgeregter, atmosphärischer Indie-Sound am frühen Nachmittag genau das Richtige war. Weiter ging es mit den kanadischen CHOCOLAT, deren französischsprachigen Psychedelic-Rock ich mir sicher nochmal in Ruhe anhören werde. Darauf folgte der wohl am meisten polarisierende Act des Festivals, die Mannheimer Gruppe EUTERNASE, deren Melting Butter Session zu dem Titel „Günstig“ wir erst vor kurzem präsentiert haben. Die Musik lässt sich als noisiger, sperriger Post-Punk mit deutschsprachigen Texten beschreiben und erinnert damit an aktuelle Bands wie Friends of Gas oder Candelilla. Mit kantigen Rhythmen und einem markanten Dauerbrummen aus dem Gitarrenverstärker im Rücken legt der Sänger eine exzentrische Performance an den Tag, die sich in der Studio-Session schon erahnen lässt, auf der Bühne dann nochmals auf ein anderes Level katapultiert wird. Konfrontativ, angry und selbstzerstörerisch stolpert er zunächst im Kleid über die Bühne, wenig später stülpt er sich dieses vom Leib und präsentiert sich lediglich in seiner zerrissenen Unterhose. Feststellend, dass sein Spektakel von diversen Kameralinsen beäugt wird, präsentiert er dann, als habe er nur darauf gewartet, mehrmals seinen Schwanz, um auch sicher zu gehen, dass dieser abgelichtet wird. Ein Teil des Publikums verlässt daraufhin das Zelt. Ob das die Absicht der Performance war? Galt diese „Provokation“ den „politisch Korrekten“? Oder handelte es sich dabei um die Vorstellung dessen, was Punk ist? So genau weiß man es nicht. Wenn das für ihn Punk ist, dann ist er leider ca. 40 Jahre zu spät dran. Aktualisierte und bessere Punk-Entwürfe sind derzeit etwa bei der Band Pisse zu finden, deren Textzeile „Du bist nicht Iggy Pop, wenn du kein T-Shirt trägst“ sich gerne eingeprägt werden darf. Sollte die erste Deutung eher zutreffen, dann gibt es aktuell genug bessere Opfer für Provokationen. Man kann ja durchaus seinen Standpunkt in den aktuellen Diskursen einnehmen, aber das wirkte dann doch ein bisschen platt und verstaubt. Schade eigentlich, denn Musik, Sound, Texte und Performance sind ansonsten gut genug und haben es eigentlich nicht nötig, auf diese Art auf sich aufmerksam zu machen. Am Ende des Sets gab es dann jedoch noch ein ganz gutes Happening. Zum letzten Stück kam ein Typ auf die Bühne, der mit seinem Fischerhut so gar nicht zur Band passte und man sich fragte, wo man den denn nun aufgegabelt hat und welche Rolle er wohl spielen soll. Im instrumentalen Noise-Teil des Songs wurde dann vom Sänger das Mikrofon durch eine Haarschneidemaschine eingetauscht und seinem Klienten ein Kahlschnitt verpasst, was ich als guten Abschluss des Konzerts in Erinnerung behalte. Danach brauchte ich erst einmal eine Pause und verpasste leider versehentlich SUDAN ARCHIVES und THIS IS THE KIT, die ich mir eigentlich ansehen wollte. Stattdessen gab ich mich aus der Ferne nostalgisch THE WOMBATS hin, wo aber – wie zu erwarten – nichts Besonderes passierte. Anschließend ging es zu EDITORS, bei denen ich mich über viele Hits freuen konnte, die man damals rauf und runter hörte.

Euternase Gif

Sonntag, Tag 3:
Am letzten Tag ging ich schon recht früh aufs Festivalgelände, da GOLDEN DAWN ARKESTRA bereits um 12:30 Uhr spielten. Die Band habe ich bereits live gesehen, deshalb wusste ich, was mich erwartet. Mit Weihrauch, Bläser-Fanfaren und Megaphon lief die etwa zehnköpfige Band quer über das Festivalgelände zur Open-Air-Bühne. In afrikanischen Masken und Gewändern erinnern sie dabei optisch an das afrofuturistische Sun Ra Arkestra. Hier wird allerdings kein Jazz gespielt, sondern Disco-Funk mit Bläsern, üppigen Percussions, Vibraphon, Synths und Tänzerin. Sowohl musikalisch, als auch optisch/performativ ist das Golden Dawn Arkestra eine großartige Gruppe, die man sich anschauen sollte, sobald sie auf der nächsten Welt-Tournee in der Nähe spielen. Später schaute ich mir GUS DAPPERTON, der mit seinen Chorus-lastigen 80‘s-Gitarrensounds und Synths an eine Mischung aus Mac DeMarco und Porches erinnert. Anschließend ging es zu ILGEN-NUR, die ich zuletzt schon als Support für Tocotronic gesehen habe. Es war erfreulich zu sehen, dass so viele sich doch mehr für die gute Musik als für das parallel ausgestrahlte WM-Spiel interessierten. Gleiches gilt für den Auftritt von ALEX CAMERON, der sichtlich erfreut auf dem „good old Maifeld Derby“ spielte. Sein „friend and business-partner“ Roy Molloy, der in seiner Band Saxophon spielt, in seinen überwiegenden Pausen jedoch einfach da sitzt und ins Publikum blickt, bewertete den Hocker, den er ungefragt von – so befürchtete er – BRMC ausgeliehen hat, mit 4 von 5 Punkten. Anschließend ging es zu THE KILLS, wo der mittlerweile in Ilgen-Nurs Band Gitarre spielende Paul Pötsch mir freundlicherweise den Seiteneingang zur Bühne zeigte und ich die Bühnenpräsenz von Alison Mosshart und Jamie Hince aus nächster Nähe verfolgen konnte. BLACK REBEL MOTORCYCLE CLUB spielten in der Abendsonne das letzte Konzert auf der Open-Air-Bühne und anschließend folgte mit EELS das große Finale des Festivals, was mich aber leider nicht so recht beeindrucken konnte. Daher gab ich lieber dem „Shoegaze-Rap“ von DÄLEK eine Chance und habe damit tatsächlich nochmal was Neues gesehen.

Eels | (c) Florian Trykowski

Fazit:
Auch wenn das Lineup dieses Jahr nicht ganz so perfekt auf mich zugeschnitten war wie in den letzten Jahren, habe ich viele tolle Konzerte erlebt und neue KünstlerInnen und Bands kennengelernt. Darüber hinaus haben es die Veranstalter geschafft, noch weiter an der Orga zu feilen, weshalb man gefühlt weniger für alles anstehen musste. Nach wie vor finde ich es sehr sympathisch, dass man auf regionale Getränke-Anbieter setzt und sich damit vom Einheitsbrei der großen Konzerne abhebt. Gerade Vegetarier und Veganer haben mittlerweile die „Qual der Wahl“ aus einem breiten Angebot aus frischen Leckereien. Neu war dieses Jahr außerdem der Biergarten, den ich als etwas ruhigeren Rückzugsort wertschätzen konnte, wenn man mal eine Pause brauchte. Das 8. Maifeld Derby war rundum gelungen und ich freue mich bereits jetzt auf nächstes Jahr!

Titelbild: (c) Florian Trykowski

🔴 Maifeld Derby Live-Blog 2018: Autor Paul berichtet live aus Mannheim

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