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Am 05.10.2019 ereignete sich die 4. Ausgabe des sensationellen Soulcrusher Festivals im holländischen Nijmegen.

Das seit 2016 jährlich stattfindende, eintägige Event zählt zweifellos zu den Konzerthighlights des Jahres und präsentierte auch dieses Mal wieder abwechselnd 14 Bands auf den 2 Bühnen des Doornroosje Clubs, einem Laden, der wie geschaffen ist für solch eine Veranstaltung. Musikalisch bewegt sich das Tagesprogramm dabei stets in der Schnittmenge aus Doom, Sludge, Black Metal, Death Metal & artverwandten Klängen. Zusätzlich verfeinern der Vinyl-Stand von Burning World Records, eine Theke mit Bierspecials und eine sehr leckere, vegane Snack-Küche das sowieso schon einladende Ambiente des Soulcrusher Festivals.

Sich in knapp 12 Stunden 14 Bands und KünstlerInnen reinzuziehen ist natürlich auch eine Herausforderung.

Möchte man alle Bands zu gleichen Teilen und nicht in den hintersten Reihen mitbekommen, muss man frühzeitig während der Sets den Saal wechseln, denn die beiden Bühnen des Doornroosje haben unterschiedliche Kapazitäten, so dass man Prioritäten setzen muss. Im Vergleich zum letzten fiel das Programm dieses Mal nicht ganz so hochkarätig aus (was aber wirklich jammern auf hohem Niveau ist), aber mit Tom G. Warriors Triptykon konnte wieder ein großer Headliner verpflichtet werden.

Triptykon | (c) Jens Broxtermann

Nach verspäteter Anreise und Parkplatzsuche machten dann Pelican für mich den Anfang. Neben Russian Circles, Isis, Red Sparowes oder This Will Destroy You gehört die in Chicago gegründeten Instrumental- Postrock/Metal Band sicherlich zur Speerspitze ihres Genres. Und auch, wenn mich auf Platte so manchmal die Konzentration auf ihren Sound verlässt, packte mich ihre Darbietung auf der großen Bühne im Doornroosje. Eine eindrucksvolle Performance, die ich auf jeden Fall zum Anlass nehmen werde, mir Teile ihrer Discographie nochmal vorzunehmen. Mit Nighttime Stories erschien ja auch jüngst ein aktuelles Album auf Southern Lord. Zur Einstimmung auf das, was am heutigen Tag noch folgen sollte, auf jeden Fall genau richtig.

Pelican | (c) Jens Broxtermann

Direkt in Anschluss ging es im kleineren Saal, der auch schon proppenvoll war, mit den Würzburgern von Cranial weiter, die mit Alternate Endings ebenfalls einen aktuellen Longplayer am Start haben, der überall gute Kritiken bekommt. Die Macher des Soulcrusher scheinen auf jeden Fall eine Vorliebe für Omega Massif zu teilen, hatte man doch schon im letzten Jahr mit Phantom Winter einen ihrer Ableger am Start. Der Vierer erschütterte mit seinen langen Kompositionen jedenfalls mächtig die Wände des kleineren Saals. Die vielen atmosphärischen Parts halten dabei die Spannung stets aufrecht und türmen immer wieder düstere und brachiale Riffwände auf.

Mit Mizmor, dem eigentlich Ein-Mann Doom/Black Metal Hybriden von Liam Neighbors (aka A.L.M.) aus Portland, Oregon trat dann ein erstes Highlight auf den Plan, denn Liveauftritte von Mizmor sind rar gesät und beim Soulcrusher handelte es sich um die einzige und damit exklusive Europashow. Mizmor waren zuvor mit Hell, die später am Abend auch noch auftraten und bei denen Neighbors ebenfalls als Live-Drummer fungiert, auf US- Tour. Und wer bislang noch nicht von der monumentalen Kraft der Mizmor-Songs in seinen Bann gezogen wurde, hatte am heutigen Abend Gelegenheit dazu. Mit neuem Album Cairn im Gepäck, der Nachfolger zum hochgelobten Yodh (2016), lieferten Mizmor eine äußerst bemerkenswerte Kostprobe ihres Sounds einer weitausholenden, schrecklich schönen Mischung aus Doom und Black Metal, welche die Grenzen der Genres ausweitet. Insbesondere ist bei Mizmor auch der Einsatz der Vocals hervorzuheben, die eine Vielzahl an oftmals furchteinflößenden Klangfarben erzeugt. Unheimlich gut.

Mizmor | (c) Jens Broxtermann

Auf ihrer letzten Tour mit Amenra habe ich Lingua Ignota leider verpasst, so dass die heutige Show von Kristin Hayter für mich ein absolutes Muss war. Kristin Hayter ist an Gesang und Tasten klassisch ausgebildet und verarbeitet unter ihrem Pseudonym Gewalterfahrungen, persönliche Traumata und Überlebenskämpfe. Ihre Keyboard-Electronics sind vor der eigentlichen Bühne aufgebaut und als Hintergrund fungiert eine milchige Folie als eine Art Spiegel dunkelster psychischer Abgründe, in die uns Lingua Ignota mitnimmt und die von ihren neoklassischen Noise- und Industrial Soundscapes untermalt sind. Man sieht eine Künstlerin, die sich in ein anderes, schizoides Selbst transformiert.

Die Verkörperung dieses Charakters wirkt dämonisch, wie eine Art von Exorzismus. Wenn sich Kristin Hayter dann umwunden von den Kabeln ihres Mikros und eines Lichts ins Publikum begibt, sich in quälenden Schreien gebärdet, bekommt die Lingua Ignota-Performance schon eine sehr beklemmende, klaustrophobische Note. Eine wirklich sehr eindringliche Show von einer absoluten Ausnahmekünstlerin.

Lingua Ignota | (c) Jens Broxtermann

Daughters aus Providence, Rhode Island, kamen als nächstes auf die Bühne und legten den wohl spektakulärsten Auftritt des Abends hin. Die Noise- Rock-Formation befindet sich ja seit der Veröffentlichung ihres 2018er Albums You won’t get what you want quasi konstant auf Tour und wird allerorts ob ihres Comebacks frenetisch gefeiert. Und das völlig zurecht, denn das aktuelle Machwerk ist ein Album der Superlative, mit einer erstaunlichen Bandbreite an Stimmungen und stilistischer Vielfalt. Intensiv, nervenaufreibend, düster, brachial, ohrenzerfetzend, aggressiv, zerstörerisch. Der Kamikaze-Grindcore der ersten zwei Alben wurde ja schon 2010 auf ihrem selbstbetitelten Album dekonstruiert. Auf dem neuen Opus wurde das Ganze dann mit Einflüssen aus The Birthday Party, Swans, The Jesus Lizard oder auch Einstürzende Neubauten ergänzt.

Live eilt Daughters ja ein äußerst spektakulärer Ruf voraus, der sich auch am heutigen Abend bewahrheitet.

Daughters | (c) Jens Broxtermann

Insbesondere natürlich wegen der Unberechenbarkeit von Sänger Alexis F. Marshall, der mit seiner verausgabenden Performance schnell die Aufmerksamkeit auf sich zieht und der auch gerne ein Bad im Publikum nimmt und Kopf an Kopf den Fans seine Texte um die Ohren haut. So sind Daughters dann auch die einzige Band des Abends, bei denen sich zwei Ordner im Fotograben positionierten, um der Unberechenbarkeit von Marshall etwas vorbeugen zu können und möglicherweise Schlimmstes zu verhindern. Bei Less Sex war es dann schließlich soweit, dass Marshall in die Menge eintauchte und dort mitsamt den Fans den Song aufführte, stets begleitet von einer absolut energiegeladenen und präzise aufspielenden Band, die auf dieser Tour mit einem zusätzlichen Percussionisten (Marc St. Sauveur, Mythless) ergänzt und anstelle des eigentlichen Bassisten Sam Walker von Monika Khot (Nordra, Zen Mother) vertreten wurde. Das grandiose Daughters-Set ging dann mit einer fantastischen Version von Ocean Song zuende. Irre gut. Eine der besten Live-Shows, die ich jemals gesehen habe.

Daughters | (c) Jens Broxtermann

Im kleineren Saal haben währenddessen schon die Italiener von The Secret mit ihrem Black Metal/Crust-Gebolze losgelegt. Es war ja lange Zeit recht still um die Italiener geworden. Das letzte Album Agnus Dei erschien zuletzt 2012 und erst 2018 gab es mit Lux Tenebris wieder 3 neue Songs. Dementsprechend spielfreudig zeigte sich der Fünfer sichtlich dankbar, heute auf dem Soulcrusher aufspielen zu dürfen. Das Zeug von The Secret gehört meiner Ansicht nach auch zu den heftigsten Sachen, die das Genre so her gibt. Allerdings konnte ich mich nach dem unglaublichen Auftritt von Daughters nicht mehr so wirklich auf die Italiener einlassen.

Als nun folgender Headliner des 4. Soulcrushers konnte für dieses Jahr niemand geringeres als Triptykon gewonnen werden, quasi die Nachfolgeband der nach dem Comebackalbum Monotheist wieder auseinander gebrochenen Celtic Frost, ohne die es heute wahrscheinlich die vom Soulcrusher repräsentierten Genres gar nicht geben würde.

Insofern dürfte Tom G. Warrior quasi so etwas sein, wie der Godfather of Soulcrusher, denn Celtic Frost-Alben wie Morbid Tales, To Mega Therion oder auch Into the Pandemonium sind aus der Geschichte der extremeren und experimentelleren Metal-Spielarten nicht mehr wegzudenken. Tom G. Warrior war seiner Zeit immer weit voraus und seine Geschichte und die von Celtic Frost immer eine von Erfolgen, Enttäuschungen und Rückschlägen. Der dabei stets authentisch und auf dem Teppich gebliebene Warrior kommt deshalb auch nicht umher, dem Soulcrusher und seinem Publikum seine tiefste Dankbarkeit auszusprechen, dass er mit seiner Band heute zu Gast sein darf, da er schließlich auch Zeiten durchgemacht hat, in denen sich niemand für seine Musik interessierte.

Triptykon eröffnen ihr Set mit dem Celtic Frost-Klassiker Procreation of the Wicked, spielen im Verlauf des Sets natürlich auch Circle of the Tyrants und sogar Visions of Mortality, aber natürlich auch etliche Triptykon-Kracher wie z.B. Tree of Suffocating Souls oder das überlange The Prolonging, welches das glorreiche Set beendet. Ein wahrlich würdiger Headliner für diese Soulcrusher-Ausgabe.

Triptykon | (c) Jens Broxtermann

Die niederländische Black Metal Formation Turia musste ich dann leider aufgrund der längst fälligen Essenspause an mir vorüber gehen lassen, um mir dann wieder etwas gestärkt den Auftritt der aus Salem, Oregon, stammenden Funeral Doom Band Hell anzuschauen, die mich mit ihrem kataklysmischen Doom nochmals ehrfürchtig erzittern ließen. In vornehmlich roten Scheinwerferlicht gehüllt, gaben die Amerikaner mit Mizmors ALN am Schlagzeug eine mehr als beeindruckende, tonnenschwere Darbietung ihres Doom-Entwurfs, und gaben mir für das diesjährige Soulcrusher Festival den absoluten Rest, so dass ich mir aufgrund der noch anstehenden, gut zweistündigen Heimfahrt mit dem Auto die zuletzt aufgetretenen Dopelord ebenfalls geschenkt habe.

Hell | (c) Jens Broxtermann

Danke Soulcrusher, danke Doornroosje, dass ihr auch in diesem Jahr wieder ein hervorragendes Booking-Händchen bewiesen habt und so ein grandioses Festival mit so besonderer Atmosphäre und stets gutem Sound auf die Beine stellt. Das nächste Soulcrusher 2020 ist auf jeden Fall wieder vorgemerkt! You rule!!!

Titelbild: Triptykon | (c) Jens Broxtermann

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