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Über Spandau leuchtet am ersten August-Sonntagabend 2015 ein roter Himmel. Überall schiesst Feuer in die Luft. Blaue, lila und rote Nebelschwaden bedecken das Firmament und tauchen das Geschehen während der Abenddämmerung in ein seltsam künstliches Licht.

Ist letztendlich doch der Russe einmarschiert?

Aber nein: die Spandauer haben – bis jetzt jedenfalls – vergeblich Konservendosen mit Mais sowie Eingemachtes vom Laubenpieper im Keller gestapelt. Die Erklärung des Spektakels ist eine schöne: BJÖRK spielt ein Konzert in der Zitadelle – ein Ort, an dem in unmittelbarer Umgebung bekanntermassen viele Fledermäuse wohnen.

Im Vorfeld stellt sich die Frage, wie die Künstlerin das sehr persönliche Trennungs-Album „Vulnicura“ live umsetzen und in welchem Rahmen sie ihr Gesamtwerk integrieren wird. Die Spannung bleibt lange erhalten, denn zuerst legen zwei DJs je eine Stunde auf. Einer der beiden ist Arca, der BJÖRK’s aktuelle Scheibe mitproduziert hat.

In der ausverkauften Zitadelle tummelt sich ein gemischtes Publikum: Rock’n’Roller, Alternativis, Hipster, ältere Leute, die bürgerlich erscheinen, viel Homovolk, ein auffällig hoher Frauenanteil und dann diese Leute, welche in Berlin häufig anzutreffen sind: mit Nerd-Brille und einer mindestens fünf Jahre alten Berlinale-Tasche ausgestattet. Keine Ahnung, wie diese Gruppierung genannt wird. Soll möglicherweise gezeigt werden, dass man seine Freizeit mit „wertvoller“ Kultur verbringt und nicht zu Hause von den handelsüblichen Kabelkanälen Körper und Geist verdorren lässt? Interessant ist auch die Frage, was in diesen stets ziemlich grossen Accecoires drin ist. Befinden sich in den Taschen lediglich Mate-Getränke, Studentenfutter (ohne Rosinen) und Gratis-Postkarten, die man aus einem Drahtgitter des eben besuchten Cafés mitgenommen hat?

Über so was lässt sich schon mal nachdenken, während die Freundinnen gerade die sanitären Anlagen aufsuchen und der Auftritt von Arca sich zieht und zieht. Mehrmals sagt er an, dass BJÖRK jetzt gleich kommt, und um zwanzig vor neun ist es so weit: die Musik fährt runter, es betreten ungefähr zwölf Damen und zwei Herren die Bühne, die sich – allesamt mit Streichinstrumenten und weisser Kleidung ausgestattet – viertelmondförmig positionieren und auf Stühlen sitzen. Nun kann schon mal eine imaginäre Setlist durchgegangen werden: welche BJÖRK-Songs beinhalten Streicher?
Ein Drummer/Percussionist ist ebenfalls an Bord, und Mitproduzent The Haxan Cloak nimmt Platz hinter einem Computer, mit dem er einen düsteren und quadratisch wirkenden kühlen und kühnen Sound als Akzent zu den Streichern setzen wird.

Als BJÖRK die Bühne betritt, bricht Jubel aus. Als erste Tracks werden die beiden Eröffnungslieder von „Vulnicura“ gespielt: „Stonemilker“ und „Lionsong“.
Als erstes Highlight folgt das zehnminütige Album-Herzstück „Black Lake“. Auf der grossen Leinwand ist eine neue musikalische Ausdrucksform beziehungweise Noten-Sprache zu sehen, welche aus bunten Kreisen, manchmal geraden und manchmal leicht auf- und absteigenden Linien sowie aus pulsierenden Flächen besteht. Bei bis zu zwanzig Sekunden langen Geigentönen, welche Leerheit und Traurigkeit symbolisieren können, illustriert von den jetzt leeren Linien auf der Leinwand, kann die Open-Air-Freude durchaus mal kurz pausieren. Wir erinnern uns: diese Platte wurde aus einer Katharsis heraus geboren.

Doch jetzt ist erst Mal Schluss mit unlustig, denn nach „Family“ kommt „Nodget“, und die bunte Hölle bricht los: Funken sprühen vom Bühnenboden in die Luft, aus den Zinnen der Zitdatelle jagen Feuerwerkskörper in den halb verdunkelten Himmel. Es zischt und knallt, über der Location ist ein dichter bunter Nebel zu sehen. Das sieht ziemlich apokalyptisch aus. Soll hier ein emotionaler Befreiungsschlag symbolisiert werden? Könnte hinkommen, denn als nächstes wird „Hunter“ gespielt: ein Klassiker, hier unterlegt mit wundervollen Bildern einer BJÖRK, die auf Klippen neben Reykjavik umhertanzt und sich dabei dupliziert. Auch auf der Bühne lässt die Sängerin sich gehen: sie wippt hin und her, rudert mit den Armen und läuft (zwischen den Markierungen des Feuerwerks?) auf und ab. Das Ganze wirkt wie ein Mittelding aus Waldorf-Schule und Punkrock-Sause und zum Glück überhaupt nicht so wie bei einigen Musiker-Kolleginnen, die auf der Bühne gerne den Choreographie-Apparatschik geben, was meistens nicht beeindruckt, sondern eher zum Gähnen einlädt.

Der Hit-Reigen geht weiter: zu „Unravel“ und „Bachelorette“ ist ein knallbunter Insekten-Mikrokosmos auf der riesigen Leinwand zu zu bestaunen: schleimige Nackt-Schnecken umgarnen sich liebend, Spinnen sind zu sehen und Motten, die glibberige grünen Maden verteilen. Es ist gar nicht so einfadh, sich bei diesen Bildern auf die Performance der tollen Musikerin zu konzentrieren. Spätestens bei „Possibly Maybe“ wird wieder aufgehorcht: der deutlich veränderte und eigentlich ziemlich ruhige Track wartet mit interessanten industriellen Geräuschen wie „Kkkrzzzt Zzrtgmmrr Bfffkaarztztzz“ auf, während die Bühne für einige wenige Momente seltsam grau und damit ganz modern flackert. Wohnungs- wie auch kleidungstechnisch scheint grau gerade das neue bunt zu werden. Das ist zum Beispiel bei Sneakern schon seit einer Weile so.

Damit sind wir bei der meist exzentrischen Kleidung der kleinen grossen Frau aus Reykjavik angelangt: heute trägt sie knallrote Buffalos und einem relativ engen Ganzkörperanzug in rot, der vorne mit einer Glitzerschürze umbunden ist, dazu eine leicht durchsichtige Maske plus einem clownartigen Fächer um den Hals. Die Kleidung ist aufregend und bietet Bewegungsfreiheit: BJÖRK kann auf der Bühne umher tanzen. Das funktioniert besonders gut bei dem temperamentvollen „Army of me“: auf der Leinwand im Hintergrund tobt ein wilder Insektenkrieg – unter Anderem sind etliche tote Ameisen zu beklagen.

Im letzten Drittel des Sets werden vereinzelt und in chronologischer Album-Reihenfolge „Vulnicura“-Tracks eingestreut, als da sind: „Quicksand“, „Mouth Mantra“ und „Mutual Core“, während bei „Wanderlust“ eine ganz wunderbare märchenhafte Animation über die Leinwand schwebt, die eine morphende BJÖRK als heidnische Baumgöttin zeigt, mit anderen Fantasie-Gestalten in freier Natur umhertreibend.

BJÖRK verlässt die Bühne nach gut anderthalb Stunden und kommt zurück, um eine spannende Version von „Hyper-ballad“ zu spielen. Das ist eine schöne Sache, denn so wird das Konzert beendet mit den Worten: „„I go through all this, before you wake up, so I can feel happier, to be safe up here with you.” Damit wird im Grunde genommen das Konzert zusammengefasst: BJÖRK hat einen Schicksalsschlag erlitten, den viele von uns kennen: das Ende einer langjährigen Liebesbeziehung. Wie sie damit umgeht ist super: anstatt eine Biographie zu schreiben, in der über den ebenfalls-Künstler-Ex hergezogen wird (soll bei alternativen Musikerinnen schon mal vorkommen, sagt das aktuelle Popjahr) hat BJÖRK durch die Auseinandersetzung mit dem Thema eins ihrer besten Alben rausgebracht.

Interessante Frage: tut’s noch weh?
Was empfindet BJÖRK, wenn sie die neuen Lieder auf der Bühne performt?
Dienen „Possibly maybe“ und „Hyper-ballad“ als Exorzismus?
Sind „Army of me“ und „Hunter“ zum Role-Model für eine Wiederbelebung und den Blick nach vorne geworden?
Mit diesen Gedanken im Kopf werden wir und tausende von Leuten aus der Zitadelle über die Zugbrücke in eine laue und zum Glück nicht mehr ganz so warme Sonntagnacht hinausgetragen.

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