Es sind doch ganz oft diese kleinen Underground Konzerte, die einen speziellen Charme haben und zwischen den auftretenden Bands und ihrem Publikum eine besondere Nähe erzeugen.

Wenn dann auch noch die Bands in dieser schon fast familiären Atmosphäre zu Höchstformen auflaufen, kann eigentlich nur noch ein unvergesslicher Abend daraus werden. So geschehen am Sonntag, 23.09.18, in der Baracke in Münster, einem kleinen Kult-Schuppen mit langer Tradition im Hardcore/Punk/Alternative – Bereich, gelegen auf dem Unigelände.

Zu Gast waren zwei der beeindruckendsten Bands, die der deutsche Musikuntergrund wohl derzeit zu bieten hat: Wayste und Lingua Nada.

Beide in Leipzig beheimatet, und schon länger in musikalischer und auch sonstiger Freundschaft verbunden, wie der Sänger von Wayste in der Publikumsbegrüßung berichtet: „Man passe einfach gut zusammen“. So kommt es denn auch nicht von ungefähr, dass Adam Lenox Jr., Mastermind von Lingua Nada, bei der Produktion von Waystes bisherigen Outputs, der 2016er EP „No Innocence“ und der jüngst erschienenen, furiosen LP „The Flesh and Blood“, produktionstechnisch seine Finger mit im Spiel hatte, und der Schlagzeuger von Wayste in einer früheren Formation von Lingua Nada schon mal die Trommeln bediente.

Doch zurück zum eigentlichen Geschehen des Abends. Wie man schon fast vermuten konnte, verirrten sich an einem Sonntag nicht so super viele Leute in die Baracke. Ich würde mal schätzen, dass inklusive Bands und Organisatoren in etwa +/- 50 Zuschauer anwesend waren.

Eröffnet wurde der Abend dann zunächst von Wayste, die überwiegend Songs ihres jüngst veröffentlichten Debuts „The Flesh and Blood“ zum Besten gaben und eine wirklich beeindruckende Show ablieferten.

Wayste
(c) Jens Broxtermann

Das Album lief im Vorfeld bei mir bereits in der ‚heavy rotation‘ und steht in der Liste meiner Alben des Jahres wirklich ganz weit oben. Ich hole jetzt einfach mal ganz weit aus und behaupte, daß Wayste der heißeste und ambitionierteste Shit in Sachen Hardcore sind, der mir seit langem auf die Ohren gekommen ist. „The Flesh and Blood“ ist ein echter Repeater, ein „All Killer, No Filler“ – Album, irgendwo in der Schnittmenge Converge, Every Time I Die, Birds in Row, Code Orange und Baptists. Perfekt aufeinander abgestimmte Songs, zwischen 2 und 6 min. Spielzeit, krasse Halsbrecher, virtuos und präzise, alles sitzt an der richtigen Stelle. Riffs, Breaks, Hooks & Refrains so scharf wie ein Rasiermesser.

Wayste: Brachialer Hardcore aus Leipzig – Debut LP im September

Hört euch Tracks wie Killing Pace, Holy Smoke, Pious Brother oder das convergeske, fast 5min. Mourn an und ihr wißt was ich meine. Diese Jungs können alles und tränken ihre aggressive Hardcore-Mixtur mit unterschiedlichsten Soundfarben, die ihnen eine hohe Eigenständigkeit verleihen. Man merkt den Jungs an, daß sie ihren aktuellen Longplayer live eingespielt haben, denn ihr Set in Münster war derbe aufeinander eingespielt. Die Wayste-Maschine war derbe eingeölt und die drei lieferten eine wahnsinnige, energiegeladene Bühnenshow ab. Ein Schlagzeuger, der im wahrsten Sinne des Wortes „die Scheisse aus seinem Kit“ prügelte, aber das mit einer Wucht und einer Präzision, dass es nur so eine Freude war, mitanzusehen, wie Bass und Gitarre sich auf diesem Teppich in ihren Songs austoben konnten. Mörderisch gut, liebe Leute von Wayste. Bitte kommt bald wieder!


https://www.youtube.com/watch?v=HiD4B8Kz0ho&feature=youtu.be

Aber der Abend war ja noch nicht vorüber, und mit den grandiosen Lingua Nada sollte sich sogleich das nächste Spektakel anschließen.

Ich habe wirklich schon viel abgedrehtes Zeug gehört und gesehen, das ziemlich außergewöhnlich war, und Lingua Nada dürfen sich da nun nahtlos einreihen. Es gibt Bands, und es gibt Bands, und es gibt Lingua Nada. Mit „Snuff“ haben Mastermind Adam Lenox Jr. & Co. im März dieses Jahres ein atemberaubendes, komplexes und genre-sprengendes Album vorgelegt, welches so ziemlich mit die vorwärtsdenkendste Musik enthält, die man sich vorstellen kann. Bei Lingua Nada treffen Math-Rock Strukturen auf catchige Indiepop Refrains, Sonic Youth-scher Noise auf Bleeps & Clonx à la Aphex Twin, Guitar-Effect Weirdness auf 60s Surf und Sgt. Pepper Psychedelia auf abstrakte Kunst. Irgendwie so, oder auch anders. Jedenfalls macht das Ganze höllischen Spaß und man kann sich eigentlich vor soviel kreativer Energie nur verneigen und dankbar sein, dass es solche Bands wie Lingua Nada gibt, die Musik mit irre langer Halbwertszeit machen.

Lingua Nada
(c) Jens Broxtermann

Vor dem Konzert hatte ich Gelegenheit, kurz mit Adam Lenox und Bassist Arvid zu plaudern, denn aktuell wurde seitens der Band bekannt gegeben, dass Gitarrist Michel und Drummer Valek nach dieser Tour aus der Formation ausscheiden werden und die Songs von „Snuff“ also quasi ein letztes Mal live zu hören sein werden.

Nach den Shows mit Wayste und den anschließenden Dates mit den Kielern von LIRR ist dann auch erstmal Schluß.

Die restlichen Tourdaten mussten leider gestrichen werden, wie mittlerweile auch offiziell auf der Facebook-Seite zu lesen ist. Adam und Arvid berichteten jedoch, daß bereits neue Bandmitglieder gefunden wurden und die Arbeiten zum Nachfolger von „Snuff“ bereits „in the super-go“ wären. Auf die Frage, wie man sich das so vorstellen muß, wenn man Teil von Lingua Nada ist, erzählt Adam, dass sich die Band in der Regel für Probeintervalle von 2-3 Tagen zusammenfindet, an denen intensiv gearbeitet wird und danach jeder seine Aufgaben, die es auszuarbeiten gilt, mit nach Hause nimmt, bevor man sich dann wieder treffe. Für das Visuelle, die ganzen Artwork-Geschichten und Animationen sei er alleine verantwortlich, genauso wie für die generelle musikalische Ausrichtung. Dass bei soviel kreativem Output und ausgiebigen Touren kein Zeit für einen normalen Day-Job bleibt, verwundert dann auch weniger, aber 10 Stunden am Tag Gitarre spielen würde er auch nicht, wie in einem früheren Interview mal zu lesen war. Diese Aussage wäre irgendwie aus dem Kontext gerissen worden und bezog sich wohl auf die Zeit, als er mit 16 Jahren mit seiner Mutter aus Paris nach Deutschland gekommen ist, und er mitunter nichts besseres zu tun wusste, als viele Stunden am Tag Gitarre zu spielen. Auf sein heutiges Alter angesprochen, antwortete er mit 22, doch ich bin mir nicht sicher, ob er mich da nicht nicht irgendwie verarschen wollte, hahaha. Lässt sich vielleicht bei einem zukünftigen Interview nochmal genauer klären.

Das war es dann auch schon mit der kurzen Unterhaltung und ich war somit gespannt darauf, wie sich das „Live- Schreddern“ von Lingua Nada anhören wird, und wie sie ihre irren Stücke voller Drehungen und Wendungen auf der Bühne reproduzieren werden.

Was ich dann zu sehen und zu hören bekam, war dann natürlich auch, wie zu erwarten, ziemlich sensationell und ließ einem durchaus die Kinnlade runterklappen. Die 4 Musiker spielten sich mit einer selbstverständlichen Leichtigkeit durch ihr Repertoire, als spielten sie ein paar lockere Beach Boys Songs (wobei ich dazu sagen muss, dass es ja heißt, dass Beach Boys Songs, insbesondere deren Gesangsharmonien, eine wahrlich komplexe und unerreichte Angelegenheit sind, so dass der Vergleich dann wiederum stimmig ist).

Lingua Nada
(c) Jens Broxtermann

Adam, Arvid und Micha haben jeweils ein Effektboard mit plus/minus 20 Effektgeräten vor sich und präsentieren ein spielerisches Können, das wirklich die Frage aufwirft, wieviel verdammt gutes Talent diese Jungs haben müssen, um sich all diese Songs und ihre wechselnden, harmonischen Gesangsparts zu merken. Grandios. Überwältigend. Einzigartig. Außergewöhnlich. Diese Band spielt wirklich in ihrem eigenen Universum außerhalb jeglicher Konkurrenz.

Wären wir in Japan, wären Lingua Nada mit Sicherheit mega angesagt, denn die Asiaten haben ja bekanntlich ein viel größeres Faible für so durchgedrehten Stoff. Dort spielten selbst die Boredoms seinerzeit zur Prime-Time im TV. Vielleicht schaffen es Adam Lenox Jr. & Co. ja nochmal bis dorthin. Zu wünschen wäre es Ihnen jedenfalls.

Bleibt also erstmal abzuwarten, mit welcher Kreativität uns Lingua Nada mit der kommenden Besetzung und dem nächsten Longplayer überraschen werden. Bis dahin nehme ich erstmal ein überragendes Konzerterlebnis mit 2 echten Ausnahmebands mit nach Hause.

Einen schönen Gruß von dieser Seite auch an das Team von der Barracke, die diesen Konzertabend möglich gemacht hat. Super Pferde-Backdrop an der hinteren Bühnenwand, geiler Sound, und faire Eintritts- und Getränkepreise. Weiter so. Und holt genau dieses Package nochmal wieder!

Und ebenfalls einen schönen Gruß an die alte Assel, die mein noch halbvolles Bier durch seine leere Flasche ausgetauscht hat, während ich ein paar Fotos geschossen habe. Möge dich irgendwann die Skorbut heimsuchen.

Titelbild: Wayste | (c) Jens Broxtermann

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