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Unsere allerliebsten Kuttenträger Sunn O))) gehen im Oktober in die zweite Runde.

Schon mit dem Erscheinen von Life Metal zum Record Store Day dieses Jahr, war Pyroclasts und auch eine damit einhergehende Tour angekündigt worden. Beide Alben wurden in derselben Recording-Session mit Steve Albini aufgenommen.

Hier nun der Erlebnisbericht zu Teil eins des lang geplanten Doppelschlags… (03.03.2019 – Hamburg, Kampnagel K6)

Seismographentester residieren im Kampnagel

Die Momentaufnahme einer Sunn O)))-Performance wirkt wie der krankhafte Fiebertraum einer zutiefst puritanischen Vorstellung eines erzkonservativen Christen von einem Rockkonzert.

Infernalisch laute, tiefgestimmte, lange Töne welche das Veranstaltungsgebäude erzittern lassen, umwabern die hypnotisierte und sich in Trance wiegende Hörerschaft genauso wie eine Wolke Trockeneisnebel biblischen Ausmaßes. Aber der Reihe nach.

Um unbedarften Ahnungslosen einen Eindruck zu vermitteln, führe ich gerne die Metapher von fünf Boeing-Flugzeugturbinen an, die gleichzeitig auf der Bühne in Betrieb genommen werden. Das Kampnagel selbst von einer funktionalen Schlichtheit, macht einen soliden Eindruck welches die zu erwartenden Schallgrenzbrechungen durchaus verkraften kann. Ein geräumiger Eingangsbereich mit Garderobe und einer langen Theke. Hier tummelt sich schon allerlei Völkchen.

Der typische Sunn O)))-Hörer scheint nicht wirklich kategorisiert werden zu können. Naheliegend düster gewandtete Anhänger der metallischen Szene(n) sind genauso vertreten wie augenscheinliche Theaterdauerkartenbesitzer, Weinkenner und BWL-Studenten. Die Location selbst wirkt hervorragend für diese Art von Kunst. Sehr hohe Decken und eine mehr als geräumige Bühne, auf der Sage und Schreibe 16 Kabinettboxen samt zugehöriger Sunn O)))-Amps obendrauf den gesamten Platz dort halbkreisförmig einnehmen und eine respekteinflössende Backline bilden, bei deren Anblick selbst gestandene Verstärkernutzer ehrfürchtig auf die Knie sinken würden.

Das mag vielleicht erklären, warum der Einstiegs-Solo-Act Puce Macy nach erfolgreich bestandener Drone/Ambient-Performance zum seichten Einrauschen der Kanäle unter Applaus grußlos und kopfhängend die Bühne verließ.

Bevor sich nun aber die Monks of Deeptone auf besagte Bühne begaben, arbeiteten mehrere Nebelmaschinen auf Volldampf. Jedoch benötigte es geraume Zeit, bis das mit wartenden Menschen gefüllte Stehplatzareal in weiße Schwaden gehüllt war. Aber erst als die Nebelwand bis zur zehnten Sitzreihe der anschliessenden, steil aufsteigenden, zweckmässig mit Klappsitzplätzen ausgestatteten Tribüne hinaufgekrochen waren, erklang der erste Ton von den sich klammheimlich auf die Bühne geschlichenen Kuttenträgern. Je näher man an den Schallwellen erzeugenden Lautsprechern befindet, desto näher kommt man dem Verständnis des Begriffs „atemberaubende Show“. Dermaßen stark schallvibrierte Luft fühlt sich wahrlich merkwürdig beim Einatmen an.

Als nächstes wird die eigentlich als orientierungsgebendes Element fungierende Zeit simplerweise obsolet und Ad Absurdum geführt. Aufgrund der stilbildenden Mittel extrem laut, tief und langgezogen wähnt man sich in einer Quantenbrechung einer fallenden Träne aus dem Augenwinkel eines weltenverschlingenden Zyklops, der in der Mitte eines kosmischen Sturms steht. Kauernd in diesem Mahlstrom beobachtet man die Musiker, die gekonnt langsam ihre Instrumente bedienen und so das gesamte Raum-Zeit-Kontinuum in Schwingung versetzen.

Anders als bei den vergangenen Touren, ist dieses Mal nicht Ausnahme-Gesangskünstler Attila Csihar mit an Bord, da er am aktuellen Album Life Metal nicht mitgewirkt hat. Stattdessen gesellen sich zu den obligatorischen maximal tiefergestimmten Sechs-Saitern dieses Mal auch ein spezieller Vier-Saiter, der von Tim Midyett bedient wird. Wieder mit von der Partie ist jahrelanger Kollaborateur und Synthie-Tastendrücker T.O.S. Niewenhuizen. Ja, der nennt sich wirklich so.

Hin und wieder schnappt sich einer der Mönche zusätzlich noch eine Posaune. Das machte ja schon bei Earth mächtig Eindruck und fügt sich prima in den Klangkosmos ein.

Aufgrund der oben erwähnten fehlenden zeitlichen Orientierung habe ich keine Vorstellung davon, wie lange das Konzert eigentlich dauerte (Trompaunen-Konzert?). Jegliche Versuche ein mitgebrachtes Chronometer sinnvoll zu entziffern war vergeblich. Ich stolperte aus dem Veranstaltungsgebäude und versuchte die entsprechende Haltestelle zu finden, um Richtung Übernachtungsmöglichkeit zu gelangen, was in fast zweimaliger Umrundung des Gebäudekomplexes mündete… aber das war mir ziemlich schnuppe.

Irgendwie musste ich an Tyler Durden denken:

„Nach einem Sunn O)))-Konzert ist alles andere im Leben leiser gedreht…
man wird mit allem fertig.“

Na? Neugierig geworden? Dann mal lous:
07.10.2019 München (Backstage) 
08.10.2019 Karlsruhe (HFG) 
09.10.2019 Basel (Kaserne) 
10.10.2019 Leipzig (Felsenkeller)

Titelbild: Sunn O))) | (c) Stephan Ohlsen

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