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Eine Ära geht zu Ende. Die Chef-Frickler, Core-Experimentalisten und passionierten Headwalker von The Dillinger Escape Plan machen nach 20 Jahren Bandgeschichte einen Schlussstrich.


Diese Nachricht war für viele The Dillinger Escape Plan Fans zunächst ein Schock, doch gehen die amerikanischen Mathrock-Pioniere nicht im (internen) Krach, sondern im Gutem in ihre musikalische Frührente – denn ihr neues und letztes Album Dissociation muss ja noch betourt werden. Die aktuelle Europatour, die, ausgenommen von einigen Festivalauftritten im Sommer, die letzte Möglichkeit hierzulande sein wird, die Band zu sehen, führte die Band über UK und den Niederlanden nach Deutschland – zum Auftakt der deutschen Termine in die Markthalle nach Hamburg.

Als Vorband hatten Dillinger Escape Plan „Bong-Ra“ aus den Niederlanden mit im Gepäck. Das Hamburger Publikum reagierte doch sehr irritiert, als sich der Support als ein DJ-Set aus astreinem Breakcore und Jungle entpuppte. Ob die Band damit einen Brückenschlag zum elektronischen Hardcore schlagen wollte, keine Lust hatte, eine Band samt Equipment im Tourbus mitzunehmen oder dies als letzten ausgestreckten Mittelfinger begriff, bleibt im Dunkeln. So ließen sich nur wenige auf diesen musikalischen Kontrast ein, nur nach und nach wagten sich einige in die Mitte der Markthalle und versuchten, sich irgendwie zur dem Dargebotenem zu bewegen. Die Besucher der anderen Deutschlandtermine können allerdings aufatmen – in Berlin beispielsweise wurde mit „Shining“ eine deutlich naheliegender Support ausgewählt.

Kurz nach Ende des Konzertes strömten nach und nach die bisher verschreckten Dillinger-Fans in den Innenbereich, der dann kurz vor Beginn doch relativ gut gefüllt war. Nach einer letzten Geduldsprobe in Form von 15 Minuten Didgeridoo-Klängen eröffnete die Band ihr Set explosiv mit Limerent Death von ihrem neuen Album und Panasonic Youth von „Miss Machine“. Nicht weniger aggressiv und halsbrecherisch als die Musik war die Stroboskop-Lichtshow, welche perfekt auf die wirren Breaks, die so manch‘ einem Fan zu viel gewesen sein dürfte, abgestimmt war. Das Hamburger Publikum war aufgrund dieses extremen Einstiegs und des fehlenden Aufwärmens beim Support zuerst noch etwas verhalten, spätestens bei dem Klassiker Sugar Coated Sour brachen aber in der Mitte der Markthalle alle Dämme. Das auf den Treppen befindliche Publikum quittierte die Musik zunehmenden Kopfnicken bis hin zum Headbangen.

Die Band offerierte an diesem Abend ein rund 80-minütiges Set aus den gesamten 20 Jahren Bandgeschichte. Neben älteren Songs wie Sunshine, The Werewolf gab es auch auch neuere Highlights wie One Of Us Is The Killer zu hören. Entspannung gab es – wie zu erwarten war – eher wenig. Mit Mouth of Ghosts und Symptom of Terminal Illness konnte man sich aber zumindest für jeweils einen halben Song etwas Luft holen, welche geschickt zwischen Blöcken der Trademark-Mathcore-Eskapaden von platziert wurden. Trotz dieses ausgewogenen Sets lag der Band anscheinend auch viel daran, ihr neues Album vorzustellen – mit 5 Songs war es stärker als jedes andere Album vertreten. Natürlich gab es aber auch Hits wie Milk Lizard oder Black Bubblegum zu hören, mit denen sich die Band von ihrer melodiöseren Seite zeigt, welche allerdings aufgrund des schlecht abgemischten Gesangs etwas von ihren Ohrwurmqualitäten einbüßen mussten – angesichts der tadellosen Performance des Sängers Puciatio, vom höchsten Ton bis zum tiefsten Schrei, war dies sehr ärgerlich.

An diesem Abend waren Ansagen sehr rar gesät, die Band schien keine Lust auf eine wehmütige Abschiedsparty zu haben, sondern vor allem darauf, ihre Songs in gewohnt manisch-aggressiver Pose zu performen. Die Gitarristen Weinman und Love taten ihr bestes, die Verstärkertürme zu besteigen und ihre Gitarren wild herumzuwirbeln. Vor dem Abschluss des regulären Sets musste den Hamburger Fans ein schlichtes Goodbye von Puciato genügen, bevor sie sich mit Prancer aus ihrem 2013er-Album „One Of Us Is The Killer“ von der Bühne verabschiedeten. Doch irgendwie fehlte da noch was, das spürten Band wie Publikum. Beide sparten sich ihre letzten Reserven für den Schluss auf – im Zugabeblock riss Sänger Pucatio Leuten den Haaren herbei, um sie anzuschreien, Gitarrist Ben Weinmann ging derweil auf das Schlagzeug los – alles wie gehabt, also. Bei all dieser Konsequenz, in denen The Dillinger Escape Plan in den letzten 20 Jahren bis zu den letzten Tagen ihres Bestehens die Grenzen des Hör- und Spielbaren kontinuierlich verrückt haben, bleibt eigentlich nur Respekt zu zollen – und darauf zu hoffen, dass andere Bands weiterhin dort ansetzen werden.

Dillinger Escape Plan Tourtermine 2017:
29.01.17 Markthalle – Hamburg, DE
10.02.17 Columbia Theater – Berlin, DE (ausverkauft)
14.02.17 Connie Island – Leipzig, DE
20.02.17 Backstage – München, DE
03.03.17 Schlachthof – Wiesbaden, DE
04.03.17 Gloria – Köln, DE

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