THE WEDDING PRESENT – Der Himmel hängt voller Stromgitarren.


„Guten Abend, wir sind das Hochzeits-Geschenk“ sagt Sänger und Gitarrist Dave Gedge in deutscher Sprache und grinst ins zahlreich erschienene Publikum. Feine Sache. Aus dem Internet wissen wir so ungefähr, was zu erwarten ist, denn THE WEDDING PRESENT posten manchmal schon Monate im Voraus, wie der Abend in puncto Songauswahl gestaltet wird: mal gibt es ein „Bizarro“-Special, in letzter Zeit dreht sich öfter mal alles um das neue Album „Going, going“. In Berlin ist das Programm zweigeteilt: es gibt Lieder von der aktuellen Scheibe, sowie Songs aus dem opulenten Back-Katalog.

Der Bandname entstand, weil David Gedge und seine damalige Freundin gut fanden, daß er gar nicht nach einer Band klingt. Zudem wollten sie den von ihnen sehr gemochten THE BIRTHDAY PARTY Tribut zollen. Die C-86-Gruppe (der Titel fußt auf dem 1986 ziemlich wegweisenden Sampler einer bekannten britischen Musikzeitung, auf dem neue krachige Gitarrenmusik, wie zum Beispiel auch PRIMAL SCREAM, vertreten war) kommt eher selten über den großen Teich geschippert, um in Europa Konzerte zu spielen. In die andere Richtung sind sie öfter unterwegs: etliche Alben wurden in Amerika produziert, zwei („El Rey“ und „Seamonsters“) von Steve Albini. Eigentlich mögen THE WEDDING PRESENT die C-86-Kategorisierung nicht so gerne. Wie können wir es nennen? Indie? Uff. Ist heutzutage fast ein Schimpfwort. Einigen wir uns auf elektrische Gitarrenmusik.
Zu spartanisch ausgedrückt?

Wie wäre es hiermit: Zumindest die erste Hälfte des Ouvres von THE WEDDING PRESENT hört sich so an wie das Gefühl was entsteht, wenn die Mega-Achterbahn gerade in den nächsten Korkenzieher-Looping brettert.

Der Privatclub ist ein prima-guter Kreuzberger Club, seit einiger Zeit mit neuem Domizil: ein altes, schön anzusehendes ehemaliges Postgebäude. Es ist relativ kuschelig in dem Laden: er ist nicht zu groß, hinter und neben der Bühne sind rote Theater-Vorhänge. In UK, wo THE WEDDING PRESENT beinahe ununterbrochen touren, sind die Venues größer. Ob das ein Grund ist, warum sie eher selten auf dem Festland unterwegs sind? Im Berliner Publikum befinden sich relativ viele Briten, was uns zu dem von Dave Gedge vorstellten „Fact of the day“ führt: er fragt, wie viele Briten in Berlin sind. Das dachte ich jedenfalls. Freunde sagen er habe gefragt wie viele BRÜCKEN („Brits“ vs. „Bridges“) es in Berlin gibt. Niemand weiß es. Außer ihm natürlich. Aber warum auch nicht? Er weiß ja auch, wie man die geilsten und schnellsten Gitarren-Akkorde in unfassbar catchy und schöne Melodien gießt und sich damit unter Anderem die ewige Liebe vom leider verstorbenen DJ und Radio-Gott John Peel erspielt.

Die andere Fact-of-the-day-Frage lautet: wie viele Neuseeländer leben in Berlin? Grund für die Frage ist die von THE WEDDING PRESENT heute gespielte, aber vorher noch nie live präsentierte Cover-Version „Mothers“ von der neuseeländischen Band THE JEAN-PAUL SARTRE EPERIENCE. Die Antwort hierzu: 1.600. Das nahmen die Ohren so wahr, sicher bin ich ob der Richtigkeit aber nicht. Dafür weiß ich, daß in Berlin ungefähr 5.500 Mazedonier leben. Stand mal irgendwo und ist im Kopf hängen geblieben, wahrscheinlich wegen dem fast zeitgleichen Besuch eines besetzten Hauses in Amsterdam. Dort spielte eine mazedonische Punkband, deren Sänger nicht müde wurde zu betonen, wie gut „wir“ es „hier“ haben im Vergleich zu Punks in Mazedonien. Nach den erschreckenden Dingen die er schilderte ist davon auszugehen das er damit recht hatte.

Der Gedanke, daß es im ganz auf märkischem Sand gebauten Berlin mehr Brücken als Neuseeländer gibt wird zügig beiseite geschoben, denn die UK-Fans direkt vor uns beteuern gerade lautstark das sie beim morgigen Gig in Leipzig dabei sein werden. Gedge zur seinen Followern: „Really?…You´re all on the guest list.“ Der Jubel lässt befürchten, daß seine eigentlich humoraffinen Landsleute den Spruch ernst genommen haben. Ansonsten machen die Jungs sich einen Spaß daraus, Songtitel wie „Brassneck“ (ha ha….das wird bestimmt sowieso nicht gespielt) Richtung Bühne zu rufen.

Die Setlist ist nämlich ein hübscher Schlingerkurs mit der Vermeidung von allzu offensichlichem Hit-Material: es gibt aus jeder Schaffensphase mindestens ein Lied, und von der aus Fan-Sicht häufig so bewerteten Peaktime „Bizarro“ und „Seamonsters“ je zwei Songs. Die Brücke (DAS Wort schon wieder…) zwischen diesen beiden legendären Alben wird durch Steve Albini (den hatten wir eben auch schon mal) gebaut: nicht ganz zufrieden mit der Produktion beziehungsweise dem Sound von „Bizarro“ (ja, liebe Fans, ich war ebenfalls erstaunt als ich das zum ersten Mal hörte…) ließ David Gedge im Nachhinein von Albini „Brassneck“ neu abmischen und fand das Ergebnis so gut, daß dieser für den Follower „Seamonsters“ als Produzent gewonnen wurde.

Der Gig vermittelt den Eindruck als hätte Albini auch diesen produziert: soundtechnisch kommt der Abend an die von ihm begleiteten Alben ran: dieser knochentrockene geile staubige Gitarren-Lärm, bei denen jedes Instrument ein Star ist und zwischen den Lärm-Kaskaden dennoch genug Platz und Luft vorhanden ist. Im pefekten Zusammenspiel ist das Musik zum drin Wohnen, wobei der Himmel voller Stromgitarren hängt.

Als Ganz-von Früher-Hit gibt es „Your favourite dress“, begleitet von Gedge´s Kommentar „For people of a certain age“. Den Ausdruck hatte ich zwei Stunden vorher zum ersten Mal gehört und mir Gedanken darüber gemacht. In „American Horror Story : Hotel“ beschwert sich die von Kathy Bates verkörperte Empfangsdame, daß „Women of a certain age“ keine Aufmerksamkeit mehr von der Herrenwelt geschenkt bekommen. Das Thema haben die Pet Shop Boys vor wenigen Jahren in ihrem Lied „Invisibile“ verarbeitet, welches zwischen Blu Ray & Konzert unbedingt noch zu hören war. Kaum zwei Stunden später hat der Herr Gedge das Thema ebenfalls am Start. Kannste mal sehen.

„People of a certain age“ sind eine Menge im Publikum. So jung hat man sich nicht mehr gefühlt seit den Konzerten von SONIC YOUTH und von PAVEMENT. Ein netter Ausgleich zum LA ROUX-Gig, wo fast sämtliche Anwesenden so wirkten, als würden sie hinterher von den Eltern mit dem Auto abgeholt, weil am andereren Morgen um acht Uhr „Bio“, „Erde“ oder „Mathe“ beginnt.

Neben den drei Goodies (das erwähnte „Your favourite dress“, das zweite Lied des Abends „Come play with me“ sowie dann tatsächlich doch noch „Brasseck“) gibt es tatsächlich kein Single-Material zu hören, obwohl die Anzahl der veröffentlichten 7-Inches von THE WEDDING PRESENT fast unüberschaubar ist. So brachte die Band Anfang der Neunziger ein Jahr lang jeden Monat eine Single heraus. Das Projekt nannte sich „The Hit Parade“ und wurde im Nachhinein gebündelt als Album veröffentlicht. Enthalten war auf jeder Single ein neuer Band-Song, auf der Rückseite ein Cover, wie zum Beispiel „Falling“ von Julee Cruise aus der TV-Serie „Twin Peaks“.

Die Singles waren limitiert auf jeweils 10.000 Einheiten (was zu jener Zeit tatsächlich nicht besonders viel war für eine relativ bekannte Band) und schafften es alle in die UK Top 30.

Studio-Alben sind etwas spärlicher erschienen: bis jetzt sind es gerade mal neun. Die etwas eigenwillige Veröffentlichungs-Historie von THE WEDDING PRESENT lässt sich auch durch den Umstand erklären, daß die Band sich nie von der Musikindustrie abhängig gemacht hat – ein Umstand, der Gedge wichtig ist und darum in der bandeigenen Bio gleich zu Anfang betont wird. Der Spirit aus den Anfangstagen (Gedge fuhr die ersten 500 Pressungen der Band persönlich mit einem öffentlichen Bus zu den Geschäften. Die Vinylscheiben befanden sich dabei in einem von seiner Mutter ausgeliehen Koffer) soll gewahrt werden. Auch wenn die Band wenigstens teilweise mit dem kommerziellen Welt zusammen gearbeitet hat (RCA, Island) konnten sie autark walten: so war es möglich, vom Label nicht unbedingt gewollte Singles in Eigenregie rauszubringen, und musikalisch bekam die Band sowieso nicht „reingequatscht“. Ist bei Gedge auch schwer vorstellbar.

Wer sollte zu ihm sagen: „Mister Gedge, die Gitarren in der Bridge vom neunten Song gefallen uns nicht. Können Sie da mal nicht ein paar Synthies reinbasteln und Bobby Gillespie nuschelt einen Text dazu? Und wo wir schon dabei sind: lässt sich das Lied von fünf auf drei Minuten runter schrauben? Sie wissen ja…..Airplay und so…!“
Eventuelle Antwort: „GET OUT!!“

Vor wenigen Jahren erschienen sämtliche Alben von 1987 („George Best“ mit dem namensgebenden supercoolen Fußballer drauf, der so ausschaut wie heutzutage Hipster- und Lumbersex-Typen zwischen Leeds und Landshut halt so aussehen), bis hin zu „Saturnalia“ aus dem Jahr 1996 als prachtvolle Editionen, die nicht mal viel kosten: neben einem festen Bucheinband gibt es jeweils ein informatives Booklet sowie in jeder Ausgabe drei CDs und eine DVD mit ausufernd viel Material, inclusive Live-Konzerten, John Peel-Sessions und mehr. Die gute Nachricht: es ist kein einziger Ausfall zu vermelden: alle Lieder (manchmal sind es über achtzig Songs) sind sehr gut bis herausragend.

Nachdem sich THE WEDDING PRESENT im Privatclub durch einen Bruchteil ihres Ouvres, nämlich achtzehn tolle Stücke. gespielt haben, ist leider Schluß mit Lustig. Zugaben gibt es traditionell keine. Gedge stellt vor dem letzten Song freundlich die anderen Bandmitglieder vor. Von der Ursprungs-Besetzung ist er der Einzige. Seit der Gründung waren inzwischen einunddreißig Leute an Bord. Anscheinend dreht sich das Personal-Karussell bei der Band so schnell wie sonst nur bei THE FALL.

Aktuell besteht die Band aus Charles Layton an den Drums. Es bereitet viel Spaß, ihm bei der Arbeit zuzuschauen, denn zum Einen wirkt er wie The Animal von den Muppets: ziemlich wild und völlig aus sich herausgehend – und zum Anderen sieht es so aus als ob er sich in Trance trommelt. Er ist neben Gedge am längsten mit an Bord, nämlich seit 2005. Ganz neu sind die Bassistin Danielle Wadey und der zweite Gitarrist Tony Jupp: sie sind beide seit 2016 dabei.

Hoffentlich dauert es nicht wieder so viele Jahre bis THE WEDDING PRESENT vorbei kommen. Am besten wäre es, wenn sie einmal pro Monat im Privatclub spielen und dabei jeweils achtzehn Lieder präsentieren. („Wir“ haben es so gut „hier“). Vielleicht wollen wir nach zwei Jahren nicht mehr hingehen. Ehrlich gesagt glaub ich aber das wir es weiterhin gut haben wollen und auch nach achtzehn Jahren noch hinpilgern.

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