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Thrice und Refused sind zweifelsohne große Namen in der Historie der Hardcore- und Punk-Musik.

Etliche Musiker bezogen sich in ihren Anfangstagen etwa auf Vheissu oder The Shape Of Punk To Come und sind mittlerweile in größere Höhen als ihre einstigen Vorbilder gestiegen. Ein Generationenwechsel hat stattgefunden. Das merkte man auch an dem mehrheitlich etwas betagteren Publikum, das am 05.11.2019 den Weg in die Große Freiheit 36 in Hamburg trat. Dass die Location bereits im Vorfeld ausverkauft war, zeigt jedoch, dass es für die Bands sinnvoll war, mit gebündelten Kräften auf Europa-Tour zu gehen.

Der Tour-Support Petrol Girls aus Bristol, UK begannen ihr Set energetisch und zeigten von vornherein, dass sie eine politische Band sind. Leadsängerin Ren Aldridge leitete jeden Song mit einer Positionierung ein. Die Gruppe, musikalisch zwischen Post-Hardcore und Punk einzusortieren, bezeichnet sich als politisch und feministisch. Das fand beim Publikum, das sich schon zahlreich vor der Bühne befand, deutlichen Anklang. „Touch me again and I’ll fucking kill you“ shoutete Aldrige eindrucksvoll und zeigte sich dabei in expressiven Gesten, die man so z.B. auch von Teri Gender Bender von Le Butcherettes kennt. Neben Geschrei fanden auch immer wieder Sprechparts und melodischer Gesang den Weg in den Mix. Ein kurzer und gelungener Einstieg.

Refused mit War Music auf Tour

Refused betouren gerade ihr neues Album War Music und starteten mit einigen Songs des Albums in den Abend. In Baskenmütze und Sakko bekleidet beschritt Sänger Dennis Lyxzén die Bühne, begleitet von den ebenfalls adrett gekleideten Bandmitgliedern. Der Opener REV001 offenbarte sich in seiner Zerfahrenheit als ungeeignet für das bereits aufgewärmte Publikum, das sich nach der ersten Gelegenheit für einen Moshpit sehnte. Nach einigen Songs groovten sich Publikum und Band aufeinander ein. Lyxzén gestikulierte expressiv zu den Instrumentalbreaks, warf Mütze und Sakko zur Seite und tauchte ins Publikum ab. Dort schmiss er sich samt Mikro in den Moshpit und purzelte nachher desorientiert wieder auf die Bühne.

Refused suchten damals auf The Shape of Punk To Come nach einem neuen Sound, um ihre politische Message vermittelt zu bekommen. Genervt von der Kommerzialisierung ihrer Musik warfen sie das Handtuch. In gewisser Weise kann man der Band Scheinheiligkeit vorwerfen, wenn sie auf ihren Konzerten weiterhin lauthals den Kapitalismus anprangern, ihre Shirts aber für exorbitante Preise verkaufen und auf exklusiven Telekom-Gigs spielen. Doch in der Situation wirkt es überzeugend, wenn die Band dazu aufruft, Faschisten zu boxen und im nächsten Moment Turn The Cross anstimmt. Passend dazu fand auch das post-punkige I Wanna Watch The World Burn den Weg in die Setlist und liefert eine Verschnaufspause. Unterstützt wurden die Performances aller Bands durch den differenzierten Sound und eindrucksvolles Bühnenlicht.

Insgesamt lag der Fokus des Sets deutlich auf dem neuen Album, vom Vorgänger Freedom blieb nur Elektra im Set. Fans der alten Stunde hätten sich womöglich mehr ältere Songs anstelle der teils wenig druckvollen neuen Lieder gewünscht. Doch Refused wissen auch 20 Jahre nach Ende ihres ersten Bandlebens genau, wie man eine Menge anstachelt: „You want one more? – Balcony, you want one more?“ fragt Sänger Lyxzén zum Ende des Sets. Natürlich, denn es wurde ja noch nicht der Klassiker New Noise gespielt. Schon im Intro öffnet sich ein beeindruckender Pit, der im Laufe des Songs immer wieder auf- und zusammengezogen wird.

Zwei verschiedene Philosophien

Dass nicht alle Zuschauer gleichermaßen auf beide Bands gespannt waren, zeigte sich in der Umbaupause, als ein beträchtlicher Anteil der Leute Position wechselte. Nicht verwunderlich, stehen Thrice und Refused trotz musikalischer Nähe für zwei völlig verschiedene Philosophien – die eine Band eher spirituell-philosophisch, die andere mit klarer Kante und politischem Manifest im Booklet.

Thrice veröffentlichten letzten Jahr mit Palms bereits ihr 10. Studioalbum und in diesem Jahr mit Deeper Wells noch eine weitere EP. Dass bei diesem breiten Fundus nicht alle Fans zufrieden gestellt werden können, ist nicht verwunderlich. Tatsächlich wurden nur drei Songs von Palms gespielt, die EP blieb gänzlich unbeachtet.

Die eher introvertierte Bühnenperformance, bei der das Hochziehen der Gitarren das höchste der Gefühle darstellt, spiegelte sich im Publikum im teilweise wieder. Zwar erzeugten ältere Hits wie The Earth Will Shake oder The Artist in the Ambulance in der vorderen Traube kleinere Moshpits, kein Vergleich jedoch zu Refused. Zum 7/4 Takt von Just Breathe wurde eher geschunkelt als getanzt. Meist wurde aber eher kopfnickend zugehört. Bei der nachdenklichen Musik von Thrice ist das aber kein Malus. Das Publikum quittierte jeden Song mit frenetischem Jubel. Ganz vorne dabei war das Publikum dagegen beim Mitsingen der Songs. Die Wucht, die sich beim Call and Response-Teil von Image of the Invisible zwischen Band und Publikum entlud, beeindruckte selbst Frontmann Dustin Kensrue.

Ein antiklimatisches Ende

Nachdem Petrol Girls und Refused mit deutlichen politischen Messages auffielen, verzichteten Thrice fast gänzlich auf Bühnenansagen. Eine unpolitische Band sind Thrice aber nicht, wie sie erst auf Palms wieder unter Beweis stellten. Dort sprechen sie über das Auseinanderdriften der Gesellschaft und der Notwendigkeit des Dialogs. Bestimmt nicht zufällig endete das Set, begleitet von feinem Scheinwerferlicht, mit der Ballade Beyond the Pines:

„Far beyond those walls, gleaming black and white
Further than our false schemes of wrong and right
Is a field where we can walk
Leaving all our names behind“

Damit spannten sie nicht nur den Bogen zum Opener Only Us, sondern auch zum gesamten Konzert – nach all den deutlichen Botschaften und lauten Tönen ein antiklimatisches, nachdenkliches Ende dieses Konzertabends.

Weitere Thrice + Refused-Tourtermine

11.11. München – Tonhalle
12.11. Berlin – Huxley’s Neue Welt
14.11. Solothurn (CH) – Kulturfabrik Kofmehl

Titelbild: Thrice | (c) Thrice via Twitter

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