Cargo-Vinylaktion

Tocotronic und Karies zusammen an einem Abend – das gibt es nicht alle Tage.

Vergangenheit und Zukunft des radiountauglichen Deutsch-Pop treffen sich in der Gegenwart – hier und heute. Eine Kombination, die für den prettyinnoise.de-Berichterstatter wie seine Begleitung Grund genug ist, die eigene Wohlfühloase zu verlassen und in die Bahn gen Südosten zu steigen. Sterni und das Panorama einer untergehenden Sonne sorgen auf dem Weg dorthin für das richtige Ambiente.

Die Tatsache, dass Tocotronic sich für ihr Chemnitzer Gastspiel ein AJZ ausgesucht haben, hat im Vorfeld schon neugierig gemacht. Wie groß die Location wohl sein mag? Nach diversen Chartplatzierungen der letzten Jahre ist es inzwischen eher Seltenheit geworden, dass Tocotronic vor einem Publikum mit weniger als 1.000 Menschen spielen. Und tatsächlich: Es ist brechend voll, und das mit schätzungsweise 400 anwesenden Zuschauern. Schon am Eingang wird man vom Personal auf den persönlichen Umgang hier vor Ort hingewiesen. „Wir duzen hier uns“ – „Upsi, Pardon!“.

Karies fangen dann um Punkt 8 an. Gerade erst haben sie ihr neues Album „Alice“ herausgebracht, und die vorab veröffentlichte Single „Holly“, stellt zugleich den Opener ihres Auftritts dar.

„Holly steht alleine im Wald, Holly geht allein, Holly steht allein im Wald, Sommermorgentau Nachtgestalt“. Ähnlich abseitig wie die Figuren ihrer Songs stehen auch Karies auf der Bühne. Ein wenig schüchtern und nervös wirken sie, aber diese unabgeklärte Art dekoriert ihre Songs auf ganz hervorragende Weise. Drummer Kevin Kuhn wurde im Vorfeld der Tour vorübergehend durch Paul Schwarz ersetzt, den Drummer von Human Abfall. Doch tatsächlich wirkt die Band, als hätte sie nie in einer anderen Besetzung gespielt. Im Laufe ihres 40-minütigen Sets spielen sie Songs all ihrer 3 Alben, wobei der Schwerpunkt auf den verhältnismäßig gezähmten Songs ihres neuen Albums liegen. Nachdem Karies ihr Set beendet haben, bleiben ein paar Minuten Zeit für Toilettengang, eine hastige Zigarette und neues Bier.

Karies
Karies | (c) Luca Glenzer

Dann erlischt das Licht wieder, die Spannung steigt. Gewohntermaßen lieben Tocotronic den Pathos, die große Geste.

Wie gewohnt lassen sie vor dem Betreten der Bühne den „Rittertanz“ von Sergej Prokofjew spielen, einem sowjetischen Komponisten, der wusste, wie man Dramen gebührend inszeniert. Das forsche Betreten der Bühne durch Dirk von Lowtzow wird folglich gebührend gefeiert, und dieser weiß sich nicht anders als durch eine Verbeugung zu helfen – ein Mann von Anstand eben. Ihr Set beginnt die Band mit zwei Songs ihres neuen Albums, dem Titeltrack und „Electric Guitar“, das innerhalb eines halben Jahres schon zu einer kleinen Bandhymne gereift ist. Mächtig Bewegung kommt ins Publikum, als sie den 1999er-Gassenhauer „Let There Be Rock“ anstimmen – sehr rockig und zugleich herrlich unrockistisch.

Wer Tocotronic schon mehrere Male live gesehen hat, der weiß nach einigen Konzerten, dass sie mittlerweile nur noch wenig variieren innerhalb ihrer Live-Sets.

„Let There Be Rock“, „Aber hier leben, nein danke“, „Hi Freaks“, „This Boy Is Tocotronic, „Drüben auf dem Hügel“, „Freiburg“: All diese Songs gehören zum festen Live-Reportoire, daran wird, wenn überhaupt, nur noch geringfügig gerüttelt. Das kann man aus guten Gründen bedauern, aber darum soll es nicht gehen. Viel mehr überrascht es, dass die Band es trotzdem schafft, einen immer wieder aufs neue mitzureißen. Dirk von Lowtzow ist ein Meister seines Fachs, viele Gesten, viele Ansagen sind mittlerweile einstudiert und ritualisiert. Und ohne das vonseiten der Band wie des Rezensenten verhasste Wort „authentisch“ zu bemühen, wirkt es doch auf eine gewisse Weise glaubwürdig, wenn sie sagen, dass es ihnen immer noch ein Vergnügen ist, Konzerte zu spielen, all der üblichen Tour-Querelen zum Trotz.

Tocotronic
Tocotronic | (c) Luca Glenzer

Nachdem die Band mit dem Gassenhauer „Drüben auf dem Hügel“ ihr reguläres Set beendet hat, kommt sie für den 2007er-Song „Mein Ruin“ noch mal auf die Bühne.

Dirk von Lowtzow
Fanart (c) Johann Bärenklau

Ein Stück, das sie tatsächlich schon einige Jahre nicht mehr im Repertoire hatten. Umso schöner, dass sie es nun wieder spielen. Anschließend beehrt die Band ihr Publikum mit noch drei weiteren Zugaben: „Freiburg“, „Die Idee ist gut, doch die Welt noch nicht bereit“ und schließlich „Pure Vernunft darf niemals siegen“ – welch schöner Abschluss!

Zwischendrin lässt Sänger von Lowtzow das Publikum wissen, Tocotronic würden heute zum ersten Mal in Chemnitz spielen – „keine Ahnung, wieso“. Das Publikum scheint sich über das Erscheinen der Band nach mittlerweile 25-jähriger Existenz jedenfalls sichtbar gefreut zu haben. Da denkt man sich, mit dem Blick eines außenstehenden Leipzigers: Vielleicht sollte Chemnitz (respektive das dortige AJZ) das möglichst schnell wiederholen – und nach all den Eskapaden des vergangenen Spätsommers und seinen Nachwehen damit in Zukunft mehr Tocotronic wagen!

Titelbild: (c) Luca Glenzer

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