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Heute kann es regnen, stürmen oder schnei’n, und wenn wir Ende September im norwegischen Kristiansand aufschlagen, kann schon mal alles gleichzeitig zusammenkommen.

Vom 21.-22. September 2018 fand zum vierten Mal das VIVID a post_rock festival, kurz VIVID statt, das wieder einmal mit einem erstaunlichen Line Up aufwarten konnte. Unter der Schirmherrschaft von Timo Helmers (hier im Interview) gaben sich Bands wie Spurv, SPOIWO und The Samuel Jackson Five die Ehre, im Aladdin, einem Kinotheater, ein unglaubliches musikalisches Feuerwerk zu vollführen. Begleitet wurde der Großteil der Bands durch Visual Artists, von denen einige bereits zum festen Inventar des Festivals gehören. Doch fangen wir von vorn an.

Freitag, 21. September:

Die Fähre aus dem dänischen Hirtshals trifft mit einiger Verspätung im Hafen von Kristiansand ein. Es stürmt und regnet, auf dem Schiff lagen einige Personen am Boden und erbrachen sich in Plastiktüten. Der Weg ins Hotel ist zum Glück so kurz, dass wir Szenen aus Sharknado entgehen, aber ich versichere, es war knapp.

Gegen 18 Uhr betrete ich pünktlich zur Eröffnung des Festivals das Aladdin, sehe vertraute Gesichter aus den Vorjahren, nicht allein vom VIVID, treffe alte Freunde aus anderen Ländern wieder. Man umarmt und begrüßt sich, stößt mit einem frischen norwegischen Bier an. Alles ist wie immer sehr herzlich. An der Bar werden die Getränke ausgeschenkt, es gibt einen Wasserspender, an dem man sich kostenlos bedienen kann und in einer Ecke befindet sich ein Tisch, an dem warme Speisen verkauft werden, die liebevoll selbstgemacht wurden. Abends gibt es zumeist eine würzige Gemüsesuppe mit Brot, nachmittags Kuchen und Kaffee. Auf dem großen Podest vor dem Fenster sitzen gemütlich die Gäste und plaudern, am Merch-Stand herrscht ebenfalls bereits ein buntes Treiben. Der in Kristiansand lebende deutsche Veranstalter Timo Helmers ist auch immerzu irgendwo im Gewusel zu finden. Trotz der vielen schlaflosen Nächte und des unglaublichen Aufwandes, um dieses Festival jährlich wieder auf die Beine zu stellen, strahlt Timo immerzu eine besondere Gelassenheit aus, die sich auf sein Team überträgt. Alles ist angenehm, warm und beruhigend wie ein Heimathafen im tosenden Sturm.

Nachdem sich alle lieben Menschen zusammengefunden und der neueste Schnack ausgetauscht wurde, zieht die Meute in den Konzert-/Kinosaal, um den Opener Hegy aus Ungarn zu begrüßen.

Für die jenigen, die noch niemals zuvor auf dem VIVID waren, möchte ich einmal die Lokalität beschreiben. Das Aladdin ist, wie schon beschrieben, ein Kino, und das Festivalteam wendet jedes Jahr viel Zeit und Mühe auf, um die Kinosessel auszubauen, damit die Fans auf den flachen Stufen der Kinoränge stehen können. Dennoch setzen sich grundsätzlich alle Leute hin. Stellt euch das mal vor: Eine tolle Band wie Hegy rockt laut das Haus und die Fans sitzen! Demonstrativ stellen ein Freund und ich uns also direkt zu Beginn in die erste Reihe und bewegen uns zur Musik, leider ohne die anderen Besucher zum Mitmachen zu animieren. Ich kenne die Band nicht gut genug, um ausmachen zu können, welche der gespielten Songs bereits von ihrem 2016er Album sind und welche bisher noch unbekannt, doch insgesamt ist ihr Auftritt von einer hohen Qualität und gefühlt viel zu kurz. So ist es doch meistens. Sie machen sehr viel Lust auf ein neues Album, soviel steht fest.

Hegy | (c) Lara Void
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Nach einer kurzen Umbaupause wurden härtere Saiten aufgezogen und die russische Band TRNA, ein Nebenprojekt von Show Me A Dinosaur, präsentiert uns erstmals in Europa die vier neuen Stücke ihres Albums „Earthcult“. Bereits im Vorjahr war ich verblüfft von der außerordentlichen musikalischen Gewalt und Live-Qualität von Show Me A Dinosaur und auch dieses Mal bläst mich die Musik des Trios aus den Socken. TRNA vereinen in ihrer Musik so viel mehr als in eine Schublade passt. Es ist ein bisschen Post Metal, ein bisschen Black Metal, man spürt die Natur, Kälte, aber alles ohne unnötig aufbauschende Elemente. Die Musiker haben eine sehr bescheidene Ausstrahlung, was ihren Sympathiewert für mich exponentiell erhöht, je mehr ich ihre Musik schätze. Man bekommt leider nicht allzu häufig die Gelegenheit, TRNA in Europa zu sehen, weshalb ich dankbar um diese Erfahrung bin. Die Visuals, die TRNAs Musik unterstreichen, kommen heute von meinem Freund Alex Dickson, der als Visual Artist unter dem Namen Waverant arbeitet. Die Kaleidoskopeffekte in zum Teil schrillen Farben sagen mir nur bedingt zu, dennoch passen sie zur Dynamik der Musik und unterstützen die Band in angemessener Weise.

TRNA | (c) Lara Void
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Mit The Best Pessimist als Co-Headliner für diesen Freitagabend wird das Line Up um eine weitere osteuropäische Band ergänzt. Bereits im Jahr 2017 freute ich mich darüber, die Formation um den Musiker und Komponisten Serhii Lunov auf dem belgischen Dunk! Festival sehen zu dürfen und wie bereits bei TRNA haben wir es hier mit einem ebenso bescheidenen wie talentierten Musiker zu tun (Sympathie +100). Ganz in der Musik aufgehend, in welcher er Post-Rock mit elektronischen Elementen und Pianoklängen verbindet, bewegt sich Serhii über die Bühne und zieht das Publikum in seinen Bann. Auch in diesem Fall bin ich dankbar dafür, dass The Best Pessimist zum VIVID eingeladen worden sind, denn sie haben hier ihr einziges Konzert des Jahres 2018 gespielt und sind ebenfalls eine Band, deren außerordentlich schöne Musik man nicht allzu häufig rund um Deutschland live genießen kann.

The Best Pessimist | (c) Lara Void
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Während der Umbaupause für Spurv, die sich aufgrund technischer Probleme verzögert, nehme ich die nur allzu seltene Gelegenheit wahr und führe ein intensives Gespräch mit Caspian-Gitarrist Calvin, den ich bisher noch nicht kennenlernen durfte, weil er für gewöhnlich nicht die Touren in Europa mitspielt. Für mich als eingefleischten Fan der Band fügt sich nun auch das allerletzte Puzzleteil in das Gesamtbild ein, um die Musik, die mir sondergleichen am Herzen liegt, noch besser zu verstehen.

Die Osloer Freunde von Spurv habe ich bereits bei der allerersten VIVID-Edition 2015 auf der Bühne des Aladdin gesehen; damals noch in etwas anderer Besetzung. Seitdem haben die Musiker einen immensen Wandel vollzogen und es vollbracht, ihre Musik noch opulenter zu gestalten. Mit „Myra“ haben sie im Mai 2018 ein Album veröffentlicht, das durchweg positive Resonanz erhalten hat. Man könnte sagen, die jungen Norweger haben neue Post-Rock-Geschichte geschrieben. Diesem Anlass angemessen haben sich nun auch die trägsten der Zuschauer von den Rängen erhoben, um nah an der Bühne ihre Headliner (und mit ihnen) zu feiern. Die Lautstärke ist bombastisch, als der Opener „Og ny skog bæres frem“ durch den Saal schallt und jedermanns Haare fliegen. Visuell bieten Spurv dem Publikum in diesem Jahr ebenfalls ein paar schöne Impressionen an. So zeigen sie Videos zu „Mellom Broen og Elven“ ihres zweiten Albums „Skarntyde“ und sogar zwei weitere offizielle Videos zu Songs von „Myra“, die die Magie der Natur wunderschön darstellen. Auch, wenn man die norwegischen Songtitel nicht versteht, erschließt sich dem Publikum durch diese Videos ihre Bedeutung. Bei einigen ihrer neuen Songs werden Spurv von zwei klassischen norwegischen Musikern bzw. Komponisten begleitet: Ole-Henrik Moe ist in Norwegen für seine modernen Violinkompositionen bekannt. Kari Rønnekleiv ist Violinistin und arbeitet eng mit Moe, ihrem Ehemann, zusammen.

Zu acht finden Spurv und ihre Gastmusiker nur wenig Platz auf der Bühne für all die langen Haare und Instrumente, doch eingespielt wie sie sind, vollbringen sie eine fantastische Show, die sich wie nur allzu oft viel zu kurz anfühlt.

Verschwitzt und zerzaust jubeln sich Publikum und Musiker am Ende gegenseitig zu und so endet der erste von zwei Festivaltagen mit einem seligen Lächeln auf allen Gesichtern.

Spurv | (c) Lara Void
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Die Aftershowparty, die ab Mitternacht im Aladdin angekündigt ist, findet nicht statt (zumindest gibt es keinen DJ wie in den Jahren zuvor), die Besucher sehen jedoch mit ihren Getränken und Gesprächen sehr zufrieden aus. Mich führen die familiären Verpflichtungen – ich bin mit Mann und Baby angereist – heute schon früher als gewöhnlich ins warme, trockene Hotelzimmer zurück.

Samstag, 22. September:

Ein freier Samstagnachmittag in Kristiansand lohnt sich immer, um sich die wunderschöne kleine Innenstadt und Kulisse ringsherum anzuschauen. Es gibt dort einige nette Restaurants und Geschäfte, die man aus Deutschland nicht kennt, außerdem einen Süßigkeitenladen mit Softeis und jeder Menge Toppings, die zur Auswahl stehen. Das Wetter ist zwar weiterhin äußerst bescheiden, doch hält es einen kleinen Spielmannszug nicht davon ab, in der Fußgängerzone ein paar Lieder zu spielen und zu tanzen. Ich habe keine Ahnung, was sie singen und wieso, aber es ist sehr hübsch anzusehen und lässt mich vergessen, dass ich nach drei Minuten bereits komplett durchnässt bin, obwohl soeben noch die Sonne geschienen hat.

Man kann auch zur Halbinsel Odderøya laufen und sich dort die alte Festung ansehen. Auf dem Weg dorthin kommt man an dem kleinen Club Vaktbua vorbei, in dem sowohl das erste Konzert des Abends als auch die heutige Aftershowparty stattfinden wird.

Um 15 Uhr beginnen Grant The Sun aus Norwegen pünktlich ihren Auftritt. Das kleine Vaktbua ist brechend voll (es passen gefühlt auch nur 20 Menschen hinein) und ich muss gestehen, dass ich von den Musikern mehr höre als sehe. Musikalisch kann man sich Grant The Sun als progressivere Russian Circles vorstellen und sie bringen die kleine Hütte wirklich zum Beben! Ich persönlich stehe gar nicht auf Prog Metal und dergleichen, lasse mich aber bei Konzerten gern von der Grundstimmung und Atmosphäre mitreißen. In diesem Fall bleibe ich trotz der großen Enge gern etwas länger, denn inmitten der ganzen netten VIVID-Gäste macht es viel Spaß, Grant The Sun zu lauschen und an der Bar etwas zu trinken.

Grant The Sun | (c) Lara Void
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Gegen 16 Uhr füllt sich das Aladdin langsam wieder mit den Gästen für den Abend. Der nächste Act ist eine besondere Band, von der ich vor ihrer Ankündigung noch nie gehört hatte, die mein Interesse jedoch geweckt hat. Raw by Peppers ist ein koreanisches Trio, das jüngst nach Berlin gezogen ist. Musikalisch lassen sie sich weniger dem Post-Rock zuordnen, vielmehr ist es ein verträumter Space-Rock mit sanften Clean Vocals, die es mir angetan haben. Da es noch vergleichsweise früh am Tage ist, sind leider nicht allzu viele Besucher anwesend. Raw by Peppers laden die Gäste mit ihren eingängigen Beats jedoch zum Tanzen ein. Erwähnenswert ist an dieser Stelle ihre visuelle Darbietung des koreanischen Künstlers Spino, die zu einem großen Teil aus Sequenzen im Animestil und kosmischen Darstellungen besteht. Für mich sind Raw by Peppers durch das VIVID eine Bereicherung meiner Musiksammlung geworden. Es ist doch immer wieder erstaunlich, welche tollen und unbekannten Bands Timo und sein Team den Besuchern vorstellen.

Raw By Peppers | (c) Lara Void
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Auf jedem Festival gibt es für mich diese eine Band, die ich ein bisschen langweilig finde und bei der ich die Zeit nutze, um mir anderweitig etwas Gutes zu tun. Während die belgische Krachmaschine Mantis die Bühne akustisch zerstört, gönne ich mir einen großen Kaffee in einem bekannten Kaffeehaus, um mich auf die kurze kommende Nacht vorzubereiten. Ich kann also nicht mehr sagen als dass Mantis wirklich laut sind.

Mantis | (c) Lara Void
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Kommen wir anschließend zu einer jungen Band aus Polen, die bereits bis zum Jahr 2016 mit ihrem Debütalbum riesige Erfolge in der Szene, vor allem auch live, erzielen konnten: SPOIWO. Seit fast zweieinhalb Jahren habe ich sie nicht mehr gesehen, jedoch hin und wieder Kontakt mit Gitarrist Piotr gehabt, den ich nicht müde werde, zu fragen, wann sie endlich ein neues Album veröffentlichen werden, denn schließlich versicherte er mir bereits vor längerer Zeit, dass sie sich dieses Mal nicht so viel Zeit lassen wollen würden. „Ich bin froh, dass du mich immer wieder daran erinnerst“, antwortet Piotr sarkastisch. Dann stoßen wir an. Von ihrer Live-Qualität konnte ich mich bereits auf dem Dunk! Festival 2016 überzeugen, auf dem sie trotz ihres Newcomer-Status auf der Main Stage auftreten durften. Und auch auf der kleinen Bühne im Aladdin sind SPOIWO ein großer Act, den ich sehr gern weiter hinten im abendlichen Line Up gesehen hätte. Doch leider kann nicht jeder Headliner sein – oder aber, alle sind es! Ihre Bühnenshow wird durch Visuals zweier norwegischer Künstler ergänzt, die die Musik durch satte Farben, Stroboskopeffekte und verschwommene Landschaftsaufnahmen intensivieren. Es bereitet mir große Freude, die Band auf der Bühne zu sehen, sehen und spüren zu können, wie sehr sie es genießen, ihre Musik zu spielen. Wenngleich die Formation der Band sich seit unserem letzten Treffen etwas verändert hat und sich auch zukünftig verändern wird, handelt es sich bei SPOIWO um eine Gruppe junger Freunde, deren Zusammenhalt man in der Musik erleben kann.

SPOIWO | (c) Lara Void
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Mit The Samuel Jackson Five hat das VIVID ein Post-Rock-Urgestein ausgegraben, das an diesem Tage seinen ersten Auftritt in fast vier Jahren spielt. Hinter dem lustigen Namen verbergen sich vier Musiker aus Norwegen, die bereits seit 2001 zusammen Musik im „alten Stil“ machen. Mit Einflüssen aus Prog Rock und Jazz, von Künstlern wie King Crimson und Yes, behalten SJ5 ihre positive Grundstimmung bei und driften nicht in die Melancholie ab wie viele andere Vertreter des Genres.

Ich habe mich bisher kaum mit dieser Band auseinandergesetzt, lasse mich jedoch sofort von ihrer Energie und gewissen Fröhlichkeit mitreißen. Visuell begleitet werden SJ5 von der aus Kristiansand stammenden Künstlerin Ingrid Kristensen Bjørnaali, die bereits im Vorjahr mit ihren extraordinären Videos die Band Year of No Light unterstützt hat. Heute ist der größte Teil der visuellen Darbietung jedoch nicht schwarz-weiß und düster, sondern bisweilen bunt im Retro-Chic wie die Einblendung von bunten Ziffernblättern alter analoger Wecker. Das Gesamtbild ist stimmig, ohne dass ich das Gefühl habe, dass eine zu große Bedeutung zu tief darin versteckt ist.

The Samuel Jackson Five | (c) Lara Void
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Mooncake, das Post-Rock-Orchester aus Moskau, sind für mich ein heiß ersehnter Gast an diesem Wochenende, da ich 2017 leider die Chance verpasst habe, ihren Auftritt zu sehen. Die atmosphärischen Kompositionen, in denen nicht zu selten das Universum thematisiert wird, haben es mir vor langer Zeit angetan und mich von ihrer Live-Qualität überzeugen zu können, stand bisher sehr weit oben auf meiner Prioritätenliste. Mooncake erweisen sich für mich jedoch als die große Enttäuschung dieses Festivals. Schon sehr bald nach ihrem Beginn hat Cellist Nikolay technische Probleme, durch die der Ton seines E-Cellos immer wieder aussetzt. Er kann die Ursache der Störung nicht ausfindig machen, rüttelt an seinem Kabel, seinem Monitoring, schüttelt den Kopf, stapft über die Bühne. Ich kann das Konzert nicht genießen, eine solche Unruhe bringt er hinein. Ich wünsche mir, dass die Band einfach kurz das Konzert unterbricht, um herauszufinden, worin das Problem besteht und nach dessen Behebung perfekt weiterzuspielen, doch mein Wunsch wird nicht erhört. Ich kann mich leider aus diesem Grunde gar nicht auf die Schönheit ihrer Musik konzentrieren, schaffe es aber auch nicht darüber hinwegzusehen und zu hören. Sehr, sehr schade.

Mooncake | (c) Lara Void
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Um 23 Uhr dann folgt der Headliner und bereits im Vorjahr habe ich mich gefragt, wie Timo Helmers es geschafft hat, eine großartige und große Band wie diese zu buchen. Damals waren es die Australier von sleepmakeswaves. Heute ist es nicht nur ein Headliner, sondern mein Headliner. Die Band, für die ich nahezu überall hinreise und alles stehen und liegen lasse: Caspian.

Die Musiker aus Beverly, Massachusetts sind den ganzen Weg nach Norwegen gereist, um ausschließlich diesen einen Auftritt zu spielen. Und obwohl ich schon viele Auftritte gesehen habe, war noch keiner dabei, der diese Qualität, der so viel aggressives Potential besessen hat. „Arcs of Command“, „Malacoda“, „The Raven“ – sie hauen praktisch alle kraftvollen Songs raus, die sie im Repertoire haben. Nicht umsonst also hat Gitarrist Erin zuvor zu mir gesagt, er wisse nicht, ob die Technik genug Power für sie hätte. Sie hat definitiv genug Power und das Aladdin, die Anlage, die Tontechniker beweisen einmal mehr, wie gut sie ausgestattet sind. Die Besucher stehen so dicht wie nur möglich am sehr niedrigen Bühnenrand – ein Umstand, den ich mir bei mehr Auftritten gewünscht hätte – und moshen sich den Arsch ab, Haare und Schweißtropfen fliegen hin und her, es ist zu perfekt. Leider haben Caspian wie auch schon die vergangenen Headliner keine Visuals anzubieten. Ich bin mir unschlüssig, ob und wenn ja, welche Visuals für Caspian angemessen wären, aber allein aus Prinzip für das Konzept des Festivals finde ich es schade, wenn eine Band aus dem Rahmen fällt.

Und so beenden Caspian das VIVID 2018 mit einem Feuerwerk aus Post-Rock, das die Besucher jubeln lässt. Einige fallen sich in die Arme, Tränen fließen sowieso. Während die Jungs auf der Bühne abbauen und aufräumen, trage ich gemeinsam mit einigen anderen Besuchern Timo Helmers auf den Händen durch den Saal. Wer hätte es schon mehr verdienen können als er?

Caspian | (c) Lara Void
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Der offizielle Teil des Festivals ist somit beendet. Nachdem sich alle Seelen gesammelt haben, gehen wir weiter zur Aftershowparty im Vaktbua und dort bin ich erneut erstaunt darüber, wie viele Menschen sich gleichzeitig darin befinden können. Tanzende Körper organisieren sich offensichtlich besser als stehende. In Erinnerung an eine schöne Begebenheit auf der letztjährigen Aftershowparty, die hier nicht weiter erläutert werden soll, hören wir „Milkshake“ von Kelis, das man gut und gern als VIVID-Partyhymne bezeichnen kann. Die Zeit vergeht wie immer wie im Fluge und um etwa halb drei Uhr nachts wird die Party beendet und das Vaktbua geschlossen. Auf dem Weg durch die Innenstadt fällt mir erst auf, wie viel des Nachtlebens sich auf den Straßen abspielt. In der Fußgängerzone befinden sich einige Food Trucks, an denen es Speisen wie Kumpir gibt und zusammen mit der Meute kehre ich im Deli de Luca ein, in dem es ein endloses Angebot an Snacks gibt. Perfekt für eine alkoholgetränkte Nacht.

Ich mag mich nicht lösen, aber ich muss in zwei Stunden aufstehen, um die Fähre zu bekommen, also verabschiede ich mich von den Freunden, die ich hoffentlich sehr bald auf dem nächsten Festival wiedersehen werde.

Dieses VIVID war unbeschreiblich schön. Nicht zuletzt der Bands wegen, die wieder einmal ganz bezaubernd waren, sondern auch, weil Timo Helmers und seine vielen (freiwilligen) Helfer es schaffen, eine warme und familiäre Atmosphäre zu erschaffen, in der sich Fans sowie Musiker gleichermaßen wohlfühlen. Ich kann nicht einschätzen, wie viele Besucher in diesem Jahr dort waren, es könnten aber mehr gewesen sein als im Vorjahr.

Ich denke, das VIVID hat sich gut in der europäischen Post-Rock-Festivalszene etabliert. Es kommen in jedem Jahr neue Besucher und der feste, innere Kern, den man überall trifft, bleibt Kristiansand treu.

All den jenigen, die die Reise nach Norwegen noch nicht gewagt haben, möchte ich das VIVID wirklich wärmstens ans Herz legen. Ihr werdet es nicht bereuen.

Ich freue mich sehr aufs nächste Jahr und die vielen Überraschungen, die das VIVID bereithält!

Titelbild: Mooncake | (c) Lara Void

Countdown zum VIVID. a post_rock festival in Kristiansand (NO) 2018

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