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Am Freitag den 25.09.2015 um 18 Uhr öffnete das „Aladdin senter for film, litteratur, musikk og scenekunst“ in Kristiansand, Norwegen erstmals seine Pforten für das VIVID Post Rock Festival.

Das Festival feierte sein Debüt mit neun Bands aus allen Bereichen des Post-Rock und einer Ausstellung regionaler Künstler, die die Musik dieser Bands in ihre Arbeiten haben einfließen lassen.

Die Veranstalter des Festivals sind der in Kristiansand lebende Deutsche Timo Helmers und seine norwegische Freundin Idunn.

Das Konzept für dieses Festival war klar auf eine Verbindung zwischen Musik und Bildkunst ausgelegt, sodass als Veranstaltungsort naheliegenderweise ein altes Kino ausgewählt wurde. Neben der Kollaboration mit norwegischen Künstlern, wurde den Bands die Möglichkeit gegeben, während ihrer Auftritte eigens kreierte Diashows oder Filmelemente auf der Leinwand abzuspielen. Doch beginnen wir am Anfang.

Freitag, kurz nach 18 Uhr in der Innenstadt von Kristiansand.

Im Eingangsbereich des „Aladdin“ wurde eine Kasse aufgebaut, an der wir von fröhlichen Helfern empfangen wurden und unsere Papierbändchen für die zwei Festivalabende bekamen. Der Vorraum des Kinos war ausgestattet mit einigen Sitzgelegenheiten in Form alter Sofas und Sessel, dazu alte Couchtische und Stehlampen. Es war warm und rustikal. Neben der Bar, an der die Getränke verkauft wurden, stand der Verkaufstisch für warme und kalte Speisen sowie Kaffee und Tee. Die Auswahl war klein, doch nicht zu simpel. Es gab Minestrone mit Brot oder Nudeln, kleine Wraps mit Tomate-Mozzarella- oder Lachs-Frischkäsefüllung und Kuchen. In einer Ecke des Raumes wurde der Merchandisestand aufgebaut, während alle freiwilligen Helfer und die nach und nach eintrudelnden Besucher eine bunte Mischung aus Norwegisch, Englisch und Deutsch sprachen.

Timo fand die Zeit, um uns persönlich zu begrüßen, da wir schon im Vorfeld viel Kontakt mit einander hatten, und wir vertrieben uns die Zeit bis zur ersten Band mit einem Gang durch die kleine Galerie der Bilder, die die Künstler für dieses Festival angefertigt hatten. Es fanden sich ein mit Bleistift gezeichnetes Portrait einer alten Frau, eine surreale nackte Frauenfigur und eine kleine Installation aus einer Lautsprecherbox mit einem Display im Inneren, das verschiedene Fotos aus dem Bereich der Musikproduktion zeigte, unter den Bildern wieder.

Um 19:20 Uhr begann die erste Band ihren Auftritt im Kinosaal, aus dem zwar alle Sitzreihen ausgebaut worden waren, das Publikum sich dennoch auf die Stufen setzte, was eine sehr heimelige und gemütliche Atmosphäre vermittelte.

Die erste Band, 6LA8, ist ein Experimental-Ambientprojekt zweier Musiker aus Pakistan.

Leider war es einem der beiden Musiker nicht möglich, ein Studentenvisum zu bekommen, weswegen ein Bekannter des aktuell in Deutschland studierenden zweiten Musikers Omer Asim einsprang, um Keyboard und Synthies zu übernehmen. Es war der erste Auftritt von 6LA8 und trotz der erheblichen organisatorischen Schwierigkeiten – Omer und sein Kollege Christian hatten nur wenige Tage Zeit, um ein gemeinsames Set einzustudieren – legten die beiden Musiker ein bewegendes Debüt hin, untermalt durch eine Leinwandpräsentation aus Farbenspielen und astronomischen Aufnahmen. Der Grund, aus dem 6LA8 zum Festival eingeladen wurden, war der Plan des Veranstalterteams, Musikern aus Entwicklungsländern oder Ländern mit schwierigen politischen Situationen eine Bühne zu bieten.

Das straffe Programm wurde nach einer kurzen Pause von der schwedischen Band Oh Hiroshima weitergeführt, die vielleicht die farbenfrohste, wenngleich nicht einfallsreichste Leinwandpräsentation hatte.

Es reihten sich viele Bilder von Sternenhimmeln und planetarischen Nebeln – größtenteils wohl Hubble-Teleskopfotos – an einander, die das Publikum in der Musik aufgehen ließen und eine verträumte und atemberaubend schöne Atmosphäre schafften.

Zwischen den einzelnen Acts trafen sich die Gäste für gewöhnlich im Vorraum an der Bar, oder aber vor der Tür, um zu rauchen und sich auszutauschen. Auch die Musiker waren hier in der Regel anzutreffen (man munkelt, es hätte absichtlich im Backstage-Bereich kein Bier gegeben, damit sie sich unter das Publikum mischen müssten) und man hatte die Chance, ein paar Worte mit ihnen zu wechseln.

Als dritter Act an diesem ersten Abend spielte die norwegische Band 1099, wobei sich die meisten nichtnorwegischen Gäste auch nach mehrmaligem Wiederholen der norwegischen Aussprache den Bandnamen nicht merken konnten.

Der Hintergrund blieb dieses Mal dezent, während die Musiker durch den Live-Einsatz einer Violine überzeugten, die wahlweise adrett mit dem Bogen oder effektvoll wie eine Gitarre gespielt wurde.

Die Headliner des Abends, die von uns sehnsüchtig erwartet wurden, waren Spurv, die in diesem Jahr ihr erstes Langspielalbum veröffentlicht haben.

In ihrer skandinavisch düsteren Manier gaben die Musiker aus Oslo ihre alten und neuen Stücke zum Besten, begleitet durch die Violinistin Synøve Knudsen, die die Band bei Auftritten unterstützt. Als einzige Band dieses Festivals, die beinahe nur aus langhaarigen Männern bestand, ließen Spurv die Besucher spüren, dass ihre Wurzeln mehr im Metal als im Post Rock liegen. Es sei jedem Fan der skandinavischen Klänge wärmstens empfohlen, sich diese Band live anzusehen, wenn die Möglichkeit dazu besteht.

Spurv beendeten diesen ersten Abend mit ihrem Auftritt und man fand sich wieder im Vorraum des „Aladdin“ ein, um eine kleine Aftershow-Party zu feiern. Ein DJ-Pult war aufgebaut und der Abend klang mit Indie und Elektromusik aus.

Am Samstag begann das Programm schon um 15 Uhr mit einem Tee-Gathering, zu dem alle Besucher, Musiker oder Künstler erscheinen konnten.

Es gab Tee und Kekse gratis und man setzte sich zusammen, um über dieses und jenes zu plaudern. Da das Wetter an diesem Tag besonders schön gewesen ist, war es fast ein wenig schade, dass man nicht draußen in der Sonne sitzen konnte. Aber dafür traf man sich vielleicht einmal mehr auf eine Zigarette vor der Tür.

Das Bühnenprogramm startete an diesem Tag mit Watered aus Karlsruhe, die sich zur härteren Hälfte des gesamten Lineups hinzuzählen lassen können. Düster, doomig und groovy spielten die vier Jungs ihr Set zu einer Darbietung aus kaleidoskopartigen Waldszenerien.

Die Post-Rock/Indie-Künstler All Shall Be Well (AASBWAAMOTSBW) aus Haarlem in den Niederlanden verführten Augen und Ohren der Besucher mit ihrer verträumten Musik sowie einer sehr liebevoll gestalteten Leinwandpräsentation.

Zu jedem Stück wurde der Titel eingeblendet wie in einem Musikvideo, wonach verschiedenste Diashows, untermalt durch die dem jeweiligen Album entsprechenden Farben (Roodblauw = rotblau, Blauwgeel = blaugelb), abgespielt wurden. Etwas makaber wurde die Präsentation zum Ende hin, als ein Cartoon von Mickey Mouse dargeboten wurde. In diesem arbeitet Mickey als Hot Dog-Verkäufer und möchte die Kundin Minnie beeindrucken. Ein tanzendes Hot Dog-Würstchen hüpft also fröhlich in ein Brötchen und deckt sich mit jenem zu, ohne zu ahnen, dass es gleich verspeist werden soll. Als es sich seiner brenzligen Situation gewahr wird, versucht es, zu entkommen, doch Mickey greift es und versohlt dem armen Würstchen, das doch nur nicht lebendig verspeist werden möchte, den Hintern. Doch ganz im Gegensatz zu diesem verstörenden Einspieler war der Auftritt von All Shall Be Well eine tolle Erfahrung, vor allem im Kontrast zu Watered, die weniger farbenfroh und fröhlich wirkten.

Die Norweger von Caves of Steel, die die Mitte des Abendprogramms bildeten, lockten die Besucher, deren Zahl unterdessen stark angestiegen war, von ihren Sitzplätzen zur Bühne.

„Unser Drummer will euch ganz nah bei sich haben!“ – und als nächstes stand Drummer Gaute Johansen von seinem Platz am Schlagzeug auf und vollzog eine sehr kurze, jedoch aber spaßige Stagediving-Einlage mit den Besuchern, die sich tatsächlich erhoben und vor die Bühne gestellt hatten. Damit wurden Caves of Steel zumindest für mich persönlich zu den Headlinern der Herzen.

Als die eigentlichen Headliner des Festivals werden allerdings geplantermaßen The Seven Mile Journey und Tides from Nebula gelten können, die dem Festival einen bombastischen Ausklang bescherten.

Erstere gaben einen kraftvollen Auftritt zum Besten, der das Publikum beinahe in Trance versetzte. Ich erinnere mich nicht mehr daran, wie viele Stücke sie tatsächlich gespielt haben, aber vermutlich waren es nicht mehr als drei. Zuletzt wurde die Gitarre etwa zehn Minuten lang mit einem Drumstick gespielt – eine epische Darbietung, die ich so noch nicht gesehen habe. Das einzige Manko war leider, dass den Musikern die Lautstärke ihrer Monitor-Lautsprecher wohl nicht gefallen hat und sie leider recht häufig zu den Tontechnikern hin gestikulierten. Musikalisch hat es sich jedoch nicht negativ auf den Auftritt ausgewirkt.

Tides from Nebula haben zum Schluss dann fast alle Besucher dazu bekommen, aufzustehen und sich unmittelbar vor der Bühne zu postieren.

In der ersten Reihe flogen dezent die Haare der Besucher und nur durch Zufall, indem ich einmal kurz die Augen öffnete, bekam ich mit, dass Gitarrist Adam Waleszynski die Bühne verlassen hatte, um innerhalb der Menschenmenge weiterzuspielen. Nach jedem Song bedankte er sich ausgelassen bei allen Besuchern und hielt zum Schluss noch eine kleine Ansprache, in der er den Veranstaltern, Helfern, Besuchern und allen Bands dankte.

Somit fand die erste Ausgabe des VIVID ihr offizielles Ende und hinterließ einen glücklichen und zufriedenen Ausdruck auf den Gesichtern aller Beteiligten. Auch an diesem Abend gab es eine Aftershow-Party mit einem weiblichen DJ. Ein paar Besucherinnen tanzten, die letzten Biere wurden ausgetrunken und die Musiker verließen nach und nach das „Aladdin“.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass das VIVID einen tollen Start hingelegt hat.

Von der Freundlichkeit des Teams über das Angebot an Speisen und Getränken bis hin zur Location und dem Sound war alles makellos – die norwegischen Preise hin oder her. Man spürte in jedem Moment, mit wie viel Liebe und Freude das Festival organisiert wurde und dass es nicht auf Gewinn ausgelegt ist, sondern in erster Linie darauf, die Kunde des Post Rock zu verbreiten und internationalen kleinen Bands eine Bühne zu bieten. Die Musiker spielten unentgeltlich, die Veranstalter übernahmen durch diverse Förderungen die Unterbringung im nahegelegenen Hotel und die Überfahrten mit der Fähre wurden für die Bands durch die ColorLine Fährgesellschaft übernommen. Ein solches Engagement muss in jedem Fall gewürdigt werden und Timo, Idunn und alle Helfer haben das höchste Lob definitiv verdient.

Ob das VIVID ein weiteres Mal im nächsten Jahr stattfinden wird, ist derzeit noch unklar. Ich finde jedoch, dass man es in jedem Fall unterstützen sollte.

Weitere Informationen über die Organisation und die Schwierigkeiten des Festivals könnt ihr im Interview mit Timo Helmers nachlesen. Fotos gibt es hier und auf unserer FB Seite zu sehen.

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