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Ganz schön knifflige Aufgabe: wie kann ein Album vorgestellt werden, das in den letzten Tagen einen positiven Shitstorm (wie könnte so was heißen? Vielleicht „Goldblizzard“?) erfuhr und derzeit „überall“ rezensiert wird, weil es ein paar Wochen vor Erscheinen geleakt wurde und von einer Künstlerin stammt, die mehr als jede andere für die Modernisierung der Popmusik steht?

Fangen wir mal mit etwas Rumgegonzoe an:

Vor anderthalb Jahren spazierten ein Freund und ich durch isländische Berge. Es war wunderschön: neben dem Bewundern von geotherarmalen Quellen, in denen kochende Lava blubberte, stand das Baden in einem von dichten Nebelbänken umgarnten Fluss an. Die Lufttemperatur betrug sechs, die Wassertemperatur hingegen fünfunddreissig Grad. Anschliessend gerieten wir in einen starken Regensturm. Bis auf die Knochen durchnässt suchten wir Zuflucht in einem Restaurant-Café, was ungefähr so aussah wie eine amerikanische Highway-Bar im Jahr 1963. Erst war ich durch Nachdenken abgelenkt, da der gute Bekannte mir gerade erklärt hatte, deutsche Touristen in Island seien daran zu erkennen, dass sie Kleidung mit dem Fussabdruck eines Raubtieres tragen. Heute ging mir durch den Kopf: „Wenn Deutsche im anderen Ländern durch Trekking-Klamotten auffallen, dann ist das ja wohl bedeutend besser, als wenn sie zum Beispiel durch das Hassen von Flüchtlingen Aufmerksamkeit erregen.“

Wie dem auch sei: bei wärmendem Tee und Kuchen betrachteten wir einige umherliegende Zeitschriften. Auf einer davon war oben links eine Dame abgebildet, die mir bekannt vorkam: es handelte sich um Björk. Zwischen allerlei isländischen Celebrities (von denen ich niemanden kannte, was nicht sehr schlimm zu sein schien, denn sie sahen fast genau so aus wie die Titelblatt-Vollmach-Personen aus hiesigen Gefilden) stach sie deutlich hervor. Mein Freund sagte, die Schlagzeile lautet, dass Björk und ihr Lebenspartner Matthey Barney sich getrennt haben.

Das fand ich einen Moment lang ein bisschen erschütternd, vergass es bald aber wieder. Eigenartig war das spätere Fehlen von grösseren Spuren in den Nachrichten – selbst von Musikblättern. Die Weltkugel drehte sich trotz diesem Ereignis weiter.

Irgendwann in der zweiten Jahreshälfte 2014 gab Björk bekannt, ihr neues Album werde „Vulnicura“ heissen. Die Zusammenarbeit mit Arca (bekannt aus Funk und Fernsehen und der Produktion von Kayne West & FKA Twigs) wurde ein bisschen zu schnell hochstilisiert. So war zu lesen, er sei der Produzent des Albums, was BJÖRK in Interviews dementierte und – gerade brandaktuell – Diskussionen über Sexismus und die Rolle der Frau im Musikbusiness losgetreten hat. Das lässt sich nachlesen im amerikanischen Magazin Pitchfork und in der inzwischen in Berlin ansässigen Spex.

Kommt auch was über die Musik?
Aber ja doch.
Gleich ist es so weit.

Wären wir bei der Regenbogen-Presse, würde hier vielleicht „Das Album zur Trennung“ stehen. Wird aber nicht so sein – schliesslich haben wir nicht nur einen guten Geschmack, sondern auch Manieren. Deshalb steht hier was Anderes. Auch wenn BJÖRK „Vulnicura“ als „Complete Heartbreak Album“ bezeichnet hat. Sie darf das, es ist ja schießlich IHR Album.

Nach dem grossen und musealen „Bibliophila'“ mit schwer zu transportierenden, eigens für das Projekt gebauten Instrumenten und einem naturwissenschaftlichen Anspruch steht dieses Mal eindeutig die Person BJÖRK wieder mehr im Mittelpunkt. Das Ganze erinnert ein wenig an „Vespertine“, bei dem die Künstlerin mehr als zuvor persönlich und intim wirkte, nachdem es in ihrer kriselte, namentlich weil sie von Regie-Gott Lars von Trier während der Dreharbeiten zu „Dancer in the dark“ psychisch gequält wurde (um das mal etwas salopp in einem Satz zusammenzufassen). Auch das Gekratze und Geknistere in den Songs erinnert an das vierte Album, während Streicher, Elektronik-Loops und Anthony Hegarty ein Kabinett an schönen Sounds kreieren. Ich weiss nicht, wie gross letztendlich der Einfluss von Arca war: die Produktion als Gesamtbild ist toll, da sie eine gelungene Balance zwischeen der Präsenz von BJÖRK und ihrer – bildlich gesprochenen – Kathedralen erzeugenden, nach wie vor äusserst eigentümlichen Stimme mit interesssantem Slang, zwischen teilweise derber (insbesondere im zehnminütigen „Black Lake“ und manchmal zarter Elektronik sowie natürlich den Streichinstrumenten findet. Björk erwähnte in Interviews, Arrangements von Streichern schreiben sei für sie eine gute Ablenkung und Aufgabe nach der Trennung von MB gewesen. So toll wie „Vulnicura“ klang die Musik der Isländerin vielleicht seit „Homogenic“ nicht mehr., welches mein Lieblingsalbum von ihr ist, da es ganz klar von ihrer Person getragen wird, während es gleichzeit stylish und künstlich wirkt. Trotz des Einbringen der Privatspähre ist Letzteres auch wenigstens teilweise auf „Vulnicura“ so.

Neu ist die Arrangierung der neun Songs als Tryptichon: behandelt werden die Zeiten vor, während und nach der Beziehung, sowie die Thematisierung von Wut, Hoffnung, Trauer, Aufgabe und Wiedergeburt (natürlich nicht im religiösen Sinne). Insbesondere der Mittelteil wirkt wie eine Umsetzung des geöffneten Körpers vom BJÖRK-Bild auf dem aktuellen Plattencover: hier schlägt das verletzliche Herz, hier passiert’s, hier schmerzt es am meisten: „My shield is gone, my protection is taken, I am one wound.“

Auch Zeilen wie „The history of touches, every single archive compressed into a second“ sowie BJÖRK’s Klage über den Zerfall und Tod ihrer geliebten Familie erzeugen Gänsehaut. Die Worte sind nicht kompliziert gewählt und einfach zu verstehen, sie sind weit weniger komplex als die Musik, wobei Worte und Musik einen interessanten Spagat beim Hören auslösen, da sowohl Gefühle wie auch Gedanken direkt und deutlich angesprochen werden.

Bisher wurden BJÖRK-Veröffentlichungen fast immer im Vorfeld mit etlichen Nebenschauplätzen wie Ausstellungen, APPs und massiver Werbung unterstützt. Natürlich ist es keine schöne Sache, wenn das Album ohne Wissen und Wunsch von BJÖRK viel zu früh zu hören war, aber vielleicht ist es ganz gut, wenn sich das Album ohne Tamtam im Vorfeld pur präsentiert. Gerade bei den letzten Alben „Volta“ und „Bibliophila“ gab es in dieser Richtung ganz schön was auf Augen und Ohren. Allerdings sind das zwei Alben, die thematisch sehr interessant sind und mit Sicherheit viel mit der Künstlerin, aber nicht unbedingt so viel mit der Person BJÖRK zu tun hatten, während auf „Vulnicura“ (siehe „Vespertine“) ihr Innenleben erfahrbar wird.

Deswegen (und auch wegen der Musik) ist das Album nicht leicht „nebenbei“ zu hören, und dient schon mal gar nicht zur Raumverschönerung, was bei „Debut“ auf jeden Fall und bei „Post“ und „Homogenic“ noch teilweise funktionierte – wenn jemand das so wollte.

Am besten lässt sich „Vulnicura“ alleine, mit Kopfhörern, auf einem schönen, spartanischen, aber nicht unbequemen Holzstuhl anhören.
Der kann zum Beispiel auf einer Waldlichtung oder in einem grossen, leeren, weissen Raum eines Museums stehen.
Funktioniert beides gut.

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