Spinnup_DuWillst

Eine sackdustere Blues-Messe – kein Album für frohe Gemüter.

LP kaufen Vö: 26.01.2018 Noisolution

Noch bevor ich auch nur einen Takt des neuen Brother Grimm Albums gehört habe, fallen mir zwei Dinge auf: Zum einem ist der Albumtitel eine Reminiszenz an die Ramones, zum anderen erinnert mich das Cover stark an das von Nick Caves „The Boatman’s Call“. Beides mag ich schrecklich gerne, weshalb hier schon erste Pluspunkte gesammelt werden, obwohl die Nadel die Platte noch nicht mal berührt hat. Allerdings geht es hier natürlich um Musik und zu der will ich ein paar Worte vorwegschicken. Man muss kein Synästhetiker sein um die dominierende Farbe des Albums zu erkennen: schwarz. Das ganze Teil ist derart finster und schwermütig, dass es einem mehr als nur einmal regelrecht bang wird. Allerdings ist diese Erfahrung so intensiv und emotional, dass man förmlich Freude daran findet. Zudem sei hiermit zum Genuss des Albums der Einsatz guter Kopfhörer dringlich empfohlen.

„A Letter To Bob“ beginnt mit gruseligen Synthesizertönen, dazu erklingen düstere Gitarrenakkorde. Die Stimmung schreit Verdammung, was durch die klare, bluesige Predigerstimme von Brother Grimm noch direkt unterstrichen wird. Alles wird zunehmend dichter, breiter und undurchdringlicher. Eine geisterhafte Blues Harp bahnt sich den Weg durch das dustere Gestrüpp und erzeugt pure Gänsehaut. Man erwartet bis zum Schluss auf eine Auf- bzw. Erlösung, die natürlich nicht kommt. Etwas aufrüttelnder und rhythmischer kommt „Sharp’s The World“ daher und entblößt tiefe, kratzige Bluesgitarren, die nach defekten Lautsprechern klingen. Das Stück geht ganz gut voran und erinnert an einen modernen Westernsoundtrack. Nicht sehr positiv, aber voller Melodien und zum Ende hin immer derber und zerrütteter mündet alles in „The Black Lodge“, dem einzigen Instrumentaltrack des Albums. Verunglückte Streicher, feedbacks und flirrende, fiepende Elektrospreißel vermengen sich mit schiefen Gitarrentönen. Zwischendurch formen die Töne ein kaum erkennbares Riff und schaffen damit eine herrlich kakophonische und tatsächlich etwas beängstigende Klangkulisse.

Das gespenstische „Echoes“ lebt eine Weile nur von stehenden, unheimlichen Synth-Tönen über denen die drohende Stimme Brother Grimms thront, die nach und nach kräftiger und klagender wird. Es gesellen sich Bläserarrangements dazu, die dem Szenario den Charakter einer Beerdigung verleihen. Ich meine, dass dem Brother Grimm die neueren Werke eines gewissen Tom Waits alles andere als fremd sind. „Aloha“ hat überhaupt gar nix mit hawaiianischem Südseefeeling zu tun, sondern eher mit apokalyptischer Endzeitstimmung. Schiefe Gitarren, die düstere Stimme, rhythmisches Schlagwerk, Soundfetzenfeedback, schräge Sax-Improvisationen und ein pumpendes, stoisches Riff gehen fast bis an die Schmerzgrenze. Das ist ganz große Kunst! „Born Under Punches“ ist nicht weniger sinister, aber wieder etwas mehr songorientiert. Rasselnde Kettenrhythmen und brutzelnde, tief akzentuierte Gitarren und Sklavengesänge erzeugen zum ersten Mal einen wütenden, aber dennoch etwas hoffnungsvollen Eindruck.

„…Still Afraid Of Germany“ schlägt vorerst sanfte, melodische Töne an. Schräge Zerrsounds im Hintergrund deuten an, dass hier die Intensität noch gesteigert werden wird. Eine kratzige Bluesgitarre steigert sich Stück für Stück ins nahezu unermessliche, bis mehr oder weniger plötzlich eine sanfte unverzerrte Gitarre versöhnliche Töne anschlägt und auch der Gesang wesentlich harmonischer wird. Der Sound erinnert mich ein wenig an Brother/Ghost. Das Grande Finale, der Titeltrack, ist auch von eher ruhiger Natur, die Stimme ist klagend wie nie, seltsame Töne sorgen für die zum Album passende Dissonanz, verschiedene Stränge laufen zu einem großen Ganzen zusammen. Dann setzt Stille ein. Ein leichtes Brummen und kratzen erhebt sich langsam aus dem Nichts und schwillt zu einer herzzerreißenden Interpretation von Bowies „Heroes“ an. Absoluter Wahnsinn! Brother Grimm ist auf jeden Fall die bisher heißeste Neuentdeckungen des noch jungen Jahres.

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