Spinnup_DuWillst

Höchst tanzbares Genre-Gulasch mit progressivem Rock-Touch.

LP kaufen Vö: 02.02.2018 Eat The Beat Music

Das Jahr ist erst ein paar Tage alt, hat aber schon den ersten garantierten Kandidaten für die Jahresbestenlisten parat: Capitano. Ein Gemisch aus Studio54-Disco, 70s-Prog und Schweinerock mit eimerweise Glitter und Glam, das mit einer wahnwitzigen Energie vorgetragen wird, die vom ersten bis zum letzten Track ungebrochen bleibt. Hört auf mich, das ist das nächste große Ding!

Aber von vorne. Hinter Capitano steckt der Norwego-Kanadier John Who!? nebst Band, der sich auf dem Cover des schlicht mit „Hi!“ betitelten Albums freizügig und mit einer tuffigen Federmaske vor einem quietschgelbem Hintergrund zeigt. Glaub es, oder nicht, das Coverbild passt zur Musik wie die bekannte Faust aufs Auge. Bereits die ersten klänge des Openers „Good Times (For Bad Habits)“ entfesseln grobe Energie. Pumpender Bass, schräge, funkige Gitarren und die recht hohe Stimme Who!?s formen ein danciges Glam-Rock Gerüst. Es passiert fast zu viel um alles direkt erfassen zu können. Fiebrige Melodien, derbe Drums, irgendetwas das klingt wie ein Bläsersatz feuern die Nummer hoch, bis am Ende der Schweinerockriffs um ein frickeliges Basssolo wüten und der Gesang in manischem Falsetto mündet. Genauso schräg, aber völlig anders schließt „Gypsy On A Leash“ an. Akustikgitarren mit Synths, die herrlich schräge Töne erzeugen, Handclaps und das alles im schnellen Tango-Gewand. Santa Esmeralda meets Gypsy Kings meets Nervenheilanstalt. Den Vogel schießt das ultracoole Gitarrensolo gegen Ende des Tracks ab. Bam!

„Dive“ kommt mit hiphoppigen Grooves und Kinderchor, melodiös und irrsinnig. Man stellt sich den bärtigen Frontmann mit seinem lasziven Geträller vor, wie er sich im Studio räkelt. Hier wird zudem vermehrt mit Elektrosounds gearbeitet, die sich mit geilen 70s-Rock-Riffs paaren und etwas Ähnliches wie Elektropunk erzeugen. Nach einem Solo, das dem von „Killing In The Name“ nicht ganz unähnlich ist, kommt der Kinderchor zurück, der allerdings plötzlich irgendwie entrückt klingt. Das grandiose „Get Naked“ wurde mit keinem geringeren als Troy Sanders (Mastodon) eingespielt, der sich bereits als Fan von Capitano geoutet hat und hier zusätzlich Gesang beisteuert. Hier herrschen satte Funkrockgitarren hinter einer gepfiffenen Leadspur. Vertrackte Rhythmen und Prog-Riffs machen das Ding zu einem der anspruchsvollsten Songs auf dem Album. „None The Less“ täuscht mit gepickter Flamenco-Gitarre und sanftem Gesang an, nur um dann mit der Hochdruck-Glam-Sense wieder alles niederzumähen. Die krassen Chöre sorgen für zusätzlichen Druck und machen das Stück zunehmend fetter und ausladender.

Ruhepause? Nope. „My Bad“ geht wieder direkt auf die Zwölf. Ein wild groovendes Elektro/Bassriff, Falsetthintergrundchöre und unzählige, versteckte Melodien. Eine gewisse Punkattitüde wird durch den lautstark in der Gegend herum brüllenden Discokönig deutlich, der klingt als würde er jemanden zusammenscheißen. Ganz großes Kino! „Sum Of Things“ ist eine Ballade bzw. das, was Capitano wohl unter einer solchen verstehen. Dramatisches, fast schon vorsichtiges Gitarrengeklimper und diese superlaszive Stimme. Erinnerungen an Mansons glorreiche Glamphase zu Zeiten „Mechanical Animals“ werden wach, da die Stimmung hier ähnlich drogenverhangen wirkt. Bevor es zu ruhig wird, werden auch wieder proggige Töne eingestreut und es wird rockiger und dichter, allerdings ohne die Stimmung zu zerstören.

Für „Superhybolic“ könnte Mike Patton Pate gestanden haben, das Stück ist ähnlich verrückt wie seine Arbeit in seinen einschlägigen Irrsinnsbands. Der Beat ist zwar moderner, aber die Funkorgel ist ganz klar in den 1970er Jahren verwurzelt. Nach einem ruhigen, verschlagenen Part, kommt natürlich wieder der zu erwartende Ausbruch. Das abschließende „Someone Like You“ klingt wie eine Mischung aus Pianobar und Zirkusvorstellung und hat mitunter beateleske Züge. Obwohl tanzbar, verschwitzt und hoch melodiös, macht es doch den Anschein, als hätte man es mit einem sehr ersten Stück zu tun.
Nun. Da ist in kurzer Zeit eine ganze Menge passiert, das muss ich jetzt erst mal verdauen.

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