Daniel Snaith hat einen Doktortitel in Mathematik. Man kennt ihn allerdings eher unter seinem Pseudonym Caribou, unter dem er seit einigen Jahren recht erfolgreich auftritt. Der bebrillte Mathe-Nerd an den Reglern also, der verkopfte Tracks zusammenschraubt, die das Gegenteil von tanzbar sind?

Jain. „Our Love“ ist der Nachfolger zum frenetisch gefeierten „Swim“, dem Album, das für viele zum Soundtrack des Sommers 2010 wurde. Ein Album, das von Pitchfork in die Liste der besten Alben des Jahrzehnts aufgenommen wurde. Diese Meinung muss man nicht teilen, allerdings zeigt dies, dass der Erwartungsdruck, der dem Nachfolgewerk entgegengebracht wurde, immens gewesen sein muss.

Nun ist es soweit, „Our Love“ steht seit einigen Wochen in den Plattenläden. Was hat sich getan seit den flirrenden, eklektischen Soundcollagen von „Swim“? Kann man an so ein Werk anknüpfen, es womöglich sogar noch toppen?

Zunächst fällt eines auf: Der Sound ist immer noch vielschichtig, die Songs selbst jedoch deutlich geradliniger. Der gefällige, vorab veröffentlichte Opener „Can’t do without you“ ist definitiv ein Ohrwurm. Für einen richtigen „Hit“ fehlt vielleicht ein bisschen Abwechslung, aber die Hook ist so gut, dass sie ruhig auf knapp 4 Minuten ausgewalzt werden darf. Der Track steht programmatisch für die Richtung des gesamten Albums: Straighter, tanzbarer, clubtauglicher.

Das hypnotische „Silver“ schickt den Hörer auf einen schillernden Trip mit einem Soundtrack irgendwo zwischen Rave, Trip-Hop und Dreampop. Gegen Ende geht der Song völlig in sich auf und entfaltet einen magischen Sog, getrieben von den Synthesizern, die sich immer weiter aufzuschaukeln scheinen. Das trifft ins Mark und macht Hoffnung auf den Rest des Albums. Dieser kann dann leider mit dem großartigen Einstieg nicht mehr ganz mithalten.“All I Ever Need“ ist eine solide Clubnummer, die jedoch zu wenig Abwechslung bietet. Ganz nett, aber nicht wirklich nötig.

Der Titeltrack wird langsam aufgebaut – und entpuppt sich schließlich als vierschrötiger 4-to-the-Floor-Geselle, der lediglich unter dem Deckmantel des Intellektuellen agiert. Spätestens hier wird dann die Ausrichtung des neuen Caribou-Sounds auf die Clubs auch dem Letzten klar. Zugegeben: Das macht ziemlich Spaß. Diese Disziplin hat Snaith auch ziemlich drauf. Ist ja auch nicht so, als hätte „Swim“ damit nun gar nichts zu tun gehabt, außerdem legt Snaith selbst seit Jahren vor allem auf.

Beim Beginn von „Second Chance“ fragt man sich aber dann doch, ob das wirklich ernst gemeint ist. Fette Synthesizer-Wände mit Gesang, der an Vocal House der übelsten Sorte erinnert – ist das wirklich noch Caribou? Nun ja, natürlich, irgendwie schon. Der cheesy House-Sound wird an einigen Stellen gebrochen, und der Akkordwechsel zum Refrain ist schön schräg. Leider rettet das den Song trotzdem nicht.

„Julia Brightly“ und „Mars“ plätschern so vor sich hin, skizzenhaft; Musikstücke, aber keine Songs. Beide lassen sich auf zwei bis drei musikalische Ideen reduzieren, die gut sind, aber wie nicht zuende gedacht wirken.

Der Ausklang des Albums ist mit den letzten beiden Tracks schön melancholisch-catchy. Es verfestigt sich jedoch langsam der Eindruck, dass sich auf der Platte das meiste eher auf einer Ebene abspielt, eine schöne Oberfläche, die nicht sehr tiefe Einsichten ermöglicht.

„Our Love“ ist die Fortsetzung von „Swim“, gedacht in eine Richtung, die deutlich geradliniger und tanzbarer ist. Das ist in Ordnung; Freunde der vielschichten Arrangements des Vorgänger-Albums werden allerdings den speziellen Vibe vermissen. „Swim“ entführte den Hörer gerade an den Stellen, wo man sich hätte langweilen können, auf völlig neue Pfade. Das gelingt Daniel Snaith mit „Our Love“ nicht wirklich. Es ist immer noch melancholische Musik zum Träumen, und mehr Club-Soundtrack denn je. Das besondere aber, das songwriterische Risiko, auch mal unkonventionell und gewagt zu produzieren; das, was „Swim“ so unglaublich inspiriert hat klingen lassen, ist deutlich zurückgeschraubt worden. Ein Rückschritt für die einen, für die anderen eine Öffnung in Richtung Eingängigkeit.

Leider verrechnet sich Caribou irgendwo zwischen den experimentellen Sounds und feiertauglichen Songs. Letztere sind dann nämlich auch nicht wirklich zur Vollendung geführt, verhungern auf halber Strecke oder finden keine wirklich greifbare Form. Zu viel oder zu wenig Kalkül?

Trotz allem ist „Our Love“ nicht schlecht. Es muss sich nur an seinem Vorgänger messen lassen – eine vielleicht leidige, aber logische Sache.

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