Die Brüder Sebastian und Daniel Selke vertonen ein weiteres Mal ihre Erinnerungen an Ihre Jugend bzw. Kindheit in der damaligen DDR.

Den in Potsdam ansässigen Brüdern gelingt es erneut, auf gesamter Albumlänge zu überzeugen. Kindheitserinnerungen werden scheinbar mit spielerischer Leichtigkeit in ein fragiles Fundament gegossen. Das Ergebnis ist eine wundervolle Mischung aus Beklemmung, Entspannung, Depression und Euphorie.

Hausmusik ist das direkte Nachfolgewerk zu den Alben Wænde und Hiddensee und überzeugt mich auf ganzer Linie. Erneut gelingt es den Brüdern auf beeindruckende Art und Weise, ihre Vergangenheit in der damaligen DDR in absoluter Schönheit darzustellen. Für jemanden, der nicht in der DDR aufgewachsen ist, mag dieses Konzept eher uninteressant sein, aber es zeigt gerade 30 Jahre nach der Wiedervereinigung, dass die Gefühle der West- und Ostdeutschen doch ziemlich ähnlich waren.

CEEYS schicken den Hörer auf eine Reise durch erdrückende Plattenbauten, graue Herbsttage, sonnige Kornfelder und lichtdurchflutete Wälder an einem kühlen Herbstmorgen. Die Emotionen, die hier musikalisch dargeboten werden sind geprägt von Melancholie, Trauer und Hoffnung.

Auch wenn man die Geschichte hinter den Musikern nicht kennen würde, entfaltet dieses Album eine wirklich intensive Atmosphäre. Stimmungen werden hier langsam aufgebaut und mit absoluter Präzision an den Instrumenten wiedergegeben. Nennt es Moderne Klassik oder Neoklassik. Ich nenne es eine geschickte Konversation von nur zwei Instrumenten. Was hier alles mit Cello und Klavier passiert, bekommt so manche 5 köpfige Band nicht hin. Reduktion und Minimalismus wird hier großgeschrieben und jeder Ton sitzt scheinbar am richtigen Ort. Der Hörer wird Zeuge eines intensiven Gedankenaustauschs der beiden Brüder Selke.

Der Opener Vice Versa entfaltet über 5 Minuten ganz langsam eine gehörige Portion Magie. Wie die Einleitung in ein langes Gespräch über das „Damals“, spürt man schon hier wo die Reise hingeht. Melancholie und Minimalismus – darin sind CEEYS einfach unschlagbar gut. Das folgende Reunion lebt von der einnehmenden Rhythmik und wirkt unglaublich positiv und wehmütig zugleich. Es fühlt sich an wie eine gute Nachricht, die aber leider eine gehörigen Portion Veränderung mit sich bringt. Und es gibt immer Situationen, in denen man Veränderung nicht wirklich möchte. Im Fenster erzeugt einen sagenhaften Druck und man spürt eine gewisse Art von Euphorie. Es ist schön zu sehen, in welche Richtung sich die musikalische Konversation der Gebrüder Selke entwickelt. Das knapp 9 Minuten lange Stück Circa erzeugt eine gehörige Portion Schwere und Wehmut. Der Hörer spürt förmlich, wie die Erinnerungen an die eigene Vergangenheit zu Tränen führen können. Belka ist eine wunderschöne Ballade, die gleichzeitig träge und agil wirkt. Als ob die Erinnerungen an die eigene Vergangenheit auch viel positives für die Zukunft bereit halten.

Überhaupt stelle ich mir die Frage, wie das Leben in der damaligen DDR wohl ausgesehen hat. War wirklich alles anders? Oder gab es nicht auch unglaublich viele Gemeinsamkeiten zu den Westdeutschen? Wenn ich diese „Erinnerungen“ der Brüder höre, kann ich nicht glauben, dass in der DDR alles schlecht war.

Das Stück Strelka wirkt auf wie ein Zeugnis des Glücks und der Hoffnung – Wunderschön und treibend zugleich. To Open A Door’s Inner Frame hingegen wirkt bedrohlich und düster – wie ein krasser Gegenentwurf oder einer anderen Meinung in einem langen Gespräch. Fallen wirkt leicht und luftig und ist vermutlich das eingängigste Stück auf diesem Album. Mit einem furiosen Finale ist es auch gleichzeitig mein persönliches Highlight auf diesem tollen Werk. Das folgende Yes, Brick By Brick scheint Erinnerungen in Zeitlupe wiederzugeben. Dabei gelingt es den Brüdern Selke eine gehörige Portion Spannung aufzubauen. No. Eins ist eine minimalistische Meisterleistung die sich repetitiv in die hintersten Ecken meines Gehirns schraubt. Ich komme mir vor, als hätte ich in der vergangenen Stunde einem Gespräch zugehört. Einem Gespräch über Situationen, die ich nicht verstehe.

CEEYS haben es geschafft, mich auf Albumlänge an sie zu binden. Ich wurde Zeuge einer packenden Zeitreise. CEEYS machen erneut musikalisch deutlich, dass das Leben in der DDR nicht nur schlechte Seiten hatte. Es sind die kleinen vertonten Geschichten, die dieses Werk zu einem beindruckenden Zeitdokument macht. Die Brüder Selke sagen selbst, dass ihr kreativer Prozess in der Neuentdeckung der Vergangenheit liegt. Diesen Prozess haben CEEYS hiermit perfektioniert. Ich wurde Zeuge eines musikalischen Gesprächs zweier Seelen. Ich habe zwar nicht alles verstanden aber eines ist sicher: Ich bin beeindruckt.

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