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CEEYS sind die Brüder Sebastian und Daniel Selke aus Potsdam, welche mit Cello und Klavier instrumentale Musik erschaffen, die der geneigte Hörer irgendwo zwischen Avantgarde, Ambient, Jazz, Modern Classical und Pop verorten würde.

LP kaufen iTunes Vö: 18.05.2018 Neue Meister

Musik ist häufig geprägt von gängigen Strukturen, die zumeist aus der alten (und wirksamen) Formel Strophe, Übergang und Refrain bestehen. Diese überall bekannte Formel bestimmt unsere Hörgewohnheiten und damit auch unsere musikalischen Vorlieben. Die bekannten Radiosender leben von diesem einfachen Prinzip, Musik als komprimierte Sammlung von Melodien im kompakten 3 Minuten Format anzubieten. Wer einen Blick in die Charts wirft, und das gilt nahezu weltweit, kann diese These bestätigen. Und auch andere Genres, die man nicht dem Mainstream zuordnen kann, spielen mit diesem einfachen Tricks der Popmusik. Sei es Post-Rock, Metal, Indie oder auch das zurzeit sehr beliebte Modern Classical Genre – alle lieben diese Strukturen. Unsere Hörgewohnheiten könnte man schon fast mit dem Gang zum Starbucks vergleichen. Alle trinken diesen Kaffee, der im Pappbecher mit Deckel zu überhöhten Preisen angeboten wird. Das einzig persönliche ist hier der meist falsch geschriebene Name auf dem Pappbecher. Da es aber schnell geht, nicht Weh tut und viele schnell was auf dem Weg zur Uni/Arbeit konsumieren möchten, bietet sich der „Formatkaffee“ für diese Leute einfach an. Ganz ähnlich wie der Klang der Musik im Radio: Kurz und schmerzlos mit viel Melodie. Nicht viel nachdenken, einfach nur hören. Musik als Hintergrundrauschen unseres Lebens.

Kommen wir aber nun zu dem eigentlichen Grund dieser schrägen, einleitenden Worte. Ich möchte Euch das Album „Wænde“ von dem Duo CEEYS ans Herz legen. Solltet Ihr bei meinen einleitenden Worten zum Thema „gängige Strukturen“ Eure eigenen Hörgewohnheiten erkannt haben und diese auch nicht ändern wollen, bitte ich Euch, ab hier nicht mehr weiterzulesen. Danke.

CEEYS sind die Brüder Sebastian und Daniel Selke aus Potsdam die mit Cello und Klavier instrumentale Musik erschaffen, die der geneigte Hörer irgendwo zwischen Avantgarde, Ambient, Jazz, Modern Classical und Pop verorten würde. Komplexe Musik mit Tiefgang würde ich es nennen. Aber es scheint, als ob CEEYS ihre eigene und einzigartige Nische erschaffen haben. Der Erstkontakt mit „Wænde“ war, wie schon beim Vorgänger „Concrete Fields“, ein eher zwiespältiges und sperriges Erlebnis. Die von mir oben angesprochene Formel existiert bei den Gebrüdern Selke nicht. Sie erschaffen Klangskulpturen die in eigenen kleinen, intimen Klangräumen auf wundersame Art und Weise zum Leben erweckt werden. Ich benötigte 6 komplette Durchläufe um die Größe von „Wænde“, wenn auch nur ansatzweise, zu verstehen. Über die Dauer von 44 Minuten erstrecken sich 12 Songs, die Eure komplette Aufmerksamkeit erfordern. Nebenbei-Hören funktioniert hier einfach nicht. Lässt man sich aber darauf ein, versteht man, warum komplexe Strukturen sich plötzlich als eingängig erweisen können. Es ist ein Bruch mit der eigenen Hörgewohnheit. Der Sound des Albums wirkt oftmals näher als einem lieb ist. Beim kurzen „Winter Sleep“ werden die Hämmer eines Pianos so nah aufgenommen, dass sie als perkussives Element dienen und die gespielte Melodie fast im Gesamtklang zu verschwinden scheint. Das darauf folgende „Rectangles“ spielt mit Geräuschen und setzt diese tontechnisch so gekonnt in Szene, dass man meinen könnte, ein Synthesizer sei hier am Werk. Ganz ähnlich verhält es sich beim Opener „Based in East Berlin“, das einen deutlich elektronischen Einfluss hat. Aber auch hier vermute ich, dass der Sound mit organischen Instrumenten kreiert wurde. Thematisch befassen sich CEEYS, wie schon auf dem Vorgänger, mit den letzten Jahren in der DDR kurz vorm Umbruch, der Wende. Eine Zeit, die nicht nur schlecht, sondern von der Sturm-und-Drang-Phase der Gebrüder Selke geprägt war. Der Titelsong des Albums scheint diese Phase irgendwie am besten wiederzugeben. Teils beklemmend, aber voll von positiver Energie gepaart mit tiefer Melancholie könnte dieser Song sinnbildlich für die Jugend der DDR in den 80er Jahren stehen. Das fast 6 minütige „Greys“ wirkt mit seinen ambientartigen Intro fast wie ein Ruhepol. Ein kurzes Innehalten, bevor der Song langsam, fast unbemerkt, in einem beklemmenden Finale mündet. Das abschließende „Zanzibar“ wirkt mit seiner positiven Schönheit, erzeugt durch Rhythmus und Melodien die einer Spieluhr nicht ganz unähnlich sind, als krönender Abschluss.

Wie eine Verabschiedung der alten DDR-Zeit und der Aufbruch in eine unbekannte Zukunft. Ich merke gerade: Es ergibt leider überhaupt keinen Sinn hier einzelne Songs zu besprechen, weil dieses Werk nur am Stück seine wahre Größe preisgibt. Sollte jemand das neue Album von Tim Linghaus kennen, der weiß was ich meine. Das Album hier muss einfach als Ganzes gesehen werden. Eine Frage beschäftigt mich aber dennoch: Steht der doppeldeutige Albumtitel „Wænde“ eventuell sogar gleichzeitig für „Wende“ und „Wände“ oder ist das nur mein bescheidener Interpretationsversuch? Wie ihr seht, versuche ich zu verstehen. Nicht nur klanglich, nein – auch thematisch. Es dürfte klar sein, dass beides ein nahezu unmögliches Unterfangen darstellt. Dieses Album kann man vielleicht erforschen aber vorerst nicht verstehen. Zu vielschichtig sind die Klanggebilde, zu schön die kurzen eingängigen Momente, zu liebevoll der Gesamtsound, zu hoffnungsvoll die Pianoklänge, zu depressiv die Cellomelodien. Merkt ihr was? Vielschichtig, schön, liebevoll, hoffnungsvoll, depressiv – könnten diese Worte sinnbildlich für die Jugend der 80er Jahre in der DDR stehen? Waren die grauen Wände der DDR letztendlich zu erdrückend und ermöglichten damit die friedliche Wende? Instinktiv versuche ich dieses Album zu begreifen, die verschachtelten Ebenen irgendwie gerade zu rücken. Nimmt man sich die Zeit, gelingt es nur ansatzweise und es eröffnet sich einem nur langsam die wundersame Welt von CEEYS. Die in Noten gegossene Intimität wirkt wie ein Tagebuch aus einer längst vergangenen Dekade. Und das „Lesen“ der alten Zeilen eröffnet Möglichkeiten und Verständnis für die Zukunft. Dieses Album wird sich in einigen Jahren vermutlich Klassiker nennen dürfen. Es erfordert Verständnis, Geduld und Konzentration. Nur wenn Ihr diese Eigenschaften mitbringt, habt ihr eine Chance die Größe des Albums zu erahnen.

Ich habe lange überlegt, wie man so ein Meisterwerk in ein enges und vor allem vollkommen subjektives Punktekorsett zwängen kann. Ich wollte die Rezension von „Wænde“ ursprünglich „ohne Wertung“ veröffentlichen. Doch dann beendete ich den 7. Durchlauf von „Wænde“ und plötzlich eröffnete sich eine weitere, neue, wichtige Ebene. Ich glaube, ich habe verstanden. Meisterwerk.

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