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Wenn jemand das Auf und Ab des Rock-Business in all seinen Höhen und Tiefen in vollen Zügen ausgekostet hat, dann ist es die großartige Chrissie Hynde, die ihre eindringliche Stimme jetzt erstmals auf einem experimentellen Jazz-Album ausprobiert.

Vö: 06.09.2019 BMG LP-Boxset kaufen

Es gehört eine Menge Mut dazu, nach so vielen beruflichen und privaten Tiefschlägen – drei Scheidungen u.a. von Ray Davies (The Kinks) und Jim Kerr (Simple Minds) sowie drogenbedingter Todesfälle von Bandmitglieder bei The Pretenders (James Honeyman-Scott und  Pete Farndon) – immer noch aufrecht zu stehen und das unkalkulierbare Risiko einer genrefremden Produktion einzugehen.

Nach ihrem Soloalbum Stockholm (2014), dass kaum mediale Beachtung fand, hat die zweifache Mutter und Rock-Veteranin Chrissie Hynde jetzt eine Sammlung von verjazzten Stücken bekannter Interpreten und Komponisten wie Brian Wilson, Frank Sinatra, Charles Mingus, John Coltrane, Nick Drake oder Ray Davies zu einem Album gemeinsam mit dem The Valve Bone Woe Ensemble eingespielt, welches am 06. September und damit einen Tag vor Ihrem 68. Geburtstag veröffentlicht wird. Für die Produktion des 14-Track-Albums mit dem Titel Valva Bone Woe zeichnen Marius de Vries sowie Eldad Guetta verantwortlich.

Gleich der Opener How glad I am zeigt, wohin die Reise geht. Starke Bläser-Orchestrierung mit einer alle Tonlagen ausprobierenden Chrissie Hynde. Ein starker Einstieg, der Lust auf mehr macht.

Bei Caroline, No, dem herzzerreissenden Brian Wilson-Klassiker, kann Chrissie Hynde die ganze Wärme ihrer wunderbaren Stimme nutzen. Allerdings lässt bereits das spährisch-psychodelische Geflimmer zu Beginn des Songs nichts Gutes erahnen und gegen Ende des Stücks verwandelt sich dieses Liebeslied in ein psychodelisches Dauer-Gequitsche mit eingebautem Loop-Feuerwerk. So kann ein übereifriger Produzent einen ansonsten guten Song komplett kaputt machen.  

Der Frank Sinatra-Song I’m a Fool to want you ist tatsächlich ein Teil des Ursprungs dieses Albums und wird – dankenswerter Weise – vom Orchester und Produzenten klassisch interpretiert. Da macht das Zuhören richtig Spaß. Oldschool aber schön.   

Im Pressetext liest man: „Ihr neues Werk wurde von ihrem gemeinsamen Song Luck be a Lady mit Frank Sinatra für dessen zweites Duett-Album im Jahre 1994 inspiriert.“

Genauso klassisch und angenehm sanft fließt der Hoagy Carmichael-Song I Get Along Without You Very Well (Except Sometimes) dahin. Schöner Kuschel-Jazz für Romantiker. Sehr jazzig wird es beim instrumentalen Charles Mingus-Track Meditation on a Pair of Wire Cutters.

Bei Once I Loved und Wild is the Wind wird nochmal die Kuscheldecke ausgepackt. Chrissie Hynde zeigt schön hauchend ihre stimmliche Wandlungsfähigkeit und macht diese beiden Songs zu den erotischen Höhepunkten des Albums.  

You don’t know what love is war zusammen mit Caroline, No die Vorabveröffentlichung zum Album, kann aber nicht komplett überzeugen. Eine klassische Komposition, die sich bis zum Einsetzen des jazzigen Klavier-Solos etwas zu träge dahinschleppt. Sehr nahe am Original, da hätte der Produzent mehr rausholen können.

Der Nick Drake-Song River Man ist leider sehr konventionell und spartanisch produziert. Kein Tempo, keine neuen Ideen und auch keine wirkliche Hilfe vom zurückhaltenden Orchester. Chrissie Hynde treibt hier hilflos durch den Song. Glücklicherweise lässt das wunderbar gesungene Absent Minded me den Durchhänger des Albums schnell vergessen auch wenn das instrumentale Outro deutlich zu lang ausfällt. Chrissie Hynde gilt auch dank solch toller Interpretationen zu Recht als eine der wandlungsfähigsten Sängerinnen überhaupt.  

Der ruhige instrumentale John Coltrane-Track Naima leitet das bevorstehende Finale des Albums ein. Hier kann man entspannt meditieren, auch wenn man die Stimme von Chrissie Hynde vermisst.

Bei Hello, Young Lovers klingt eine Sehnsucht nach den 40er-Jahren des letzten Jahrhunderts mit. Schön melancholischer Soft-Jazz mit starker Orchestrierung. Glenn Miller hätte seine wahre Freude gehabt.   

Die dritte Vorabveröffentlichung No Return hat es auf dem Album nur auf den vorletzten Platz geschafft. Bei dem Ray Davies-Song, der ursprünglich 1967 auf dem The Kinks Album Something else erschienen ist, schwingt zwar eine Menge an Jazz mit aber auch hier hatte der Produzent beim Outro die Regler am Mischpult nicht mehr im Griff und den Song mit Loops und Dubs verunstaltet.

Den finalen Song des Albums, das Charles Trenet-Lied Que Reste-t-il de nos Amours? präsentiert Chrissie Hynde in ganz passablem Französisch. Leider ist man hier sehr nah am Original mit seinen längeren Sprechpassagen geblieben, so dass es angesichts der etwas phantasielosen Produktion leider kein wirkliches Happy End gibt.  

Der größte Mangel dieses insgesamt recht passablen Albums ist die insgesamt wenig inspirierte und nur durchschnittliche Produktion, die sich zudem einige Aussetzer bei den Outros mehrerer Songs leistet.

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Bewertung des Autors Richard Kilian
Zusammenfassung
Eine wunderbare Platte für echte Chrissie Hynde-Fans. Hier kann man schmachten und träumen. Wer tatsächlich die Hoffnung auf hohen musikalischen Anspruch hegt, der wird enttäuscht sein.
3.5
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