Anspruchsvoller und tiefgründiger Krach – das ist Noisecore!

LP kaufen iTunes Vö: 23.03.2018 Hummus Records

La Chaux De Fonds in der Schweiz ist die Heimat der Coilguns und „Millenials“ ihr mittlerweile zweites Album. Bandkopf Louis Jucker war schon mit The Ocean unterwegs und dürfte einigen als Teil des Trios „Autisti“ bekannt sein. Bekannt vor allem durch sein Gespür für griffige und durchdachte Songs die das nötige Maß an Dissonanz aufweisen, um nicht am Ende noch in Gefälligkeit aufzugehen. Coilguns belegen sein bis dato düsterstes Schaffen; die Songs sind biestig, negativ und einschüchternd. Eine eindeutige Einordnung in ein bestimmtes Genre ist zu keiner Zeit möglich. Es finden sich deutliche Spuren von Metal und Hardcore, manchmal fühlt man sich an die in den 1990er Jahren mit der -core-Endung versehene Musik erinnert, gelegentlich blitzt die pechschwarze Raserei des Black Metal durch oder es wird mathig-kompliziert. Unterm Strich bleibt ein bedrückendes, finsteres Genregemisch, das man erst mal verdauen muss.

„Anchorite“, der Opener, legt den druckvollen, stets in die Magengrube fahrenden Sound vor. Ein dissonantes, dunkles Gitarrenriff und mächtige Drums paaren sich schwer verständlichem, wütenden Gebrüll. Man gewinnt den Eindruck, dass einem nichts Gutes bevorsteht, was durch die eiskalten Hummelschwarmgitarren gegen Ende noch unterstrichen wird. Mit leichtem Nicken in Richtung Deftones walzt das fette „Deletionism“ in den Raum. Harmonien und Melodien sind selbstverständlich vorhanden, unterliegen letztlich aber der derben Brutalität, die über allen Dingen steht. Spätestens der Titeltrack nähert sich der Schmerzgrenze und mäht mit einer stark erhöhten Taktzahl, fiesem Geschrei und blanker Wut alles um. Es gibt zwar einen kurzen Moment der Ruhe, trotzdem dürfte jedem klar sein, dass dieser kaum von Dauer sein kann. Und wieder geht derber Krach auf uns herunter.

Das Instrumental „Spectogram“ kommt zwei Minuten lang mit einem Feedback aus, in dem vorerst nur verzerrte Wortfetzen und geheimnisvolles Geflüster auftauchen. Es folgt ein stoisches, kaltes, nihilistisches Riff, dass sich geisterhaft voran schleppt. Da ist Gänsehaut Programm. „Music Circus Clowns Care“ fährt wieder unter dem Core-Banner und groovt unter schiefen Gitarrentönen und einem wütenden Gesamtsound durch die Gegend. Niemand verwendet heutzutage noch gerne den Begriff „Nu-Metal“, aber so ganz unpassend erscheint er hier nicht. Mathcore-Elemente sind auch verbaut und das Gemisch zündet in aller Kürze. Das leicht schwarzmetallische „Ménières“ groovt auch wieder anständig, allerdings ist der Gesang endgültig in der völligen Unverständlichkeit angekommen. Das Gleiche gilt auch für „Wind Machines For Company“, das allerdings durch Geschwindigkeit und eine nötige Portion Rotz sehr punkig daherkommt.

Glanzstück von „Millennials“ ist der tiefe Hardcore-Knaller „Self Employment Scheme“. Alle auf dem Album verwendeten Qualitäten fließen hier zusammen, der durch ein Megaphon gepresste Gesang lässt das ganze Stück bedrohlich und leicht wahnsinnig wirken. Die Qualität bleibt bis „Blackboxing“ bestehen, das wieder mehr in Richtung finsterem Math-Rock geht und das Album schließt mit dem vernichtenden und fast unerträglich atonalen „The Screening“. Harte Kost, das muss man sagen.

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  • 8/10
    Autor Steffen Eggert - 8.0/10
8/10

Kurzfassung

Kompromisslose Krachorgie, die allerdings perfekt durchdacht und damit sehr anspruchsvoll im Hirn des Hörers ankommt.

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