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Ach Incubate. Sich online zu verlieben ist schon lange kein gesellschaftlicher Suizid mehr, deswegen brauche ich mich nicht zu schämen. Wie soll ich bei diesem Profil auch widerstehen:

Das Incubate findet zum siebten mal vom 16. bis 22. in Tilburg in den Niederlanden statt. Hinter dem hippen Namen Cutting-Edge Culture Indie Festival verbirgt sich nicht nur ein riesiges Musikaufgebot (um die 280 Künstler aus Electro, Avant Garde, Metal, Post Rock, Shoegaze, Psychedelic, Indie, Folk, beliebige weitere Genres einfügen), sondern außerdem zahlreiche Künstler aus Film, Kunst, Poesie und Theater. Und das alles dicht neben- und durcheinander, über 25 Bühnen in der ganzen Stadt verteilt.

Als du dann im Voraus auf deinem Blog auch noch kurze Exkurse zur Geschichte unterschiedlichster Musikstile anstatt Infos über die wichtigsten Promoaktionen von Jägermeister und H&M postest, ist es endgültig um mich geschehen. Ich bin auf dem Weg, Incubate! Dabei wollte ich mich doch fern halten von Wochenendsbeziehungen.

Beziehungsstatus: Es ist kompliziert. Ein schier überwältigendes Angebot alleine an Musik lässt meine Schwester und mich immer wieder verzweifelt im Kreis rennen und äußerst kreative Losverfahren entwickeln. Nicht vorhandene Ausschilderungen, das gefährliche Leben als Nicht-Fahrradfahrer in Holland und teilweise weite Distanzen zwischen den Bühnen tun ihr Übriges zum ultimativen Kulturschock. Unsere Basis, das gemütliche (und  erst unauffindbare) Campingdorf im Leijpark mit sauberen Dusch- und Toilettencontainern und nie versiegender Tee- und Keksquelle ist leider auch 20 Minuten Fußmarsch vom Stadtkern entfernt. Es bleibt also keine andere Wahl, als sich rund um die Uhr kopfüber in das von Tilburg ausgebrütete „Cutting Edge Culture“ Meer zu stürzen. Where is my mind? Crowdsurfen!

 

Freitag

Wenn eine große Menschenansammlung auf einem Marktplatz Nick Steur wie hypnotisiert dabei zusieht, wie er Steine auf Spiegelquadern übereinander stapelt, nennt sich das Ganze Freeze!. Als einer der Türme zusammenbricht, zerstreuen sich die Leute nach und nach, denn fegen möchte keiner. In einer muckeligen Bar spielen die Golden Grrrls aus Großbritannien hibbeligen Garage Rock, zu dem Pavement Purzelbäume schlagen würden. Weiter geht’s im “Little Devil”, in dem die großartigen Axes krachige Mathrockbrocken mit noch großartigeren Titeln zum besten geben wie zum Beispiel Fleetwood Math. Das Rätsel, wie sie es schaffen, sich bei ihrem euphorischen Rumgehopse nicht zu verspielen, geschweige denn gegenseitig von der Bühne zu fegen, soll mich noch das ganze Wochenende beschäftigen. Anschließend Kontrastprogramm in der Pauluskirche: Stranded Horse aka Yann Tambour spielt auf der Kora, einer afrikanischen Harfe und verlässt sein eigenes Konzert, noch ehe die letzten Töne verhallt sind. Was für ein Abgang. Im wunderbar kuscheligen Stadttheater spielen I am Kloot und Sänger John Bramwell seine Rolle als kauziger Geschichtenerzähler, der selbst am lautesten lacht, als er sich versehentlich das Verstärkerkabel aus der Gitarre reißt. Zugegebenermaßen angezogen vom wohl bescheuertsten Bandnamen des Festivals, Zentralheizung Of Death (Des Todes), führen wir uns anschließend rasanten Garagerock zu Gemüte. Outfit und Tanzstil erinnern irritierenderweise an Pinguine, aber daran scheint sich im Cul de Sack niemand zu stören. Die wahren Kostüm- und Make Up Künstler bleiben jedoch die Black Metaller Immortal. Weiß ich Fotos. Gesehen haben wir zwischen dunkelblauen Dunstschwaden und Pyrogefunkel nicht viel, vielleicht lief Musik vom Band und die Jungs haben sich backstage schonmal für das anschließende Heavy Metal Beer Drinking aufgebrezelt.
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Samstag

Statt morgendlichem Hahnenschrei gibt’s in der Fußgängerzone Drumroll Drone vom sechsköpfigen Drumkollektiv Man Forever auf die Ohren. Vor allem vom Vormittagsshopping gelangweilte Kinder sind begeistert. Im 013, das mit seinen drei Bühnen von der Clubstage bis zum Konzertsaal das Zentrum des Festivals bildet, spielen anschließend Teeth Of The Sea spacigen, elektrolastigen Krautrock mit Trompete. Nebenan bescheren mir dann Public Service Broadcasting die Entdeckung des Festivals: Das Duo vergreift sich an alten Propagandafilm-Archiven aus den 30er und 40ern, schneidet und mischt diese neu zusammen und legt Schlagzeug, Banjo und noch allerlei Elektroeffekte darüber. Voíla: Tanzbares Bildungsfernsehen, dass ich das noch erleben darf. Anschließend rolle ich mich für einige Minuten theatralisch schluchzend in einer dunklen Ecke zusammen, weil das Konzert der heiß geliebten This Town Needs Guns abgesagt wurde. Keinen Ersatz, aber ausreichenden Trost bieten Heartbeat Parade aus Luxemburg mit großen Gesten und spannendem Postcore. Mylets im Irish Pub nebenan ist gleich doppelt gut: Einmal aufgrund der schlaksigen amerikanischen Ein-Mann-Band, deren Stepptanz auf einem anderthalb Meter langen Effektboard nicht nur hörens- sonder auch sehenswert ist, zum anderen wegen seiner Buddies von This Town Needs Guns, die nun doch noch eingetrudelt sind und anschließend ein großartig schwelgerisches Mathrock Set zum Besten geben. Mit einem seelig-dämlichen Grinsen im Gesicht geht’s also weiter zu A Place To Bury Strangers, dem einzigen von mir besuchten Konzert des Festivals, dessen Sound komplett versumpft ist. Schade! Also lieber zum Kurzfilmfestival vorm 013, trotz der Kälte harrt ein harter Kern Filmnerds tapfer aus und wird mit einem vielfältigen Programm vom verdrogten Cartoon bis zum künstlerischen Psychothriller belohnt. Nach dem ziemlich unmotiviertem Gig der kanadischen Dream Pop Band Beliefs stürzen wir uns zwecks selbst auferlegter Mutprobe in’s Tanzgetümmel der Acid House Party.
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Sonntag

Die Stadt ist am Mittag noch recht leer, das Festivalfolk schwächelt. Wir besuchen die Künstlerin Alexandra Duvekot in ihrem Atelier, die sich mit Möglichkeiten beschäftigt hat, die Kommunikation von Pflanzen in für uns hörbare Töne umzuwandeln und diese in einem Plant Orchestra zu vereinen. Nicht ganz so zart, sondern eher etwas langweilig ist der Doom Metal der Belgier Hessian. Wir schauen nach ein paar Songs lieber bei Screw Houston, Start Screaming! vorbei, die leider nur vor maximal fünf Leuten spielen. Wir honorieren den authentischen In-your-face-Hardcore mit einer euphorischen Tanzeinlage und werden dafür von der Band mit einem “supercool” und Kauderwelsch auf Niederländisch belohnt. Wir lassen uns weiter treiben in’s “Extase”, in dem die Residual Echoes hippiesken Psychedelic Rock zum Besten geben. Wie bei vielen Incubate Konzerten ist das Publikum, das sich hier von einer Querflötenspielerin einlullen lässt, im Durchschnitt älter als das gewohnte Fetivalklientel. Oft sieht man Eltern mit Kindern und auch schon mal alte Damen, die zu Sludgemetal die Dauerwelle schütteln, die Vielfalt an Besuchern steht der der Bands in nichts nach und das Geschehen vor der Bühne oft genauso interessant wie das darauf. Im Anschluss schauen wir bei Crazy Jim von Wolfeyes vorbei, der gelassen ein Bier nach dem anderen schlürft und zwischendurch kratzbürstige Drone Folkstücke daher jamt. Im Vergleich dazu, was Nick Millevoi in der Synagoge mit seiner Gitarre treibt, ist das allerdings das melodischste Geklimper: Wer keinen Gehörschutz hat, verlässt schon nach wenigen Sekunden fluchtartig das Gebäude und auch Millevoi selbst rammt sich seine Stöpsel immer wieder tiefer in die Ohren, wenn er das Instrument nicht gerade mit Pinsel, Bleistift oder Putzlappen bearbeitet. Faszinierender und beklemmender Gänsehaut Avant-Garde, wie er häufiger unter erhabenen Gewölben gespielt werden sollte. Immer noch recht benommen nehmen wir im Theater platz, in dem das Progrock Orchester Balmorhea tatsächlich die ganze Bühne einnimmt und mit Piano und Streichern wunderschöne Melodien spinnt, die vielleicht sogar Steven Wilson ein paar Tränen der Rührung in die Augen getrieben hätten. Carlton Melton haben für derlei Gefühlsduselei nichts übrig, geschwelgt wird trotzdem auf männlichste Männerart, in Spacerock Sphären bis an die Grenzen der Überschallgeschwindigkeit. Zum Abschluss lassen wir uns von dem Duo Barn Owl in eine düstere Ambient Hypnose versetzen, die das zeitlose Gefühl der letzten Tage auf den Höhepunkt bringt: Wie? Das war’s jetzt? Schon Sonntag? NEIN!

Incubate, ich weiß, die Distanz macht es nicht leicht. Und ja, sich nur einmal im Jahr zu sehen ist vielleicht nicht die ideale Grundvoraussetzung. Aber ich verspreche dir, ich komme wieder, denn wer es einmal erlebt hat, dieses Tilburger Zeitvakuum, indem es sich innerhalb von Sekunden von einem Ende der musikalischen Genregalxie ans andere reisen lässt, hat eigentlich gar keine Wahl. Aber ein Fahrrad bringe ich nächstes mal trotzdem mit.
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