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Top 10 Veröffentlichungen:

1. Raison D’Être – Mise en Abyme
Die ersten beiden Plätze sind bei meiner Rückbesinnung aufs vergangene Musikjahr von Anfang an klar gewesen. Beide mit jeweils großem Abstand vor den Folgeplätzen. Mise en Abyme steht eigentlich schon seit der VÖ im Frühjahr als Album des Jahres fest und ist eines der besten Alben, die es überhaupt jemals gegeben hat. Kompositorisch ein absoluter Wahnsinn, erzeugt aus dunklen Flächen, Drones, orchestralen und sakralen Chorsounds, gemischt mit Field Recordings und Object Recordings. Eine Reise in die Abgründe der menschlichen Seele, ins Unterbewußtsein, ein Album voller Meditation und Schönheit und Tiefe. Duster wie die dusterste Nacht, aber so voller innerem Frieden, daß man nach dem Genuß sich selbst kaum noch spürt, weil man nach der Katharsis unendlich leicht geworden ist.

2. Meret Becker – Deins & Done
Ich liebe Meret. Ich liebe ihre Art und noch verliebter bin ich in ihre Musik seit dem 1998er Album „Nachtmahr“, welches sie u.a. zusammen mit ihrem Ex Hacke von den Neubauten aufgenommen hat. Das ist nicht „Schauspielerin macht jetzt auch Musik“, das ist wirklich wunderbare, poetische, verspulte, eigensinnige, innovative Musik. Und immer dabei, der Zauber in Merets Stimme, ihre einzigartige Stimme, so eigen, wie sonst nur Björk eigen ist, ohne daß man beide Gesangsstile vergleichen könnte.
Ein höchst abwechslungsreiches Album, ne Cowboy Nummer, n Blues, ein Duett mit Blixa Bargeld, dann wird’s poetisch und das Thema Schnee abgehandelt („Schneekönigin“, ein Walzer, der mir die Pipi in die Augen treibt), zum Schluß noch ein „Lullaby“ und ein „Trinklied“. Nebenbei, das witzigste Trinklied, was ich kenne. Damit hab ich mittlerweile schon einige Partys gesprengt. Dazwischen kleine mehr oder weniger skurrile Intermezzos. Thematisch und musikalisch äußerst vielschichtig, nicht ganz die kompositorische Klasse von Raison D’Être, aber mein aus persönlichen Gründen wichtigstes Album des Jahres.
Und wer noch Befürchtungen hat, weil Meret die Schwester ihres hochnotpeinlichen Bruders Ben ist… mit so einem Album würde man bei einem Böhse Onkels Open Air von der Bühne gestiefelt werden, was natürlich ein Qualitätsmerkmal ist.

3. Frédéric Nogray – Wuritagu
Danke Jean Marc vom mittlerweile nach Brüssel umgezogenen Label taâlem für diese 3″ CDr!
Monsieur Nogray liefert hier einen über 20minütigen Track ab, der nur aus Field Recordings aus Honduras besteht. Es raschelt, sind das Grillen? Wellen rauschen an den Strand, Wind, Vogelgezwitscher. Irgendwann dann Regen oder ein Wasserfall oder beides? Und noch viel mehr. Das Ganze bezieht seine Faszination aber nicht dadurch, daß einfach jemand 20 Minuten sein Mikro aufgestellt hat und nun ein Tondokument seines Urlaubs quasi wie ein Urlaubsfoto auf das innere Ohr projeziert. Hier wurde sehr viel Material zusammengeschnitten, liebevoll arrangiert und das alles hat einen inneren Fluß, eine Dramatik, die es für dieses Genre unfaßbar spannend macht. Das ist kein Urlaubsdia, das ist große Malkunst.

4. Godflesh – A World Lit Only By Fire
Die großen alten Helden zurück aus den ewigen Jagdgründen. JK Broadrick hätte es sich leicht machen können. Godflesh einfach als Legende aufrecht erhalten, ab und an mal ne gut bezahlte Open Air Show annehmen, ansonsten weiter mit Jesu den Hype des Shoegazer Revivals ausnutzen und weiter in mittlerweile eher seichten Gewässern rumdümpeln. Ein neues Godflesh Album hat eigentlich keiner mehr gebraucht oder erwartet. Und dann besinnt sich der gute Mann auf all seine Stärken, die den Industrial Sound der 90er so geprägt haben und haut noch mal so ein Biest von einem Album raus! Wer die Katharsis bei „Shut me down“ nicht spürt, die pfurztrockenen Grooves, die mikrochirurgisch exakt alle lebenswichtigen Nervenbahnen durchschneidenden Beats, die gesammelte Kälte der gesamten Welt, dem ist nicht mehr zu helfen.

5. Ian William Craig – A Turn Of Breath

Über den Typen weiß ich genau Nullkommagarnix. Muß auch mal sein. Einfach nur Sound. Der Sound… schwierig zu beschreiben. Unter den Soundtüftlern wirkt das Album, wie das eines Singer/Songwriters. Da werden kleine, engelszarte Gesangsmelodien zerschreddert, mit zerschredderten Sounds unbekannter Bauart unterlegt, teilweise mit Gitarrendrones untermalt. Und alles so lieblich und wunderschön, daß es schon fast schmerzen würde, wären nicht … ja… wären da nicht die Schredder.

6. Swans – To Be Kind
„The Seer“ hat mich angenervt. Eigentlich musikalisch gesehen nicht schlecht, aber 2 CDs lang solche komplexen Songs, die nicht mehr viel mit „meinen“ Swans zu tun haben, sondern eher eine Prog-Attitüde vermitteln, damit war ich nicht überfordert, aber ich will Musik fühlen und nicht denken. Und dann schon wieder, ein Album und 2 CDs. Okay, rauf auf die Liste „muß ich zwar mal hören der guten alten Zeiten wegen, aber…“. Irgendwann hab ich mich dann doch dem Ganzen gewidmet. Und siehe da, die richtigen Swans sind zurück. Jetzt mit vielen Blues-Elementen, aber unüberhörbar Swans. Den Blues gibt’s nur als Kulisse, die Elemente werden sooft wie ein unendlicher Loop wiederholt, bis man dem Wahnsinn nahe ist. Die darin enthaltene Steigerung, die den Wahnsinn irgendwann rasend macht, merkt man erst dann, wenn er komplett ausbricht. Live leider bisher verpasst, aber ich kann mir nicht vorstellen, daß man so eine Show komplett ohne Psychopharmaka überleben kann.

7. Thomas Dimuzio – Amid Zero Echo
Ne Doppel-10″ von Substantia Innominata, der mittlerweile etablierten 10″ Serie meines Leib und Magen Labels Drone Records. Dimuzio ist ein auch in der Szene eher recht unbekannter Name. Sein Einfluß ist aber dafür umso größer. Als Studioinhaber, Produzent und Labelbetreiber arbeitet er schon lange im Hintergrund mit wirklich großen Namen. Sein eigener musikalischer Output ist weitgehend unbeachtet, nichtsdestotrotz sind alle Alben von einer großen Musikalität und innovativen und emotionalen Kraft gekennzeichnet. So auch Amid Zero Echo. Das ist nicht der hipsterige Hochglanz-Ambient-Sound, der auf den Swingfesten dieser Welt die Bartträger in perfekt ausgestatteten noblen Konzertlocations auf dem sauberen Boden sitzen lässt. Das ist der Ambient, der tief aus der Szene kommt, das hat Stallgeruch, das ist dreckig, das ist authentisch und irgendwie trotzdem sooo perfekt. Nur die Röhrenjeans, die ist danach so richtig dreckig.

8. Lawrence English – Wilderness Of Mirrors
Mr. English, hyperaktiver Soundfrickler von down under, haut in ähnlicher Frequenz Releases und Kollaborationen raus wie Aidan Baker. Musikalisch gesehen ist er aber mehr in dem Bereich tätig, den Tim Hecker beackert. Das alles aber in einer Qualität, daß es eigentlich eine Frechheit ist, daß er noch nicht mit Herrn Hecker mindestens auf einer Stufe steht. Mir gibt „Wilderness Of Mirrors“ emotional sogar noch mehr als Herrn Heckers letztjähriger Klopper „Virgins“.

9.    ⃝ – When Plants Turn Into Stones

Jetzt klingts rund. Auf den vorherigen Releases, konnte man schon erahnen, daß da ne ganz große Postrock-Hoffnung heranreift. Jetzt haben sie ihr Versprechen eingelöst und This Will Destroy You, die mit „Tunnel Blanket“ zuletzt DEN Meilenstein im Bereich duster, ambientöser Postrocksound abgeliefert haben, rechts überholt. „Lack Of Interest In Things They Used To Do“ und dann sterben. Das könnte ein Plan sein.

10. Old Man Gloom – The Ape Of God I und II
Und dann noch einen richtig kräftig auf die Fresse. Das ganze Theater um die Fakeveröffentlichung für Kritiker, die Verwirrung um am Ende 3 Alben, die nutzt nix, das ist ein richtiger Klopper, PUNKT. Vielen Dank an Isis, daß sie sich damals nach einigen verzichtbaren Alben aufgelöst haben und den Weg für so einen Haudrauf ermöglicht haben, der wieder an „Oceanic“ Zeiten anknüpft, was die Klasse des Songwritings angeht.

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