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Claudia Melzer Jahresrückblick 2015! „Musik und Musik und noch mehr Musik…“


Während ich, Claudia Melzer, mein Musikjahr auf der Bahnfahrt durch das weite Land, in den Ohren eine jungfräuliche Entdeckung namens Black Mountain, resümierte, zauberten die vielen akustischen und erlebten Erinnerungen mir ein ganz besonders glückliches Lächeln ins Gesicht.

Im Folgenden möchte ich von meiner Reise durch die verschiedenen Rock Genres, meiner Begeisterung und den tollen musikalischen Perlen, die ich live erleben durfte, berichten.

Die wohl primäre Kategorie ist die der zehn besten Alben. Darum ist es mir schwer gefallen, zehn der neu erschienenen Platten 2015 aufzureihen!

Top 10 Alben:
1. Boysetsfire – Boysetsfire
2. Editors – In Dream
3. Coheed and Cambria – The Color Before The Sun
4. Refused – Freedom
5. Meat Wave – Brother
6. Calexico – Edge of The Sun
7. Noah Gundersen – Carry the ghost
8. Kadavar – Berlin
9. Millencolin – True Brew
10. Parkway Drive – Ire

Die Überraschung auf dem dritten Platz war das langersehnte neue Coheed and Cambria Album. „The Color Before The Sun“ ist das erste Album, das kein Konzeptalbum ist. Mit der Science Fiction Saga um die vermählten Coheed und Cambria Kilgannon schuf die Band einen unverwechselbaren progressiven, tiefen und monströsen Sound, der keineswegs in ihrem neuen Album fehlt, aber ein wenig aufklart.

Meine engsten Lieblingslieblings Herzensbands Boysetsfire und die Editors haben je eine auf ihre Weise großartige Platte rausgehauen, die nur so hoch und runter liefen und auch immer wieder rausgeholt werden.

Das Jahr 2015 war ein Jahr voller musikalischer Überraschungen und großartiger Wegbegleiterbands, die mir ordentlich was auf die Ohren gaben. Vom Schweden-Punk über hardcoremäßiges Ausrasten à la Parkway Drive, dem unfassbar ergreifenden Postpunk Sound der Editors, dem Calexiconianischen Multiwunder musikalischer Einflüsse und dem seichten und weichen Sound von Noah Gundersen, bis hin zum psychedelischen Rock von Kadavar, den adretten jungen Herren aus Berlin. Und dazu noch die Würze des „auf die Fresse“ und von politischen Statements getränkten Refused Ensembles, abgerundet mit der Besinnlichkeit zum Altbewährten und einem abschließenden nostalgischen Gruß der Lo-Fi Punk Band Meat Wave.

All diese Alben sind so unterschiedlich in ihrem Sound, in ihrer musikalischen Quintessenz, dass sie mir eine wundervolle Abwechslung emotionaler Wanderschaften bereitet haben und noch bereiten.

Folgerichtig entfacht auch die Wucht der herzergreifenden Live-Momente das treue Musikliebhaberherz. Ihr erinnert euch sicherlich noch an die Zeiten, als man Tapes mixte, Schallplatten auflegte und Tonbänder noch geschnitten wurden, als technisch improvisiert wurde. Diese Zeiten des dumpfen, leiernden und kratzenden Sounds sind schon lange vorbei. Die Technologisierung zur digitalisierten Aufnahme hat so seine Tücken. Hört man sich zum Beispiel Bands aus den 60er und 70er Jahren an, so wird deutlich, dass ihr Sound eine musikalische Epoche beschreibt. Im Vergleich zu heute, klingen diese musikalischen Aufnahmen zu einseitig, zu wenig komplex, dumpf und leise, unklar und dreckig.

Aber es gibt noch die alten Nostalgiker, die an diese Zeiten erinnern, in der es noch kein digitales Aufnehmen gab und in der noch die Tonspuren begrenzt waren.

Diesen Sound findet man bei Meat Wave wieder. Diese Lo-Fi Punk-Band hat mich insofern beeindruckt, dass sie mit voller Leidenschaftlichkeit ihr Ding durchziehen. Man könnte sagen sie sind eigenverantwortlich zurück in die Achtziger katapultiert worden. Dadurch wirkt ihr Live Sound erheblich einbrennend, nahezu an die Wand drückend.
Es ist schwer auszuhalten, wenn das Musikohr nur mit aalglatten, sauberen und funkelnden Songs ausgebildet wurde. Mir wurde bewusst, dass es unfassbar ist, wie sehr man sich doch in die heutige technologisierte Zeit eingewöhnt hat. Das Gehör muss nicht mehr so diffizile Signale an das Gehirn schicken, um das Wahrnehmen zu verfeinern.

Aber nicht nur solch famoses Underground Live Erlebnis mit der spärlichsten Musikanhängerschaft, die ich je gesehen habe, waren bezeichnend für mein Musikjahr.

Verdammt noch mal ist das nicht genial, wenn gleich mehrere Bands auftreten: ein musikalisches Triptychon. Ein neuer Trend scheint es zu sein, drei Bands für ein Konzert zu buchen. Das klassische Vorband-Hauptband Konzert hat seine Monopolstellung verloren.

Refused in Kombination mit Rise Against und Great Collaps oder Millencolin, Donots und Apologies I have none traten zusammen auf.

Zudem ist noch ein ganz unerfreulicher Trend zu verzeichnen: die massenhaften Smartphone Gucker. Wer das Konzert die ganze Zeit durch sein Smartphone schaut, dem ist doch nicht zu helfen. Ein Konzert erlebt man durch die Energie und Dynamik die die musikalischen Rhythmen und Melodien verbreiten und nicht indem man sich mit Aufnahmen beschäftigt. Ein wirklich beeindruckendes Bild von Handys tausender Konzertbesucher, das gleichzeitig auch irgendwie etwas nachdenklich macht. So verwies Florence Welch, die Frontfrau und Herzensbrecherin von Florence & The Machine, auf das Feeling die Musik zu genießen und die Handys weg zu packen. Endlich sagt mal einer was, dachte ich mir so, als ich den Hippie Rotschopf Live erleben durfte.

Top 5 Live-Shows:
1. Refused und Rise Against
2. Donots und Millencolin
3. Florence & The Machine
4. Tour of Tours
5. Fettes Brot

Wer hätte das gedacht, dass ich jemals zu einem Fettes Brot Konzert gehen würde. Platten braucht man nicht unbedingt von den drei nordischen Komikern, aber ihre Shows sind verblüffend und wahnsinnig. Die Jungs rasten ganze zwei Stunden aus.

Ähnlich verhielt es sich mit den Donots, die durch ihren Frontmann Ingo eine der sympathischsten Bands ever sind. Wer sich das entgehen lässt, ist unfassbar seltsam.

Auch gerade politische Bands wie Refused, Rise Against und die Donots ergreifen feierlich und würdevoll das Wort über die Anschläge in Paris, gegen Sexismus, gegen Rassismus. Das ist eine wunderbare herzerwärmende Geste, wenn alle Konzertbesucher zu einem Meer kraftvoller Revolutionäre werden.

Ergreifend schreckliche Konzerte erlebte ich allerdings auch. Am schlimmsten war Motörhead. Bei aller Liebe zu 40 Jahren Musikgeschichte, die Lemmy Kilmister als Head von Motörhead geschrieben hat, wird hier besonders deutlich, dass irgendwann der Zenit des Erfolgs überschritten wurde und zu einer der schlechtesten Liveshows ever wurde.

Zum Schluss noch ein kurzes Auswandern zu den Tour of Tours, der Kombo von Musikerfreunden. Ein unfassbar virtuoses, abwechslungsreiches und voll von Überraschungen übersätes Konzert. Das ist also das Ergebnis, wenn zehn Musiker sich zusammen tun und Musik machen, dachte ich mir in meiner wahnsinnig beflügelten Stimmung. Ein obergalaktisches Live-Erlebnis, das ich jederzeit wieder besuchen würde.

Angefangen hat das Ganze mit den Alabama Shakes, die ich danke meiner reizenden Autorenkollegin Olga beherzt erleben durfte. Da fackelte ich nicht lange und Bäms bekam ich was auf die Fresse von diesen facettenreichen Haudegen und Haudeginnen.

Kurzum, das war ein ganz exquisiter Konzertmarathon und die daraus resultierenden Eindrücke haben mein Musikohr geprägt und vor allem den inneren Drang erhöht, Bands live zu sehen.

Nun möchte ich auf eine Kategorie eingehen, die mir auch sehr am Herzen liegt. Die Kategorie der „neu entdeckten Alben“.

Man kennt das, man bekommt einen YouTube Link zu einem Song dieser unschlagbar tollen Band, die einem empfohlen wird. Und zack zeigt YouTube mir, was mir noch so gefallen könnte. Man findet also immer Neues. Als Autorin habe ich sowieso eine undurchdringliche Wissbegierigkeit von Neuentdeckungen. Besser noch, man kann sich stolzerweise brüskierend vor die auserkorenen Testhörer stellen und behaupten, man habe die Band neu entdeckt. Zu diesen Dingen kann ich eine schier unendliche Liste aufstellen, allein aus den letzten Monaten. Wenn ich mich entscheiden müsste für eine dieser vermeintlich eigens instruierten Entdeckungen, wenn ich auf eine einsame Insel ginge, das wäre eine meiner schwersten Entscheidungen in meinem Leben. Es muss also abwechslungsreiche, aber
zugleich stringente Musik sein, vielleicht ein wenig komplexer um sich nicht all zu schnell satt zu hören. Schließlich ist es die letzte Hoffnung, die Emotion und der schöne Klang den man braucht. Alles in allem, so ganz aus dem Bauch heraus wäre das dann doch die Boysetsfire. Die Songs sind textlich großartig und abwechslungsreich und haben für mich irgendwie etwas lebensbejahendes neben der ganzen Schrecken dieser Welt.

Neuentdeckungen:
1. The Broken Circle Breakdown Bluegrass Band
2. Black Mountain – Wilderness Heart
3. Gambles – Trust
4. Bane – Don`t wait up
5. Oscar and the Wolf- Entity
6. Beastmilk – Climax
7. This Patch of Sky – heroes and ghosts
8. Vashti Bunjan – Some Things Just Stick in your World
9. LSD on CIA

Dieses Durcheinander an Genre meiner Neuentdeckungen erstreckt sich auch hier vom Hardcore der Band Bane über den belgischen Electro-Pop Star Oscar and the Wolf, über ein psychedelisches Unterfangen bei LSD on CIA, bis hin zur seichten treuen Seele von Vashti Bunjan. Die auf Platz eins stehende Band existiert eigentlich nur in dem gleichnamigen Film „The Broken Circle“ und entlockt selbst dem härtesten Kerl ein paar Tränchen. This Patch of Sky ist vermutlich etwas für verwöhnte Hörer komplexerer Musik. Einzig und allein das Instrumentarium transportiert die Message der Band.

Ich weiß gar nicht mehr wohin mit den Gefühlen! Ein wahnsinniges intensives Musikjahr war das für mich und man hat immer noch nicht die diffundierenden Musikgenres der Rockmusik im Entferntesten kennengelernt. Ich schwelge nun inmitten nostalgischer Bewunderung an die großen Legenden der 60er und 70er, der unfassbaren Unendlichkeit von Rock-Bands mit voller Vorfreude, was uns nächstes Jahr begegnen wird.

„Weisst du was ich manchmal denke? Es müsste immer Musik da sein. Bei allem was du machst. Und wenns so richtig scheiße ist, dann ist wenigstens noch die Musik da. Und an der Stelle, wo es am allerschönsten ist, da müsste die Platte springen und du hörst immer nur diesen einen Moment.“ (Absolute Giganten)

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Fabian
Gast
Fabian

Jetzt verfolge ich die Kommentare der letzten 2 Wochen und eure Anmerkungen hören sich nur wie Ausreden an! So macht eure Seite keinen Spass und da kenne ich einige Leser die das ebenfalls so sehen!
Vom vielversprechenden Online Musik Magazin zum Nonsens Journalismus!
Fabian

Marc Michael Mays

Leider kann ich mit dem Kommentar nicht wirklich viel Anfangen. Das Gefühl, dass es sich für Dich wie Ausreden anhört, kann ich Dir leider nicht nehmen. Möchtest Du dich vielleicht selbst als Autor einbringen und etwas besser machen? Bewerben kannst Du dich jederzeit. Ich würde mich freuen. PS: D.I.Y or die!

Fabian
Gast
Fabian

Moin!
Wann kommt der Jahrespoll?
Ihr hängt echt allem hinterher!
Fabian

Marc Michael Mays

Hallo Fabian,
die Auswertung des Jahrespoll kommt dann wenn sie fertig ist. Dafür haben wir keinen festen Termin. Ich hoffe wir hängen mit der Antwortmail nicht zu sehr hinterher?!
Marc

Fabian
Gast
Fabian

Hallo Pretty in Noise!
Nachdem ich den ersten Jahresrückblick eurer Autorin Claudia Melzer gelesen habe
Würde ich gerne eine Diskussion zum letzten Refused Album starten!
Meiner Meinung nach ist Freedom einer der schlechtesten Alben die ich gehört habe! Blutleer , Null Ideenreichtum und langweilig!
Refused mögen live noch sehr gut sein aber das Album ist so überflüssig wie der Mett-Igel der 70er Jahre!
Refused is fucking dead!
Fabian

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