2017 war das Jahr, in dem ich angefangen habe für prettyinnoise.de zu schreiben und zeitgleich mein erneuter Einstieg in die zeitgenössische Rock- und Popmusik, die ich zugegeben etwas länger mit Ignoranz gestraft habe. Sicher, die aktuellen Alben meiner Lieblingsbands habe ich mir natürlich angeschafft, die meiste Energie habe ich aber darauf verwendet, mir die Klassiker der Musikgeschichte in verschiedensten Versionen in den Schrank zu stellen. Ich besitze keinen CD-Player, ich habe vor Jahren meine komplette Sammlung „vinylisiert“ und lasse auch kaum andere Medien an meine Ohren. Umso schöner, dass die Schallplatte gerade einen Boom erlebt und ich diese überwiegend wunderbare, „neue“ Musik auf meinen Uraltgeräten abspielen kann. Eine Top 10 zu erstellen, war recht anspruchsvoll und von Vollständigkeit kann hier keine Rede sein.


Das sind jedenfalls die Alben, die mich in diesem Jahr erfreut, überrascht oder schlichtweg umgehauen haben:

1. Fortuna Ehrenfeld – Hey Sexy

Seit ich zurückdenken kann, messe ich den Texten eines Albums wenigstens genau so viel Wichtigkeit bei, wie der Musik. Auf „Hey Sexy“ hat ein eher unscheinbarer Mittvierziger reinste Poesie geschaffen. Und das auf Deutsch! Dabei arbeitet er mit überaus gefühlsintensiver, um ehrlich zu sein überwiegend unmodischer Musik. Irgendwo zwischen leicht angestaubtem Pop und rührenden Pianotönen liegt die schillerndste Perle des scheidenden Jahres.

Anspieltipp: „Der Puff von Barcelona“

2. FJØRT – Couleur

Da haben ja bereits die Kollegen allerhand warme Worte verloren, die ich teilen und erneut unterstreichen möchte. Ich verfolge die Band schon seit der ersten EP (ich finde jedes Output nahezu gleich genial, nur so) und kann mit Fug und Recht behaupten, dass „Couleur“ das bisher ausgereifteste, erwachsenste und dramatischste Werk der Band darstellt. Hier wird musikalisch, wie auch textlich eine Schelle nach der anderen verteilt und eine derart intensive Stimmung geschaffen, dass es kaum möglich ist, dem Bann des Albums zu entrinnen. Dauerbrenner!

Anspieltipp: „Windschief“

3. Caspian Sea Monster – s/t

Ich werde nicht müde zu behaupten, dass Post-Rock eine schwierige Musikrichtung ist. Es klingen einfach zu viele Bands gleich und es wird sich viel oft am allgemein zugänglichen Genre-Setzkasten und bei Mogwai oder ähnlichen Fossilien bedient. Das Debut von Caspian Sea Monster hat mir wieder etwas Hoffnung für dieses Genre gegeben und mir gezeigt, dass es immer noch Bands gibt, die etwas zu sagen haben. In diesem Fall liegt das nicht unerheblich am Sänger, der die Musik perfekt bereichert.

Anspieltipp: „Razing Words“

4. Himmelsrandt – 4 Moments & Rain

Eine der großen Überraschungen in diesem Jahr: es hat sich ein Klassikalbum in meine Top 10 geschlichen! Und was für ein geiles! Wie der Mastermind von Himmelsrandt bin auch ich eigentlich im Metal beheimatet, was möglicherweise hier auch besser zum Verständnis beiträgt. Hier wird in zwei Zyklen eine wunderbare, emotionale und herbstlich-melancholische Atmosphäre geschaffen, die mich in der Tat zu berühren wusste. Tasten, Streicher und wirklich sehr dezente Elektrospitzen, mehr braucht es nicht für einen Platz meinen Jahrescharts.

Anspieltipp: Der „Rain“-Zyklus (die letzten vier Stücke des Albums)

5. Forkupines – Here, Away From

Emo ist tot? Nein, ist er nicht. Er ist lediglich erwachsen geworden und versteckt sich zwischen den musikalischen Zeilen einiger Punk- und Hardcorebands. Die Forkupines haben uns dieses Jahr ein Album mit fast ausschließlich Hits geschenkt, das man vor lauter klebrigen Melodien vielleicht lieber in Maßen genießen sollte. Andernfalls läuft man Gefahr, dass diese Vielzahl großartiger Momente alle andere Musik aus seinem Gedächtnis wäscht. Definitiv das Punk-Album des Jahres.

Anspieltipp: „By The Sea“

6. KiKu, Blixa Bargeld & Black Cracker – Eng, düster und bang

Ein Ambient-Jazz-Duo trifft auf einen brummelndes Urgestein und einen Poesie-Rapper. Gemeinsam vertonen sie einen Roman aus dem 18. Jahrhundert. Klingt schräg? Ist es auch. Aber dieses wunderbar schrullige Stück Musik/Poesie ist derart beeindruckend, dass es hier unbedingt einen Platz haben muss. Hier gibt es Soundscapes, Beats, Raps, Jazz und Deutschlands schönste Erzählstimme. Großartig!

Anspieltipp: “Ich lag einmal vor der Sonne auf einem Berge“

7. Vespero – Shum-Shir

Von meinem Krefelder Lieblingslabel Tonzonen kommt eines der Highlights des Jahres. Die russischen Psychedelic-Krauterer von Vespero haben eine äthiopische Krönungszeremonie vertont und bringen den Hörer bis hin zur völligen Ekstase. Unter Verwendung von jedwedem Instrumentarium das in allen Phasen des Kraut-, Psychedelic- und Spacerrocks üblich und etabliert ist, wird hier der Trip des Jahres auf uns los gelassen.

Anspieltipp: „Isidore’s Dance“

8. Lirr – God’s on our side, welcome to the jungle

Ui, das ist auch ein geiles Ding! In der Basis knackiger Post-Hardcore, aber mit derart vielen Genreausflügen bereichert, dass man kaum mehr weiß, wo einem der Kopf steht. Da wird mit Storytelling-Hardcore á la La Dispute gearbeitet, mit Emo, mit TripHop und mit Post-Punk. In nicht einmal 30 Minuten mäht einer Grand Hotels Van Cleef’s jüngsten Zugängen alles nieder. Es dauert eine Weile, bis man durch dieses Chaos blickt, aber sobald es gelungen ist, hat man seine himmlische Freude daran.

Anspieltipp: „Jungle Pt. 1“

9. Jon And Roy – The Road Ahead Is Golden

Um auch die ruhigen Seiten des Lebens zu würdigen, möchte ich auch das neueste Werk dieses Trios mit in die Aufstellung nehmen. Hier haben wir es mit supergemütlichem, verträumtem Folk-Pop zu tun, der mit seinen melodieverliebten Songs und unzähligen Videoveröffentlichungen glänzt. Die Kanadier retten das Genre im Handumdrehen aus der drohenden Belanglosigkeit und sie lassen sich hoffentlich im nächsten Jahr mit Nachschub blicken.

Anspieltipp: „The Better Life“

10. Nihiling – Batteri

Neben Platz 3 der zweite Eye-Opener in Sachen Post-Rock und mit Sicherheit auch eines der spannendsten Alben dieses Genres überhaupt. Auch hier wird bei der Hälfte der Songs Gesang beigesteuert, was dem Ganzen den letzten Schliff zur Besonderheit verleiht. Eine Hälfte poppiger Ambient/Post-Pop mit Gesang, eine Hälfte perfekt komponierter, wahnsinnig geiler Post-Rock. Die Leute von Kapitän Platte wissen wirklich, wie man sich hervorragende Bands pflegt. Nihiling ist da auf jeden Fall ein Keeper.

Anspieltipp(s): „Power Rangers“ und „Cellardoor“

Lade mehr von Steffen Eggert

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Auch Interessant

Das war 2017 – Rückblick der Autoren: Jonathan Scheid

Ich musste lange nachdenken, was eigentlich alles dieses Jahr erschienen ist. Für mich hab…