Vergleichbar wortwitzige Reimstrukturen wie die von Dendemann auf der Eins Zwo „Sport“ EP hatte Rap-Deutschland im Jahr 1998 noch nicht gehört.

Vö: 25.01.2019 Vertigo Berlin iTunes LP kaufen

Knapp 21 Jahre später ist Deutschlands versiertester Wortakrobat nach wie vor in der Spur und dreht von der Konkurrenz ungefährdet einsam seine Runden, wie Michael Schumacher zu seinen besten Zeiten. „Da nich für“ ist im dritten Versuch sein bisher bestes Soloalbum.

Der inzwischen 44-jährige Wahlberliner performt darauf wie ein Sportlehrer, der es sich nicht nehmen lässt, von Zeit zu Zeit selbst noch mal die Schuhe zu schnüren.

Nur um all den durchtrainierten Nachwuchs-Rotzlöffeln nachhaltig zu beweisen, wie man es am besten macht, so wie Kobe Bryant in seinen letzten Karriere-Jahren bei den LA Lakers. 60 Punkte auf Knopfdruck? Kannste haben! Erste Wortwitz-Warnschüsse verteilt er dabei schon im Opener „Ich dende also bin ich“ – ’n klitzekleiner witzgescheiter Geistesblitzableiter, aber die meisten Spitzenreiter waren dummdreiste Sitzenbleiber.“

Obwohl er selbst – wie er im Musikexpress-Interview zugibt – eigentlich „die Speerspitze der Ignoranz“ ist, arbeitet sich Dendemann erstmals auch an sozialkritischen Themen ab. So nimmt er in den Tracks „Parolen“, „Müde“, „Menschine“, „Zauberland“ oder „Zeitumstellung“ den Rechtsruck der Gesellschaft, die Selbstbezogenheit seiner Mitmenschen (aber auch sich selbst), den allgemein grassierenden Hedonismus unserer Zeit oder den Hang zur Selbstoptimierung in die kritische Flügelzange, wie bei Bayern Arjen Robben und Franck  Ribéry.

Die Feature- und Sample-Gäste auf „Da nich für“ sind hochkarätig aber nicht Mittel zum Zweck, um dem potenziellen Märchenonkel, der dir ein Ohr abkauen will wie Mike Tyson, zu mehr Reichweite in der jugendlichen Zielgruppe zu verhelfen.

Dendemann braucht die ganzen Gzuz & Bonez, Rins und Yung Hurns, Capital Bras und Bausas nicht, stattdessen hat er mit dem gehypten Trettmann, der sogar noch ein Jährchen älter ist als Dende selbst, dessen noch gehypterer Crew Kitschkrieg, Arnim von den Beatsteaks, den Beginnern und Casper, die Crème de la Crème der Ü30-Generation am Start. Gerade Casper rappt in „Alle Jubilare wieder“ einen überirdischen Part, der dir eine Kopfnuss verpasst, wie Zinédine Zidane.

The Krauts, die sich als Produzenten von Peter Fox „Stadtaffe“ und aller Marteria-Alben einen Namen machten, kleiden das Album in ein modern-unmodernes Gewand mit viel Raum für Scratches und Samples.

Auffallend ist, dass die gesampleten Fetzen allesamt deutschsprachigen Songs entnommen sind. Dendemann dazu im Visions Interview: „Nachdem wir es eine Zeitlang mit diesen ganzen typischen Ami-Beats probiert und ich wieder die ersten zwei, drei deutschen Dinger zu Hause gebastelt hatte, war dann klar: Das ist das, was ich machen möchte. Nicht, weil es deutsch ist, das ist für mich ein Bonus-Kick, sondern weil es ein eigener Sound ist. Es klingt nicht wie amerikanische Soul-Samples, es ist cheesy und verfügt oft über eine Brillanz, die man eigentlich gar nicht will. Typisch amerikanische Beats wollte ich noch nie.“

Dendemann hat im Verlauf seiner Karriere jede Menge Titel angesammelt, wie Roger Federer beim Tennis.

Trotzdem gibt er sich mit den bisher abgelieferten Höchstleistungen nicht zufrieden, was allein schon die achtjährige Wartezeit vom Vorgänger-Album „Vom Vintage verweht“ und die immerhin auch schon zweijährige Wartezeit seit seinem Ende beim Neo Magazin Royale bis zur Album-Veröffentlichung verdeutlicht. Fest steht: Die lange Wartezeit hat sich mehr als gelohnt. Dendemann tischt auf „Da nich für“ keinen lauwarmen Conscious-Couscous aus der Tupperdose im Rucksack auf. Stattdessen klingt alles an seinem Comeback-Album frisch, modern und einfach sportlich.

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  • 10/10
    Autor Thomas Lingstädt - 10/10
10/10

Kurzfassung

Dendemann tischt auf „Da nich für“ keinen lauwarmen Conscious-Couscous aus der Tupperdose im Rucksack auf. Stattdessen klingt alles an seinem Comeback-Album frisch, modern und einfach sportlich.

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