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Mit den Desaparecidos hat Conor Oberst vor seiner Indiefolk-Zeit rebellischen Punkrock ins Feld geschmissen – fast 14 Jahre und die Trennung samt Wiedervereinigung nach dem Debüt kommt die Band mit ihrem zweiten Album erneut um die Ecke und streckt noch immer die Faust zum Protest in die Luft.

Indie-Rock mit Emo, oder Emo mit Indie-Rock? Die Frage, die sich schon beim Debüt-Album Read Music/Speak Spanish stellte, kann man sich heute nun wieder fragen, denn Indie-Barde und genereller Alleskönner Oberst erkundet weiter die Melange aus den Genres. 2002 kam das erste Album raus, nicht viel später gab man auch schon die Trennung bekannt. Ab 2010 spielte die Band dann sporadisch einige Live-Shows, und diverse Singles wurden auch veröffentlicht, von denen die ein oder andere auf dem neuen Album Payola zu finden ist.

Einige Jahre sind also vergangen, und die haben auf dem neuen Album auch ihre Spuren hinterlassen; denn das Konglomerat aus eben Indie und Emo wurde nun erweitert, verfeinert und quasi auf den neusten Stand gebracht. Eine auffällige Änderung ist die verhältnismäßig zurückgenommene Produktion: Wo das Erstlingswerk soundtechnisch noch gerne aneckte und kratzte, immer wütend draufknüppelte und auch mal Proberaum-mäßig roh klang, wo Oberst seine Stimme immer auf dem schmalen Grat zwischen naiv-emotionalem Gesang und impulsivem Screaming tänzeln ließ, herrscht nun eine überlegtere, fast schon reifere Herangehensweise; die Songs wirken generell strukturierter und konzentrierter, und auch die Ausbrüche sind seltener geworden, wenn sie auch nicht ganz verschwunden sind. Den Melodien, bekanntlich eine Stärke von Oberst, wird hier nun mehr Platz eingeräumt, was dem Ganzen stellenweise ein wenig an Intensität stiehlt, die man vom Erstlingswerk vermissen könnte; davon abgesehen muss man aber doch feststellen, dass Conor Oberst nicht ewig Anfang 20 geblieben ist, dass das eigentlich ganz gut ist, und dass dies hier im Kern trotzdem verdammt gute Songs sind.

Überraschend auf dieser Platte kam der Einsatz von New Wave-artigen Keyboards auf Payola, die aber nicht eingesetzt wurden, nur um einfach etwas neu zu machen, sondern kontextuell Sinn ergeben und sich organisch in die Songs einfügen; so ist der Aufhänger „Von Maur Massacre“ von einer leicht angezerrten Synthi-Spur dominiert, die aber so rotzig und druckvoll klingt, dass man sie nicht vom Song trennen möchte, und der Keyboard-Teppich in „Radicalized“ erinnert an gute Placebo-Momente. Was sich jedoch nach all den Jahren nicht geändert hat, sind die kämpferischen und protest-getränkten Texte von Oberst: Noch immer wettert er gegen Kapitalismus, Konsumsucht und Ungerechtigkeiten, und noch immer ist das, was er da singt, relevant. So sind schon alleine Songtitel wie „The Left is Right“ ein Statement über die politische Ausrichtung der Band, in „MariKKKopa“ wird gegen rassistische Polizisten gewütet, „Te Amo Camila Vallejo“ ist eine Ode an die gleichnamige kommunistische Politikerin, und „Anonymous“ handelt von der Hacktivisten-Gruppe, die eben diesen Namen trägt. Man merkt, Oberst hat noch immer viel zu sagen, und er wird auch nicht müde, seine Ansichten dem Hörer druckvoll und vollends überzeugt entgegenzuschleudern.

Die Desaparecidos sind also erfolgreich, wenn auch unweigerlich reifer im Jahr 2015 angekommen: Der Sound hat einige interessante und frische Nuancen erhalten, ist aber immer noch original Desaparecidos. Die vielen Jahre zwischen diesem Album und dem Debüt sind natürlich nicht spurlos vorbeigegangen, die jugendliche Impulsivität ist nicht mehr ganz da, doch die Wut ist noch zu spüren, und die Proteste sind klar wie eh und je: Solange es noch Zufriedene und Mächtige gibt, wird Conor Oberst noch etwas zu sagen haben.


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