Steckt hier der Pop im Punk oder doch andersherum? – Oder: Von Kaffeetassen, Hundehäusern und Liebesliedern.

LP kaufen Vö: 24.09.1996 Epitaph Records

Das Cover, der Titel, der Name: Ikonischer sind in der weiten Welt des Punkrocks höchstens noch der Misfits-Ghoul, das Ramones-Logo oder vier zu einander versetzte schwarze Balken, die eine wehende Flagge bilden. Die Descendents spielen inzwischen sicher in dieser Liga ruhmesreicher Namen. Und ähnlich lange dabei sind sie auch: 1977 im kalifornischen Manhattan Beach gegründet, brauchte es gute fünf Jahre und einige Besetzungswechsel, bis das erste Album Milo Goes To College 1982 erschien und den Bandsound mit Einflüssen aus Hardcore, Punk, Surfrock und Power-Pop erstmals etablierte. Was darauf folgte, war die erste von vielen Auflösungen: Der Albumtitel war keine Fantasie, denn das Strichmännchen auf dem Cover stellt Sänger Milo Aukerman dar, der tatsächlich ans College ging, um Biologie zu studieren und darin zu promovieren (die Arbeit als Biologe gab er tatsächlich erst 2016 auf, um Vollzeitmusiker zu werden – nach mehr als dreißig Jahren Dasein als Frontmann der Descendents). Die Band fand trotzdem sporadisch zusammen und nahm zwischen 1985 und 1987 drei weitere Alben auf. In dieser Zeit formte sich auch das endgültige Line-Up mit Milo am Mikrofon, Stephen Egerton an der Gitarre, Karl Alvarez am Bass und Bill Stevenson an den Drums. Nachdem All 1987 in dieser Konstellation aufgenommen war, verließ Aukerman die Band erneut, woraufhin die restlichen drei Mitglieder unter dem Namen All mit wechselnden Sängern eine inzwischen ebenfalls kultige Ablegerband starteten.

Sprung ins Jahr 1996: Die Vier finden wieder zusammen, um das fünfte Album aufzunehmen. Auf dem Cover wieder Strichmännchen-Milo, eine Zeitung lesend, die mit Everything Sucks überschrieben ist. Mehr braucht es nicht, um die Essenz des Albums und der Band zusammenzufassen: Der Quasi-Titelsong Everything Sux braucht keine anderthalb Minuten, um sich mit wütender Aggression zur Antihymne für alle schlechten Tage dieser Welt zu empfehlen. Den Kontrast hierzu bildet direkt im Anschluss das hochmelodische I’m The One: Popmelodien, Midtempo, Ohrwurmpotenzial. Zwischen diesen beiden Polen pendeln auch die restlichen dreizehn Stücke, wobei bis auf eine Ausnahme kein Song mehr als zweieinhalb Minuten benötigt, um die kleinen Alltagsgeschichten zwischen Losertum (Sick-O-Me), Alltagsfrust (Doghouse) oder aufrichtigen Liebesbekundungen (I Won’t Let Me) zu erzählen. Was die Descendents neben dem einzigartigen Sound schon seit jeher auszeichnete, ist ihr etwas abseitiger Sinn für Humor: So behandelt Eunuch Boy beispielsweise die Geschichte eines Jungen, der einen Rasenmäher nicht sehr – naja – ordnungsgemäß benutzte. Und Coffee Mug ist eine 30-Sekunden-Hymne auf das koffeinhaltige schwarze Gold, ohne das die Band nach eigener Aussage nie ihren hyperaktiven, getriebenen Sound entwickelt hätte. In Szene gesetzt wurde dieser übrigens von Drummer Bill Stevenson, der nicht nur als einer der akkuratesten Schlagzeuger im Punk gilt, sondern sich über die Jahre nebenbei zu einem hervorragenden Produzenten entwickelt hat und Everything Sucks in seinem eigenem Studio (The Blasting Room) den prägnanten und stimmigen Klang verpasst hat.

Übrigens geht der Treppenwitz noch weiter: Nach der Tour zum Album folgte 1997 die erneute Auflösung. Und von einer weiteren kurzen Zusammenkunft (für Cool To Be You in 2004) abgesehen, sollte es noch dreizehn weitere Jahre dauern, ehe die Band ab 2010 konstant und unterbrechungsfrei aktiv sein sollte.

Schreibfehler gefunden? Sag uns Bescheid, indem Du den Fehler markierst und Strg + Enter drückst.