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Gemeinhin möchte man meist tief im Erdboden versinken, wenn (deutschsprachige) Künstler_innen mal wieder versuchen, den (konkreten) politischen Status Quo mit Mitteln der Populärkunst allzu explizit aufzuarbeiten.

Vö: 08.02.2019BubackiTunesLP kaufen

Zu oft werden einfache Geschichten in harmonischen Dreiakkord-Songs erzählt, peinliche Freund-Feind-Schemen aufgebaut, Widersprüche ausgeblendet. Was am Ende dann bleibt, ist ein schleimiger, kitschiger, ungenießbarer Brei. Ungenießbar insbesondere für jene, die sich selbst noch als politisch verstehen und darüber hinaus an der Aufrechterhaltung ästhetischer Minimalstandards festhalten.

Die Goldenen Zitronen trotzen diesen Fettnäpfchen, seit mittlerweile 35 Jahren.

Längst sind sie zu Feuilleton-Lieblingen mutiert und haben trotzdem an ihrer linksradikalen Grundeinstellung festgehalten, sind demnach also keine sogenannten „falschen“ Kompromisse eingegangen. Was zugleich die Ursache ihrer exponierten Stellung innerhalb der nicht-massenkompatiblen deutschsprachigen Popmusik-Landschaft sein dürfte. Wenn Die Goldenen Zitronen mal wieder von sich hören lassen, dann spitzen alle (oder zumindest viele) die Ohren. Denn stets gibt es wichtiges zu vernehmen, darauf kann man sich verlassen. Und, das ist dann auch die Überleitung zu „More Than A Feeling“: So natürlich auch dieses Mal.

Was die „Goldis“ vom weiter oben skizzierten Phänomen schlecht gemachter politischer Kunst unterscheidet, wird auch auf dem aktuellen Album wieder deutlich: sie arbeiten nicht mit Parolen, sie bieten keine Lösungen an, sie schwingen sich nicht (Gott bewahre!) zu neuen politischen Führern auf.

Was sie machen, ist, die Abgründe des politisch-gesellschaftlichen Mainstreams herauszufiltern, zu sezieren, in all seiner Brutalität, was unweigerlich eine viel eindringlichere Wirkung hat.

1994 hieß es in Anlehnung an Hoyerswerda, Mölln und Co: „Das bisschen Totschlag, bringt uns nicht gleich um.“ 2019 werden sie an vielen Stellen expliziter, wie etwa im Eröffnungstrack „Katakombe“, in dem es heißt: „Du sagst, gestern ist eine Frau in deiner Nachbarschaft halb tot geschlagen worden, was aber gar nicht stimmt. Du erzählst von einem, der dir 3000 Euro geboten hat, wenn du ihm dabei hilfst, eine Knarre zu besorgen, damit er sich gegen die sogenannten ‚Flüchtlinge‘ in seiner Nachbarschaft wehren kann, weil die seine Schwester bedrohen würden – frei erfunden.“

Gerüchte, Mutmaßungen, Lügen, die nicht zufällig, sondern ganz bewusst entstehen, um die (Re-)Produktion des Außenseitertums (respektive des gesellschaftlichen Exkrements) zu legitimieren, bilden auf „More Than A Feeling“ ein mal mehr die Hauptquelle des lyrischen Ergusses der Goldenen Zitronen. Ganz konkret waren laut Sänger Schorsch Kamerun (nachzulesen in der aktuellen und zugleich letzten Ausgabe der Spex) „G20, dieses Volk und das Mauerbauen“ die übergeordneten Themen.

Musikalisch gehen sie den Weg weiter, den sie auf den letzten beiden Alben „Who’s Bad“ und „Flogging A Dead Frog“ eingeschlagen haben.

Also weg vom atonalen, hektischen Avantgarde-Jazz-Punk-Hybrid zu eher minimalistischem, eingängigen, tanzbaren Elektro-Pop. Auch balladeske Einschübe wie bei „Bleib bei mir“ werden nicht gescheut. Musikalisch sind sie also durchaus friedfertiger geworden über die letzten Jahre; dass sie aber von der sogenannten „Altersmilde“, die bei künstlerischen Ergüssen von Menschen Ende 50, Anfang 60 gerne hineininterpretiert wird, meilenweit entfernt sind, zeigen natürlich nicht zuletzt ihre verbalen Interventionen gegenüber einer mal offen, mal verdeckt chauvinistische Mehrheitsgesellschaft. Darunter offenbart sich letztlich dann doch die Sehnsucht nach einer wie auch immer gearteten Friedfertigkeit, denn Die Goldenen Zitronen waren und sind unzufrieden, 1984 wie 2019. Diese Sehnsucht nach einer Überwindung der vielfachen gesellschaftlichen Exklusionsmechanismen nehmen sie aber nicht zum Anlass, Harmonie zu verkünden in einer Zeit, in der es diese noch gar nicht gibt, von der man sich im Gegenteil seit Jahren peu a peu weiter zu entfernen scheint.

Die Zeichen stehen aktuell auf Konfrontation, und diese Konfrontation wird auch auf „More Than A Feeling“ nicht gescheut. Um keinen falschen Frieden zu schließen mit denen, die diese Konfrontation beständig suchen und provozieren.

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Zusammenfassung
Die Goldenen Zitronen halten der Gesellschaft auf „More Than A Feeling“ ein mal mehr sinnbildlich ihren eigenen Spiegel vor, in der Hoffnung, sie möge erschrecken angesichts der schauerlichen Fratze, die sich ihr dort offenbart. Mag die politische Kraft, die in Musik stecken kann, potenziell sehr begrenzt sein: Anecken, ungemütlich sein, den gesellschaftlichen Frieden stören bleiben auch im 35. Jahr des Bestehens der „Goldis“ die bevorzugte Variante gegenüber der Stille und der Apathie.
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