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„Alle Menschen mögen mich“, sang Stella Sommer vor nun mehr 12 Jahren auf dem Heiterkeit-Debüt „Herz aus Gold“. Zustandsbeschreibung kann dieser Satz damals nicht gewesen sein, eher eine Form des appellativen Herbeisehnens.

Vö: 01.03.2019Buback TonträgerLP kaufen

Niemand nahm so richtig Notiz von der Band Die Heiterkeit, abgesehen von ein paar verschrobenen Feuilletonist_innen, die schon damals eine helle Freude an der Band hatten. Denn auch wenn die basic facts (Post-Hamburger-Schule, musikalisch basierend auf Gitarre, Bass, Schlagzeug) auf grundsolide-langweiligen Indie Pop schließen ließen, waren Die Heiterkeit doch ganz anders. Ihr Konzept basierte auf lustvoller Entfremdung. Indem sie gar nicht erst versuchte, dem Publikum einen Tropfen Honig um den Mund zu schmieren, war dieses wahnsinnig fasziniert, und vielleicht fühlte es sich gar ein wenig geschmeichelt. „Distanz als Form von Nähe“, hieß es daher folgerichtig auf dem letzten Album „Pop & Tod I+II“.

Wie auch schon in der Vergangenheit üblich, präsentiert Die Heiterkeit sich auch auf dem neuen Album in völlig neuem Soundgewand.

Vom schnodderigen Gitarrenpop auf „Herz aus Gold“, über episch-anspruchsvollen Dark Wave auf „Monterey“ bis hin zu sakralem Größenwahnsinn auf „Pop & Tod I+II“ stand man nun vor der Herausforderung, ein neues Soundgewand zu kreieren. Glücklicherweise haben sie sich einer erneuten Steigerungslogik verweigert. Alles auf dem neuen Album klingt eine Spur kleiner, gelegentlich auch intimer. Während auf dem letzten Album große Begrifflichkeiten wie „Pop“, „Tod“ oder „Universum“ eine gewisse Zeit- und Kontextlosigkeit suggerierten, heißt es auf dem neuen Album: „Ich sehe dich am liebsten als Bild auf Instagram.“

Die Heiterkeit sind konkreter und nahbarer geworden. Dadurch bieten sich ihnen neue Räume an, und, soviel darf an dieser Stelle schon verraten werden, diese Räume werden brillant genutzt.

Schon auf der Vorabsingle „Was passiert ist“ bahnte sich die Veränderung an. Während Sommer auf jedem bisherigen Album stimmlich eine gefühlte Oktave tiefer rutschte, deutete es sich nun an, dass sie ihre Stimme auf dem neuen Album variabler nutzen würde. Zudem war, nicht völlig überraschend, keine Gitarre mehr zu hören. Dieser Trend hatte sich zwar schon auf den vorherigen beiden Alben mit einer zunehmenden Synthie-Lastigkeit angedeutet, doch war die Gitarre bisher trotzdem noch elementarer Bestandteil des Sound-Gewands geblieben. Tatsächlich gibt es auf dem neuen Album gerade ein mal noch einen Song, in dem eine Gitarre zu hören ist, nämlich auf der dritten Single-Auskopplung „Jeder Tag ist ein kleines Jahrhundert“. Das hat einen großen Einfluss auf die Wirkung der Songs.

Natürlich war Die Heiterkeit immer eine Popband, aber nie in dem Sinne, dass sie die großen (oder zumindest kleinen) Massen erreicht hätte. Dafür waren die Songs wahlweise zu sperrig (wie auf „Monterey“) oder aber zu mystisch-düster (wie auf „Pop & Tod I+II“).

Zwar besingen Die Heiterkeit auch im Jahr 2019 (Gott sei Dank!) nicht die Sonnenseiten des Lebens, aber doch klingt ihre Melancholie nun etwas beschwingter, oder wie im großartigen „Das Wort“ gar tanzbarer. „Dieses Mädchen“ mit seinen überlappenden Synthie-Landschaften hingegen weckt Assoziationen an Künstlerinnen wie Molly Nillson. Und in der zweiten Single „Wie finden wir uns“ singt Sommer im Refrain die titelgebende Zeile so ergreifend repetitiv vor sich her, während man sich über die Doppeldeutigkeit dieser Zeile den Kopf zerbricht: Wird mit der Frage ein lyrisches Du gesucht, oder dient sie einer Bestandsaufnahme? Das Album wirkt, insbesondere im Vergleich mit „Pop & Tod I+II“ beinahe entrümpelt. Dass es dabei so gut wie keine Gitarren mehr zu hören gibt, ist dabei nur einer unter mehreren Indikatoren. Auch ist das Album mit einem Gesamtumfang von 11 Songs und einer Spielzeit von knapp 35 Minuten relativ kurz ausgefallen. Kein Song überschreitet dabei die symbolische 4-Minuten-Grenze. Und vom einstigen Bandkonzept scheint nicht mehr viel übrig geblieben zu sein.

So weit es die spärlich gestreuten Informationen herleiten lassen, scheint die Band auf Stella Sommer und Philipp Wulf geschrumpft zu sein.

Bass spielte Produzent Moses Schneider, der bereits auf den vorherigen beiden Alben an den Reglern saß. Zwar stand seit jeher Sommer mit ihrem charismatischen Gesang im Zentrum des Geschehens, doch waren zumindest in den ausgekoppelten Videos noch die übrigen Bandmitglieder zu sehen. Auch das hat sich nun geändert: In allen drei ausgekoppelten Singles ist nur noch Sommer zu sehen. Die Heiterkeit scheint ihr zweites Solo-Projekt geworden zu sein. In der Vorab-Info des Labels hieß es, das Album bestehe aus zwei Arten von Songs: Hymnen und Hits. Tatsächlich ist dies eine sehr zutreffende Charakterisierung. Mögen die Zeiten auch noch so dunkel und trist sein, Die Heiterkeit bieten Eskapismus in seiner süßesten Form.

Kaum hat man die Songs gehört, summt man sie den ganzen Tag über vor sich her.

Die anstrengendsten, mühseligsten Tage gewinnen somit an Leichtigkeit und Eleganz, wenn einem eine warme Stimme im Kopf vorsingt: „Jeder Tag ist ein kleines Jahrhundert/ Jeder Tag ist endlos lang/ Das Loch ist bodenlos/ Wir verlieren uns bloß“.

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